MONTAGSBLOCK /63

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Es ist alles gesagt worden zur Özil-Affäre – dass das Foto mit Erdogan eine Eselei gewesen ist, dass die Nationalmannschaft nicht wegen Özil ausgeschieden ist, dass Integration beim DFB vor allem eine schöne Image-Kampagne ist, dass Bierhoff zu viel und Löw zu wenig gesagt hat, dass Özil sich früher hätte äußern müssen, dass der Einwanderer mehr leisten müsse, um etwas zu gelten, als der Autochthone, dass es (auch in der Nationalmannschaft) eine Hierarchie der unterschiedlichen Herkunftsregionen von Migrationshintergründlern gibt usw. Der für den Kasus doppelzuständige Sport- und Heimatminister hat aber inzwischen verlauten lassen: Özil ist einer von uns.

Der Fall Özil ist sehr lehrreich, dabei geht es gar nicht um Özil. Özil hat allen Beteiligten den Gefallen getan, in seinem Statement den Begriff des Rassismus zu verwenden, der geradezu elektrisierend wirkt. Der Begriff trifft auf eine Öffentlichkeit, die derzeit ohnehin an Migrations- und Integrationsfragen, an Fragen des Umgangs mit kultureller und religiöser Differenz, an der Frage des Umgangs mit Flüchtlingen und Flüchtlingspolitik laboriert. Der Begriff scheint ja einen Nerv zu treffen – und zwar auf beiden Seiten des Spektrums, die letztlich ihre bekannten Rollen spielen.

Von der einen Seite wird er geradezu wohlig aufgenommen, eins zu eins übernommen und in seiner ganzen authentischen Betroffenheit instrumentalisiert. Die Verlautbarungen und die positiven Stellungnahmen in den sozialen Netzwerken dazu gefallen sich darin, hier ein prominentes Beispiel für die Rechtsdrift der Gesellschaft gefunden zu haben. Dass in unserem Land etwas nicht stimmt – so eine immer wiederkehrende Formulierung – hier hat man es gewissermaßen interpretationsfertig präsentiert bekommen, sodass sich dieses Symbol von seinem Ausgangspunkt lösen kann. Es geht gar nicht mehr um Özil, sondern um Sagbarkeit – und darum, wie sehr solche Debatten doch stets aussehen, als folgten sie einem Drehbuch (kursbuch.edition „Deutschland ein Drehbuch“, Peter Felixberger, Armin Nassehi). Ich versichere hier an Eides statt: Als ich die drei Statements von Özil gelesen habe, vor allem den letzten Satz „Racism should never, ever be accepted“, war mir klar, dass es dazu bald einen Hashtag geben würde, wie man als Binationaler als Deutscher akzeptiert werden könne. Das geschieht nun im Modus der authentischen Rede mit Selbstverstärkungseffekt – und mit einer Mischung aus der wohligen Erfahrung, Teil eines größeren Geschehens zu sein, zugleich aber der Dokumentation alltäglicher Ressentiments gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe und fremden religiösen Bekenntnissen. Wenn man diese Erfahrungen liest, läuft es einem oft kalt den Rücken herunter. Aber irgendwie dementieren diese Erfahrungsberichte auch das, was sie anklagen: Sie zeigen, wie weit die deutsche Gesellschaft bereits darin ist, solche Erfahrungen für sagbar zu halten und sich damit auseinanderzusetzen. Zuvor dürften die Erfahrungen mit Rassismus viel extremer gewesen sein – aber kaum sagbar. Darin ist #MeTwo seinem Zwilling #MeToo sehr ähnlich.

Auf der anderen Seite sind Özils Statements als ungerechte Jammergeschichte abgelehnt worden, als Übertreibung oder nachträgliche Rationalisierung. Aber das scheinen eher defensive Reaktionen zu sein – was man auch an der Lautstärke der Bild-Kampagne sehen kann.

Der Fall Özil hat nicht nur den Wohlmeinenden die Kommunikation über Rassismus erleichtert, sondern auch den Gegnern, der anderen Seite, sich dagegen zu verwahren. Das ist das vielleicht Spannendste an den Reaktionen, dass der Fall Özil beide Seiten bedient, beiden Seiten einen Gefallen tut – und sieht man genau hin, haben auch beide Seiten ein Gutteil Recht: die eine, die auf alltägliche Differenzerfahrungen verweist, auf eine niedrigschwellige, oft gar nicht böse gemeinte, für die Betroffenen aber durchaus wirksame Form, immer wieder auf Differenz hingewiesen zu werden. Man sollte die Berichte unter #MeTwo wenigstens lesen. Dabei hilft auch der soziologische Hinweis kaum, dass die Wahrscheinlichkeit dafür bei denen, die von einer nicht weiter thematisierbaren Form der Zugehörigkeit abweichen, schlicht größer ist – man darf annehmen: weltweit und kulturunabhängig. Übrigens wurde Özil das erste Mal von türkischen Fans ausgepfiffen, nachdem er sich für die deutsche Nationalmannschaft (und Staatsbürgerschaft) entschieden hatte.

Die andere Seite hat durchaus auch Recht, wenn sie darauf hinweist, dass Özil vor allem dafür abgestraft wurde, dass er sich mit Erdogan im Wahlkampf hat fotografieren lassen und sich auch jetzt nicht dazu verhalten hat. Özil hat dieser Seite den Gefallen getan, nicht die Sätze zu sagen, die man durchaus hätte erwarten können – zur Situation in der Türkei zum Beispiel.

Das ist die Gemengelage, und die Dynamik der Debatte wird noch etwas weiter gehen. Was man aber daraus lernen kann, ist Folgendes: Die Debatte verweist auf die Schieflage der deutschen Migrations- und Integrationsdebatte, die interessanterweise von ganz unterschiedlichen Seiten als Anerkennungs- und Bekenntnisdebatte geführt wird. So wie die einen ein Bekenntnis zu Deutschland verlangen, gerne das Absingen der Nationalhymne als Indikator verwenden und über die eigenen Werte usw. reden, plädieren die anderen dafür, dass man mehrere Bekenntnisse nebeneinander haben darf, dass Pluralität der eigentliche Wert sei und dass multiple Zugehörigkeiten etwas geradezu Selbstverständliches in einer modernen Welt wie unserer seien. Beide Auffassungen sind gefangen in einer Anerkennungs- und Bekenntnisform. Und je nach normativer Orientierung fallen diese Anerkennungs- und Bekenntnisformen dann innerhalb des Kulturkampfes unterschiedlich aus. Es bleiben aber letztlich Anerkennungs- und Bekenntnisfragen.

Was der Fall Özil also lehrt, ist vor allem, nach den Bedingungen zu fragen, unter denen die Nolens-volens-Einwanderungsgesellschaft in Deutschland funktionieren kann. Man muss Özil und seinen Beratern bei aller Kritik an den ziemlich lauten Leerstellen seiner Statements und an der wachsweichen (und sicher auch ökonomisch erklärbaren) Zurückhaltung in der Türkeifrage dankbar sein, dass er durchaus auch ernst zu nehmende Fragen gestellt hat. Was muss jemand tun, der in Deutschland, in Gelsenkirchen geboren wurde, der als dritte Generation von Gastarbeitern ganz unten in der Hierarchieskala in Deutschland und unter Migranten steht, um bestimmte Fragen nicht beantworten zu müssen? Warum muss er sich erklären (von der leidigen Erdogan-Frage einmal abgesehen), während andere das nicht müssen? Das ist die Frage einer dritten Generation, der man Integration abverlangt, die aber längst dazugehört, auch weil sie gar keine Alternative hat. Dass gerade zwischen erster, zweiter und dritter Gastarbeitergeneration Loyalitätskonflikte entstanden sind, in Kombination mit einem völlig unvorbereiteten deutschen Schulsystem, beginnen wir gerade erst aufzuarbeiten. All das hat mit abstrakten Bekenntnisfragen nichts zu tun.

Die beiden bemerkenswertesten Statements zur Debatte stammen interessanterweise von einer Autorin und einem Autor, die man wohl bis jetzt noch nie in einem Atemzug genannt hat, nämlich vom FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube und der SPON-Kolumnistin Margarete Stokowski. Kaube gibt zu bedenken, dass die Integrationsfrage schlicht unrealistisch geführt wird. Eine moderne Gesellschaft müsse stets damit zurechtkommen, dass es so etwas wie eine vollständige Assimilation nicht geben kann und für die Erwartung der vollständigen Verschmelzung mit der autochthonen Kultur schlicht das einheitliche Gegenüber fehlt – was vor allem dazu führt, dass Einwanderung immer Material für Ungleichbehandlung mit sich bringt, auch noch nach Generationen. Die zivilisatorische Reife einer Gesellschaft kann man dann wohl daran erkennen, welche sozialen Auswirkungen solche Differenzmarker haben. Stokowski stellt provokativ die ähnliche Frage, in was sich Deutsche mit sogenanntem Migrationshintergrund eigentlich integrieren sollen. Sie zählt dann auf, wie unterschiedlich die Orte des Eigenen sind und wie wenig homogen dieses Eigene tatsächlich ist – auch was die immer wieder viel beschworenen „Werte“ angeht. Das Eigene, also all das, was „wir“ ohne Migration/Einwanderung wären, ist so uneinheitlich und widersprüchlich, dass das ganze Gerede von Integration in sich zusammenfällt. „Wir“ sind weltoffen und homophob, Demokraten und Rechtsradikale, religiös pluralistisch und fundamentalistisch usw. – alles zugleich. Soziologisch weitergedacht: Vielleicht muss man nicht nur darüber nachdenken, unter welchen Bedingungen „Fremde“ „Eigene“ werden können, sondern unter welchen Bedingungen das „Eigene“ als so unbeobachtbar erscheint.

Wenn es endlich gelingt, die Integrationsdebatte auf ein solches Niveau zu heben, dann hat die Özil-Affäre wenigstens angezeigt, wie sehr wir uns schon daran gewöhnt haben, ein Einwanderungsland zu sein. Özil ist der Enkel von ehemaligen Gastarbeitern. Die neuen Migrantengenerationen treffen auf eine Gesellschaft, die diese wenigstens registriert und mit ihnen und über sie streiten muss. Das wäre schon ein Anfang. Immerhin hat Seehofer betont: Özil ist einer von uns. Aber was heißt das eigentlich? Fast genau so viel wie: Horst Seehofer ist einer von uns.

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /63, 30. Juli 2018

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