MONTAGSBLOCK /64

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Im Schatten urbaner Feinstaubmania und aggressiver Klimatribunale klopft hinter den Bergen bei den sieben Zwergen ein kleines Thema am großen Aufmerksamkeitstor. Noch ist es winzig und unbedeutend, denn der große Bruder, die Urbanisierung, regiert die Welt. Mit bekanntem Storyboard: Weltweit zieht es Milliarden von Menschen in Städte und Siedlungen. In der Verdichtung von Mensch und Materie erhofft sich der moderne Sinnsucher eindeutige Effizienz-, Inspirations- und Konsumgewinne. The Urban Place to Be and to Work entscheidet über Lebens- und Karrierepläne. Und lässt die Kreativität explodieren. Lärmhungrige, Marktschreier, Marktprofiteure und Aufschneider konkurrieren um die städischen Bedeutungsoasen, in denen gleich noch Ablenkung, Zerstreuung und Unterhaltung, bis die Schwarte kracht, offeriert werden. Diversity an allen Ecken und Enden. Im Flow der Städte entscheiden sich dann biografische Selbstentfaltungslinien. Im Stakkato einer Ideen- und Konzeptexplosion bäumen sich Unternehmen auf. Doch der Kampf um Anerkennung, Bekanntheit und Identität hat Folgen. Die Autosuggestion individueller Selbstüberhöhung raucht aus den Poren dauerinspirierter Claqueure.

Wie gesagt, noch hört man es nur aus der Ferne: Klappe zu, Stadt tot! Denn neue raumpolitische Debatten stehen vor der Stadtmauer, etwa ob Mobilität in seiner automobilen Verschwendungs- und Ineffizienzperformance als Grundlage für die Verteilung von Lebenschancen überhaupt noch relevant ist. Hier tummeln sich Forscher wie Stephan Rammler, der gerade ans renommierte Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT) in Berlin berufen wurde. Rammler beschäftigt sich unter anderem mit der Frage, ob wir raumethisch die Lebenschancen morgen klüger und effizienter verteilen könnten. Denn es könnte künftig auch anders kommen. Auf dem Land geht dann die Post ab. In Rammler-Sprache: „Im ländlichen Raum entstehen völlig neue Siedlungskonzepte und Quartiere. Verbunden mit neuen Geschäftsmodellen und Mobilitätsformen.“

Muss ja nicht mehr jeder in der Stadt wohnen. Im Gegenteil: Die Digitalisierung ermöglich die virtuelle Raumüberwindung. Ländliche Räume werden digital an die urbanen Herzschlagadern angeschlossen. Das Netz wird zum globalen Arbeitsort, nur mit dem Unterschied: Ich kann darin von überall aus arbeiten. Auch auf dem Land. Hinzu kommt: „75 Prozent aller Deutschen würden gerne auf dem Land leben“, sagt Rammler. Langsamerer Pulsschlag, tieferes Nachdenken, authentischere Zuwendung. Nur ganz nebenbei: Der Trend zur Dorfbildung innerhalb großstädtischer Konglomerate ist ebenfalls nicht von der Hand zu weisen. Berlin-Mitte ist mittlerweile ein Kiez, den man kaum verlässt.

Rammler kann sich durchaus vorstellen, dass ein neues Mikroszenario oder Mikronarrativ als prospektive Spekulation denkbar ist. Das Kontrastmodell wäre das Dorf 4.0, in dem eine höhere Lebensqualität garantiert wird. Saubere Luft, bessere Lebensmittel, und Orte, die sich noch entwickeln und gestalten lassen. Noch nicht fertig und perfekt. Das hätte womöglich eine Revitalisierung ländlicher Räume zur Folge. Mit gut ausgebauten Datennetzen würde berufliche Performanz auch jenseits der Stadt stattfinden können. Dort kann man dann analog besser leben und digital besser arbeiten. Die Wissensarbeiter blieben ja digital vernetzt. So zu denken, hat zweifellos Folgen. Nicht mehr zum nächsten Flughafen oder Bahnhof hetzen, mitten hinein in die Intensität urbanen Verschleißes, am Abend ausgelaugt in den unvermeidlichen Unterhaltungsterror, im Bett schwirrt der vergangene Tag herum, Schlaf frisst Erschöpfung. Ein bißchen einseitig, ich weiß!

Der Sommer neigt sich bald dem Ende zu. Es wird Zeit, wieder in die Stadt zurückzukehren. Im Überfluss eines trägen Dahinfließens von Zeit und Energie schaut man ein letztes Mal aufs Meer. Warmer Wind glättet Aufgeregtheit. Im Dorf erläutert der Fischverkäufer die steigenden Preise. Schlechter Wind, keine Fische. Man sitzt vor seinem Montagsblock und lässt die warme Brise an der Nase vorbeiströmen. Wie herrlich ist das Leben auf dem Land. In der Ferne, hinter den Bergen bei den sieben Zwergen, herrscht unterdessen Unruhe und Aufregung. Urbanmania läuft heute abend im Zwergenkino. Keiner will es versäumen.

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /64, 20. August 2018

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