MONTAGSBLOCK /62

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Zwei Bücher und ein Text, die mich kürzlich um ein wichtiges Argument bereichert haben?
*** Vulgärökonomie: Alles beim Alten *** Donut-Ökonomie: Neues Wirtschaftsmodell *** Interview mit Obermayer/Obermaier (Panama Papers): Das Handwerker-Dilemma ***

Schwarzarbeit in Oberbayern
Einiges gelernt haben Armin Nassehi und ich während eines Interviews mit Bastian Obermayer und Frederik Obermaier letzte Woche in München. Die beiden Panama-Papers-Journalisten waren unserer Einladung gefolgt, sich für das nächste Kursbuch mit dem Titel „#realitycheck_medien“ interviewen zu lassen. Knapp drei Stunden saßen wir zusammen. Und das Schöne war: Wir redeten keine Minute über die konkreten Fälle und Hintergründe der Panama Papers, sondern in erster Linie über das Selbstverständnis von Enthüllungsjournalisten in Zeiten von „Fake News“ und „Lügenpresse“. Da kommt man schnell in kleine Untiefen. Zum Beispiel: „Wir haben zu Hause gerade einen Handwerker für einen Wanddurchbruch gesucht.
Mit vier verschiedenen haben wir gesprochen und jeder hat vorgeschlagen, dass er es schwarz machen würde.“ – Ui, ui, ui, dachte ich mir, da ist der Enthüllungsjournalist aber mitten in der Petersilie gelandet. Einerseits würde Zustimmung zur Schwarzarbeit ein Verstoß gegen das sein, was er aufs Schärfste verurteilt: Einkünfte nicht zu versteuern und damit den Gesellschaftsvertrag, wenn auch nur im Kleinen, zu boykottieren. Andererseits würde eine Ablehnung zu einer höheren Rechnung führen, was wiederum die Finanzierung einer anderen Familienausgabe gefährden könnte. – Merkt doch eh keiner, wenn wir das mal ohne Rechnung erledigen…
Was wiegt mehr, wenn es keiner mitkriegt? Persönlicher Vorteil oder gesellschaftlicher Nutzen? Wie die Antwort ausfällt, können Sie ab 2. September im neuen Medien-Kursbuch lesen. Und noch viel mehr, wie beispielsweise ein Interview mit dem FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube über die Zukunft des Feuilletons oder ein kritischer Essay des Psychotherapeuten Wolfgang Schmidbauer über die neue „Narrenburg“ Google.

Daten-Arbeitsschafe
Nick Srnicek lehrt an der University of London als Dozent für Digitale Geisteswissenschaften. In seinem neuen Buch beschreibt er den Wandel von Unternehmen in Plattformen, wie er neuerdings überall geradezu quasireligiös zelebriert wird (Nick Srnicek: Plattform-Kapitalismus. 144 Seiten. Hamburger Edition, Hamburg 2018). Srnicek hält dagegen. Seine These: Es gehe längst nicht um eine neue Kultur, „die sich von den Wertvorstellungen der kalifornischen Ideologie leiten lässt“, nein, es gehe nach wie vor nur um schnöde Gewinnmaximierung in einer Vulgärökonomie. Und das aus gutem Grund: Die sinkende Profitabilität der Industrieproduktion habe den Kapitalismus zwangsläufig in die Hände der Datenfürsten getrieben.
Auf ihren Plattformen werde das Ausbeutungsbusiness neu, aber nicht minder stringent fortgesetzt. Nur mit einem anderen Werkzeug: Plötzlich „können immense Mengen von Daten gewonnen und kontrolliert werden“. Große Monopolunternehmen fressen Seele auf. „Unternehmen verschaffen sich ein Monopol auf Daten, extrahieren, analysieren, nutzen und verkaufen sie. Die alten Geschäftsmodelle der fordistischen Ära verfügen nur über rudimentäre Fähigkeiten, Daten aus Produktionsprozessen oder aus der Erfahrung von Kunden zu gewinnen.“
Srnicek seziert messerscharf diese monopolistischen Datenagenten: Werbe-, Cloud-, Industrie- und Produktplattformen. Mit der Konsequenz: Auch der einzelne Mitarbeiter bleibe auf der Strecke. Nichts habe sich geändert. Mitarbeiter befänden sich weiterhin im Ausbeutungs- und Abhängigkeitsmodus – jetzt als Daten-Arbeitsschafe. Der Ausweg: Öffentliche Plattformen, die im Besitz des Volkes sind und von ihm kontrolliert werden.

Das Donut-Modell
Kate Raworth ist das „Bad Girl“ der angloamerikanischen Ökonomie (Kate Raworth: Die Donut-Ökonomie. Endlich ein Wirtschaftsmodell, das den Planeten nicht zerstört. 416 Seiten. Hanser Verlag, München 2018). Sie versucht sehr intensiv, Kapitalismus, Ökologie und soziale Grundrechte im digitalen Zeitalter miteinander zu versöhnen. Eine sozialdigitale Revolution anzuzetteln! Ihre zentrale Leitmetapher ist der amerikanische Donut mit einem Loch in der Mitte. Darin befinden sich mit Hunger und Analphabetentum zentrale Bedrohungsmotive der Menschheit.
Außerhalb des Rings – der ökologischen Decke – liegen Klimawandel und Umweltzerstörung, die den Planeten bedrohen. Dazwischen der Donut, hier liegen unsere menschlichen Grundbedürfnisse, die zu befriedigen sind. Basic human needs kreieren eine neue Welt der Unternehmen und Produkte. Unter Surfern wäre Raworth die ältere Lady, die mit dem Longboard vorbeischaut. Alle lächeln, sie wirkt irgendwie antiquiert. Doch dann surft sie mit höchster Anmut jede noch so (be)rauschende Welle.
Auch in diesem Buch, das einen so konsequent in ein neues Wirtschaftsmodell führt. Die Methode: alte Bilder entlarven und dekonstruieren, neue Bilder erschaffen, die uns morgen leiten können. Donut statt Bruttoinlandsprodukt, sozial anpassungsfähige Menschen statt Homo oeconomicus oder dynamische Komplexität statt mechanischem Gleichgewicht. Ein nachhaltiger Reality-Check.

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /62, 16. Juli 2018

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