MONTAGSBLOCK /52

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Bildung ist anstrengend!*

In dieser Woche erscheint das neue Kursbuch mit dem Thema „301 Gramm Bildung“. Einer der Autoren wird der Philosoph, Biologe und Gehirnforscher Gerhard Roth sein. Ich habe ihn vor mehr als zehn Jahren kennengelernt und damals unter anderem für das Magazin „brand eins“ interviewt. Der Titel: „Schlaue denken wenig nach“. Darin ging es vorrangig um den Zusammenhang von Intelligenz, Motivation und Höchstleistung. Letztere, so Roth, entscheide sich ja bereits im Arbeitsgedächtnis im oberen Stirnhirn. Dort werden die neuen kognitiven, emotionalen und motorischen Probleme geprüft und im Verbund mit dem Langzeitgedächtnis gelöst. Intelligenz sei deshalb nichts anderes als die „Verarbeitungsgeschwindigkeit und -kapazität des Arbeitsgedächtnisses“.

Das Problem ist nur: Das Stirnhirn reicht nicht. Hinzu kommen weitere Faktoren wie Motivation, Ausdauer und Fleiß. Letztere werden aber in den limbischen Zentren außerhalb der Großhirnrinde geprägt. „Hierzu gehört der Mandelkern (Amygdala) und das mesolimbische System, die beide das gehirneigene Belohnungs-und Belohnungserwartungs-system darstellen und in denen auch das emotional-motivationale Erfahrungsgedächtnis sitzt. Diese Zentren beeinflussen über Stoffe wie Dopamin und endogene Opiate die Arbeitsweise unserer kognitiven und motorischen Gebiete in der Großhirnrinde.“

Komplexe Sache also. Hinzu kommt, dass nur etwa die Hälfte der Menschen bereits von Geburt an schlau ist. Der Rest Intelligenz muss erworben werden. Leider, so Roth, könne man aber keine Wunder erwarten. Obwohl es sich durchaus lohne, „seine Intelligenz so gut wie möglich zu trainieren“. Jetzt wird die Sache allerdings noch komplizierter. Denn das Gehirn spiele nicht so ohne Weiteres mit, da es geradezu jede Anstrengung vermeidet. Roth sagt: „Je weniger intelligent, je ungeübter und unwissender man ist, desto mehr muss das Gehirn sich anstrengen, und umgekehrt. Das hängt mit den neurobiologischen und stoffwechselphysiologischen Grundlagen des Denkens und Problemlösens zusammen: Je mehr wir uns geistig oder körperlich anstrengen müssen, desto mehr Zucker und Sauerstoff wird verbraucht.“ Intelligent ist ein Mensch also dann, wenn er seine Hirnleistung auf Sparflamme laufen lässt. Sozusagen alles mit links löst. Blöderweise gilt deshalb auch: „Wer nicht so intelligent ist, muss mehr und mühsamer denken.“

Diese Einsicht hat Folgen. Denn geistige Leistungen sind für nicht so intelligente Menschen anstrengender. Da das Gehirn aber genau das grundsätzlich vermeiden will, müssen Menschen sich motivieren und aufraffen. „Bewunderung verdienen Personen, die sich aufgrund geringerer Talente extrem anstrengen müssen, aber mit Fleiß und Ausdauer viel erreichen. Fleiß, Ausdauer und Motivation können Intelligenz zum beträchtlichen Teil ersetzen.“

Fazit: Geistige Leistungen sind anstrengend. Und auf die Frage, wie sich ein Gehirnforscher fit hält, hat mir Roth damals wie folgt geantwortet: „Das Beste ist, sich mit ganz verschiedenen Problemen und Problembereichen zu beschäftigen, sodass man immer geistig herausgefordert wird. Das habe ich selbst immer so gemacht, mich zum Beispiel gleichzeitig mit geistes- und naturwissenschaftlichen Fragen beschäftigt. Wichtig ist auch eine Mischung zwischen eher abstrakten und eher konkreten Problemen, zum Beispiel hochwissenschaftlichen Fragen und praktischer Laborarbeit. Die Kunst ist, solche deutlichen Herausforderungen nicht zum starken Stress werden zu lassen, der geistige Tätigkeit lähmt. Man muss die Grenzen der eigenen Leistungsfähigkeit sowohl testen als auch respektieren. All das muss ergänzt werden durch körperliche und musische Aktivitäten, bei mir Sport zweimal die Woche sowie Musik – aktiv und passiv – zwei Stunden am Tag. Und interessante Gespräche mit Freunden.“

* Am 8. März wird Gerhard Roth im Kursbuch-Salon in München zu Gast sein. Im Gespräch mit Peter Felixberger und Thomas Vasek. Die Veranstaltung im Café Luitpold beginnt um 20 Uhr. Tischreservierungen werden erbeten.

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /52, 26. Februar 2018