MONTAGSBLOCK /51

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In meinem letzten Montagsblock habe ich eine Relektüre eines meiner Lieblingsbücher angeboten. Heute wechsle ich das Medium. Es wird eine „Revisite“ sein (nennt man das so?).

Es gibt ein Bild von Gerhard Richter, das mich schon immer fasziniert hat – Zwei Fiat aus dem Jahr 1965 nämlich, hier zu sehen. Es ist eines von Richters Foto-Bildern, Öl auf Leinwand mit der Anmutung einer Fotografie, die selbst mit dem Fotografischen spielt, also nicht die Illusion der naturalistischen Abbildung nährt, sondern das Medium der Fotografie selbst sichtbar macht.

Dass fahrende Automobile durch Geschwindigkeit optisch verwischen, wussten wir immer schon, man kann es aber erst durch die Fotografie sehen, was bedeutet, dass es doch eine naturalistische Abbildung ist, weil wir das ja schon wussten. Das Spektakuläre an dem Bild ist seine unspektakuläre Perspektive. Wir kennen solche Fotos nur zu gut, so gut, dass sie trotz ihrer technischen, also medialen Verfasstheit das, was sie abbilden, als von der Abbildung unabhängig suggerieren. Medien, so sagt die Medientheorie, bleiben unsichtbar, um Formen sichtbar zu machen. Das ist abstraktes Wissen, das habe ich schon im Studium gelernt, und wer Feuilletons liest und die coolen Theorien über die Mediatisierung von allem und ihre Materialität kennt (und wie sollte man sie heute nicht kennen?), kann nur zustimmend nicken. Wir kennen das alles. Sogar zur Genüge.

Das ist die merkwürdige Seite des Kunstgenusses – dass der Genuss verschwindet, wenn man zu viel darüber liest, und dass er sich gar nicht erst einstellt, wenn man nichts gelesen hat. Das ist ebenso schade wie unvermeidlich, und letztlich auch nicht sagbar, weil es im Distinktionsspiel der Kunst dann auch noch mitliefert, dass man sehen kann und dass man lesen kann. Es ist vertrackt. Deshalb werden gerade solche Formen des Kunstgenusses zur bloßen Pose, wenn sie ihre Theorie gleich mitliefern – die Kunstgenüsse, also ihre Rezeption, nicht die Kunstwerke selbst. Wir sind medientheoretisch, poststrukturalistisch und inzwischen auch wahrnehmungsphysiologisch so geschult, dass noch die Illusion erklärt werden kann – falsch: erklärt werden muss. Kunstgenuss wird dann zur Coolness. Das ist nicht cool.

Das Fiat-Bild von Richter freilich, das ich das erste Mal im Studium gesehen habe, hat mich immer wieder fasziniert, und zwar weniger in der theoretischen Sublimierung des Kunstgenusses. Dabei hat gerade diese Art Bild ein besonderes Potenzial dafür, denn das in Öl auf Leinwand gemalte Fotografische ist ja geradezu eine repräsentationstheoretische Abhandlung über den Medienwechsel und die Folgen. Es ist eine stille Provokation, dass die fotografische Sehgewohnheit in einem unspektakulären, alltagskompatiblen Bild erst auf den zweiten Blick herausgefordert wird, weil das Medium dadurch sichtbar wird, dass das Trägermaterial ein anders ist – kein (Foto-)Papier, sondern eine Leinwand mit Ölfarbe. Aber das ist schon wieder Sublimierung – es wirkt nämlich, zumindest bei mir, irgendwie von selbst, auch ganz ohne die theoretische Sublimierung (die ich ja nur sublimierend wegdenken kann).

Vielleicht ist der Medienwechsel, nicht einfach der Mediengebrauch, auf den Kunst immer aufmerksam macht, das Besondere an diesen Foto-Bildern von Gerhard Richter. Denn es sind die Medienwechsel, die uns so große Schwierigkeiten bereiten – Perspektivenwechsel, die damit rechnen, dass dasselbe durch Wechsel von einer Logik in die andere dasselbe bleibt und zugleich ganz anders wird. Nur wer das sieht, sieht. Nur wer das gesehen hat, wird auf die Komplexität der Welt stoßen und auf das Primitive des ersten Blicks (das war ein Wortspiel, nur zur Vorsicht). Mir jedenfalls war dieses Bild immer sehr nahe und irgendwie vertraut. Zwei Fiat – obwohl man gar nicht sehen kann, ob es Fiats sind. Aber das ist egal.

Gerhard Richter hat übrigens in einem Gespräch* zu diesem Bild sehr lapidar gesagt: „Obwohl mir das fast etwas zu eindeutig ist.“ Vielleicht ist das ja die Erklärung für die Faszination.

* „Über Pop, Ost-West und einige der Bildquellen.“ Uwe M. Schneede im Gespräch mit Gerhard Richter, in: Gerhard Richter: Bilder einer Epoche. Katalog einer Ausstellung des Bucerius Kunst Forums 5.2. bis 15.5.2011 in Hamburg. München: Hirmer Verlag 2011, S. 109.

Armin Nassehi

MONTAGSBLOCK /51, 12. Februar 2018

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