MONTAGSBLOCK /50

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Letzten Freitag war ich eingeladen, über die Zukunft von Buchverlagen zu sprechen. „future!publish“ hieß die zweitägige Konferenz in Berlin. Die anderen Speaker sprachen vor allem über Big Data und Künstliche Intelligenz. In der Regel so, dass sie mehr oder weniger zukunftsergeben von künftigen Wunderwelten erzählten. Es war die Lobpreisung des kollektiven Datenauspressens jedes Einzelnen. Mit lustiger Empirie – beispielsweise: Wer heute ein Fitnessbuch bestellt, kauft morgen eines über gesunde Ernährung. Oder: Frauen kaufen mehr Bücher als Männer. Schön zu wissen! Da braucht es dann nur noch Hampelmann-Lektoren in Verlagen, die brav exekutieren, was Big Data von oben befehligt. Noch mehr Fitnessbücher für Frauen. Yeah! Mich langweilt diese Haltung mittlerweile. Ich schlummere bei solchen Vorträgen fast immer ein. Denn dahinter steckt nichts anderes als eine zunehmende Verachtung intellektueller und kreativer Einzigartigkeit. Der Mensch wird zum berechenbaren Reiz-Reaktion-Konsumschaf. Big Data, Suchmaschinen und Algorithmen vermessen, beherrschen und kontrollieren seine Bewegungen. Geschenkt!

Was mich an dieser Allmachtsfantasie indes viel mehr interessiert, sind zwei grundsätzliche Modernisierungspfade dahinter. Unsere Gegenwart ist erstens mit einer Überfülle sogenannter Wahrheiten kontaminiert („Jeder ist ein Publisher“). Dabei geht es häufig gar nicht mehr darum, sie konsistent und kohärent zu begründen. Nein, es geht eher um das Gefühl, recht zu haben. „Truthiness“ nennt das der Amerikaner Steven Colbert (The Wørd). Dafür braucht es Unschärfe, Ungenauigkeit und alternative Erörterungslagen. Fakten braucht man dazu nicht unbedingt. Und so kommt es, dass sich Meinung, Tagesaktualität, Gedankensplitter, Sichtweisen und Vermutungen permanent aufs Neue verbreien und vor allem eines nicht mehr zustande bringen: ein vorläufiges Ende in Form einer Wahrheit. Denn alles, was wir denken und diskutieren, ist Anfang und Ende zugleich. Dieses Paradoxon löst Aktionismus aus: Es wird remixed, recycelt und rebranded. Jede Authentizität gerät unter die Räder. Alles passiert gleichzeitig und nicht. Denn Big Data fragt nicht nach intellektueller Begründbarkeit, sondern nach dem beliebigen »quick and dirty«. Es braucht schnell wirkende Contentdrogen. Dann entspannen sich die Rezipienten in der Arena und blubbern synchron mit dem Datenbrei. Ohne Unterlass. Im Hintergrund dramatisieren, skandalisieren und bewerten selbst ernannte Co-Autoren noch das Weltgeschehen.

Zweitens: Pop regiert heute die Buch- und Medienwelt. Befindlichkeit und Pose, Selbstdarstellung und Lebenswelt, Bekenntnis und Identifikation haben das Zepter übernommen. Form schlägt Inhalt! Und selbst der Buchmarkt wird immer stärker in diese Richtung domestiziert. Buch wird zum Popevent, um das herum große Spekulationsblasen drapiert werden. Die Bedeutung des Autors wird auf sein öffentliches Prestige degradiert. Das wiederum vereinfacht die Zugänge der Bildungsbürger zur Buchwelt und macht sie offener und weiter, selbst für eindimensionale Menschen, denen jetzt wenigstens der Diskurs erspart bleibt. Der Bildungsbürger, der sich früher die Buchszene über intellektuelle Pfade erschlossen und sie als Trägergruppe beherrscht hat, ist ein zahnloser Tiger geworden, der sich der Geschmacksduselei des Popimperialismus unterworfen hat. Der Zauber der Literatur und Sachbücher verglüht in den Selbstdarstellungsposen moderner Popkultur. Am Ende ist jeder ein Autor, ein Künstler, ein Publisher oder was weiß ich. Und wird so zum idealen Spielball von Big Data. Wie gesagt, neulich war ich eingeladen…

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /50, 29. Januar 2018

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