MONTAGSBLOCK /44

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Rechts ist, wo der Daumen links ist. 100 Jahre Kommunismus, 150 Jahre Das Kapital von Karl Marx und nächstes Jahr feiern Karl, der Meisterdenker, und die 68er Geburtstag! Derzeit werden im ganzen Land zaghaft die alten Heldenlieder angestimmt. Eigentlich gute Zeiten für linke Politik? Die sozialistischen Utopien als Nährboden für ganz andere Gesellschaftsarchitekturen? In einer agilen, digitalisierten Welt plötzlich der diskursgreifende Gegenentwurf kommunistischer Glücksversprechen?

Doch von alledem ist leider nichts zu spüren. Wer sich in Europa umsieht, findet eine völlig andere Erzählung vor. Der gesellschaftliche Diskurs wird von Rechts dominiert. Ex-Neonazis ziehen ins Parlament ein. Die Sozialdemokratie schwimmt nur noch im Bauch des Wals mit. Die Linkspartei mäandert im Mündungsdelta von Nationalismus und Paranoia. Denn rechts ist neuerdings auch, wo der Daumen links ist. Die bürgerliche Mitte wiederum suhlt sich in quasifeudalen Lebenswelten und bräsiger Selbstbespiegelung. Gesellschaftliche Kritik von links ist marginalisiert. Der Sozialismus wird nur noch in Ausstellungen reminisziert. Es geht längst nicht mehr um alles. Widerstand und Revolte sind nahezu ausgestorben.

Neulich habe ich mir die Kommunismus-Ausstellung von Gerd Köhnen angeschaut. In einem Wasserschloss bei uns in der Nähe. Mit ein paar Freunden und meiner Frau. Wir waren die einzigen Besucher, die zwei Stunden lang vor Plakatwänden standen, lesend und dann auch hörend, wenn QR-Codes auf den Plakaten den Weg in YouTube ebneten. Aber wann hatte sich das alles nur ereignet? Breschnew, Kalter Krieg, Mao, Vietnam – historisch gesehen nur einen Wimpernschlag entfernt? Am Ende fühlten wir uns irgendwie wie in einer Science-Fiction-Ausstellung. Außerirdische erzählen Außerirdisches über Außerirdische. Dann plötzlich die Fragen eines befreundeten 68ers: Wo ist eigentlich die Revolte geblieben?

Irgendwo und irgendwann ist sie wohl abgebogen vom Highway to Paradise. Von Revitalisierung oder Reaktivierung fehlt heute jede Spur. Wo finden notwendige Einmischungen und größere Perspektiven überhaupt noch statt? Braucht eine moderne, völlig ausdifferenzierte Gesellschaft nicht auch eine linke, sozialistische Utopie, an der wir uns abarbeiten und reiben müssen?

Einige Tage später habe ich zufällig in den Kursbüchern aus dem Jahr 1968 geblättert. Wer heute in selbige blickt, erkennt sofort den thematischen Dolchstoß von damals: „Revolution in Lateinamerika“, „Der nicht erklärte Notstand“, „Die Studenten und die Macht“ sowie „Kritik der Zukunft“ – es ging um ein eindeutiges Nein zu den gesellschaftlichen Verhältnissen. Um Widerstand, Revolte und Machthegemonie. Und mittendrin das Kursbuch, das damals mit den Nummern 11 bis 15 zu einem Leitmedium gesellschaftlicher und kapitalistischer Kritik sowie des Protests heranreifen sollte.
Zeitenwechsel: 50 Jahre später. Die Letzten ihres Ideologiestandes tummeln sich in den wenigen rebellischen Diskursräumen abseits der Aufmerksamkeitspfade. In den unsichtbaren Zwischenräumen aufmüpfiger Lebenswelten ebenso wie in den Denkräumen kritischer Reflexion. Aber kaum einer fragt noch im wirklichen Leben: Wo finden sich Verbindungslinien? Ist ein Brückenschlag möglich? Sozialismus, war da was? Und was bitte ist aus der Revolution in Lateinamerika geworden?

Links ist, wo der Daumen links ist. Es kommt nur darauf an, auf die richtige Seite der Hand zu schauen. Jamaika wird das nicht tun.

Peter Felixberger

MONTAGSBLOCK /44, 06. November 2017

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