Man muss sagen, so völlig überraschend kam die partielle Sonnenfinsternis am vergangenen Mittwoch nicht. Knapp 140 Jahre hätten wir Zeit gehabt, uns darauf vorzubereiten. 1887 wurde sie zum ersten Mal vorhergesagt. Wenn wir früh dran gewesen wären, hätten wir sogar 847 Jahre gehabt. Da nämlich, im März 1179, begann der Saros-Zyklus 128, und seitdem gibt es alle 223 Mondzyklen (etwa alle 18 Jahre) Sonnenfinsternisse – bis heute und noch bis 2459. Und trotzdem: Vor einer Woche waren überall alle Schutzbrillen ausverkauft, während gleichzeitig mit Nachdruck verkündet wurde, man dürfe unter keinen Umständen ohne solch eine professionelle, nach Norm DIN EN ISO 12312-2:2015 beschaffene Brille in die verfinsterte Sonne schauen.
Für eine Astrophysikerin ist es ein peinliches Geständnis, aber auch ich wäre leer ausgegangen, hätte mir nicht ein wunderbarer und stets sehr vorausschauender Kollege eine Brille aus seiner Familienbestellung überlassen. Die Brillenknappheit hatte in meinem Fall aber auch etwas Gutes: Ich sah mich gezwungen, erstmalig aus einer Chipsdose und einer Papprolle eine einwandfrei funktionierende Lochkamera zu basteln.
Im direkten Vergleich muss ich aber doch zugeben: Brille schlägt Kamera. So hübsch die angebissene Sonne in der Projektion auch aussah, der direkte Blick auf den sich vor die Sonne schiebenden Mond war deutlich eindrucksvoller. Umso trauriger, wie vielen dieser direkte Anblick versagt blieb, ein beeindruckendes Marktversagen, dass der Bedarf an Schutzbrillen offenbar dramatisch unterschätzt worden war.
Es gab insofern den einen oder anderen Leser meiner Zeitung, der sich darüber beklagte, dass wir nicht schon früher auf dieses Himmelsspektakel hingewiesen hatten, sondern erst, als es brillenversorgungstechnisch schon zu spät war: Montag, Dienstag und am Mittwoch der Verdunkelung selbst hatten wir dazu berichtet. Und es stimmte ja: ein Reminder für den Brillenkauf wäre zwei Wochen vorher eine echte Service-Leistung gewesen. Aber gleichzeitig, das wage ich zumindest zu behaupten, hätte sich dafür vor drei Wochen niemand interessiert.
Die Sonnenfinsternis demonstrierte in wunderbarer Klarheit das tägliche Dilemma des medialen Timings. Denn wer zu früh berichtet – das lehrt die Erfahrung –, wird ignoriert, egal ob es um frühe Prognosen des El-Niño-Jahres geht, um eine abzusehende Waldbrandgefahr, um aufziehende KI-Gefahren oder eine erwartete Ölpest. Es passiert so Vieles gleichzeitig in der Welt, da hat man schließlich genug damit zu tun, sich halbwegs um das zu kümmern, was aktuell gerade passiert – und dessen Wichtigkeit dadurch unterstrichen wird, dass alle darüber berichten. Zu früh, das ist schwierig. Fast immer heißt es dann von den Kollegen auf dem Peak der medialen Welle: Warum habt ihr das nicht? Und wenn man dann sagt „hatten wir schon“ ist dieser Einwand so wertlos, dass man die Zeit der darauffolgenden Diskussion besser gleich genutzt hätte, den Artikel noch einmal zu schreiben. Das perfekte Timing ist gleich zu Beginn der anschwellenden Welle, so dass man als erster oder früher Beitragender noch in Erinnerung ist. Auf der Welle geht auch noch. Alles andere ist schlecht.
Natürlich führt das aber gleichzeitig zum wahrgenommenen und immer wieder beklagten zeitlichen Gleichschritt der Medien. Es ist die „Warum haben wir das nicht“-Krankheit der morgendlichen Redaktionskonferenzen, die aber anhand der Klick- und Abozahlen nicht unabhängig von dem zu denken ist, was die Leser tun und wünschen. Einen guten Kompromiss zu finden zwischen diesem durch Konkurrenzdruck gestützten Leserbedürfnis und einem Timing, das sich aus eigener Themensetzung und dem natürlichen Takt der Themen außerhalb der medialen Welt ergibt, ist eine zentrale Aufgabe aller ambitionierten Medienhäuser (und Kompromisse sind übrigens das Thema unseres nächsten Kursbuches). Ob es sich für die Sonnenfinsternis ein paar Wochen vorher aber wirklich gelohnt hätte, eine Brillenkauferinnerung zu veröffentlichen? Wie gesagt: Fraglich.
Aber falls es doch auch Langzeitplaner unter den Lesern gibt: Man kann jetzt schon den Termin für die nächste totale Sonnenfinsternis über Deutschland notieren: 3. September 2081. Und dann auch gleich den etwas näheren Termin für die nächste partielle Mondfinsternis am 28. August morgens um 6.12 Uhr. Den kann man zwar auch ohne spezielle Brille wahrnehmen. Aber zumindest könnte man sich jetzt schon entsprechend den Wecker stellen.
Sibylle Anderl, Montagsblock /388
17. August 2026