Montagsblock /389

Das Kursbuch 227 mit dem Titel „Starke Kompromisse“ erscheint in wenigen Tagen. In meiner LEGO-Buchkolumne beschäftige ich mich dort mit dem neuen Buch von Telmo Pievani: „Unvollkommen. Eine andere Geschichte der Evolution.“ Ein großes Plädoyer, das Unvollkommene und Unzulängliche als kreativen Energieimpuls für ein Denken in kleinen Schritten zu betrachten. Das Streben nach Perfektion hingegen ist die sisyphosisse Anpassungsromantik der großen Lösung. Hilft leidernicht mehr, wenn man Pievani gelesen hat. Hier auf diesem kleinen Felsbrocken Erde, 27 000 Lichtjahre vom Zentrum einer Spiralgalaxie entfernt, im Orionarm, einem ihrer kleineren Nebenarme.

Tja, wenn Nebenflüsse vom großen Meer träumen, versickert viel Wasser!

Lesen Sie hier vorab erste Textpassagen aus der Kolumne. Pievanis Buch ist im Reclam Verlag erschienen.

 Fehler, Zweifel, Mängel und Kompromisse sind die großen Bausteine der Evolution. Das Unvollendete und Unvollkommene die großen Triebfedern der urplanetaren und viel später auch der Naturgeschichte auf Erden. Sagt der italienische Philosoph und Evolutionsbiologe Telmo Pievani, der an der Universität in Padua lehrt. Und wer sich gerade Christopher Nolans symbolüberbordendes Odyssee- Gemetzel im Kino anschaut, erahnt, welche unglaublichen Kräfte und Energien hinter unserer geistig-moralischen Beschränktheit wüten oder uns in die Luft wirbeln, wenn wir uns auf die ganz große Kamerafahrt der Welt- und Naturgeschichte begeben.

»Am Anfang war die Unvollkommenheit«, eröffnet der Autor seine Drehbuchrallye. Vor 13,82 Milliarden Jahren, als das Universum eine Art Quantenleere war, »die in ihrem globalen ausgewogenen Energiezustand vollkommen war, jedoch auch unstet, brodelnd. Sie beinhaltete Alles und das Gegenteil von Allem.« Teilchen und Antiteilchen prallten aufeinander und vernichteten sich, alles aber in einer Art von Gleichgewicht, das mehr als fragil war. Und so kam es, wie es kommen musste. Eine winzige Abweichung, eine minimale Entgleisung, und die ursprüngliche Harmonie zerbrach. Und das alles in einer Milliardstelsekunde. Eine Explosion, die ein riesiges, rot glühendes Raum-Zeit-Kontinuum hervorbrachte, angefüllt mit masselosen Teilchen, die schnell wie das Licht waren. Und einer Vielzahl von Elementarteilchen, von denen einige bis heute überdauert haben. Hinzu kam, dass alles in einer materiellen Welt formatiert wurde.

Sein Buch ist eine fantastische Reise in die Kontingenz des Lebens. Alles kann, muss aber nicht. Alles kann kritisch wichtig sein, aber auch bedeutungsloser Zufall oder lächerliches Versehen. Ein unaufhörliches Tauziehen zwischen Gesetzmäßigkeit und Zufall, nennt es der Autor. Und wer an dieser Stelle des Buches noch seine kleine menschliche Existenz in den Mittelpunkt rücken will, kriegt die nächste Schaufel auf das Selbstüberhöhungshaupt. »Wir befinden uns 27 000 Lichtjahre vom Zentrum einer gewöhnlichen Spiralgalaxie, nämlich der Milchstraße, entfernt im Orionarm, einem ihrer kleineren Nebenarme. Mit ihren mindestens 100 Milliarden Sternen gehört sie zu einem eher kleineren Galaxienhaufen aus rund 50 Ga- laxien, der Lokalen Gruppe, die ihrerseits einer der hundert Galaxienhaufen des Virgo-Superhaufens ist und in etwa 400 Millionen Jahren mit der Andromedagalaxie kollidieren wird.«

Aber zurück zum Film. Unser kleiner Felsbrocken Erde schwirrt bereits seit 4,5 Milliarden Jahren durch das unwirtliche All, dessen Durchschnittstemperatur minus 270 Grad beträgt. Glücklicherweise ist die Erde von einer Sonne abhängig, die sich in der richtigen Ge- schwindigkeit dreht, ihr Magnetfeld nicht zu stark werden lässt und in ihrem Kern so viel Brennstoff (in Form von Wasserstoff) bereitstellen kann, dass es noch für etwa fünf weitere Milliarden Jahre ausreichen dürfte. »Sie ist also genau der richtige Stern am richtigen Ort im richtigen Sternnebel.«

So weit, so gut. Kleiner Felsbocken in einem Nebenarm einer Spiralgalaxie, von einer fusionierenden Sonne energetisch gespeist und von Lebewesen bewohnt, die letztlich keine Ahnung haben, warum und wieso sie gerade mit schwachem Körper und Geist ihre winzigen Lebensspannen als existenziell empfinden müssen. Etwa mit der Annahme, alles folge einem größeren Plan, mit einer kosmischen und biologischen Evolution, die »vom Unvollkommenen zum Vollkommenen strebt, vom Einfachen zum Komplexen, vom Unorganischen zur denkenden Materie. Indem wir auf diese Weise fantasieren, unterdrücken wir unser Bewusstsein für die Macht der kritischen Punkte, dieser geringfügigen Unvollkommenheiten und Brüche in der Symmetrie, die den Verlauf der nachfolgenden Ereignisse bestimmen.«

Das große kosmische Zukunftsbillard und das unvorhersehbare evolutionäre Gegenwartstetris sind der Stoff, aus dem die Träume der Philosophie und Biologie derzeit gestrickt sind. Einerseits kosmische Karambolagen mit Asteroiden und Kleinplaneten. Andererseits vertrackte Verschwendung in der Vielfalt des natürlichen Lebens. Diese Naturgeschichte der biologischen Unvollkommenheit ist Pievanis Hauptspielwiese. Und die genialste aller Unvollkommenheiten, so der Autor: »Bei jeder Duplikation wird die DNA originalgetreu übertragen, doch verläuft dieser Kopiervorgang nicht ohne zufällige Fehler. Jede dieser Duplikationen ist unvollkommen, es kommt zu minimalen Veränderungen, Abweichungen und Neukombinationen. Diese Ambivalenz der DNA ist entscheidend: Einerseits ist sie stabil, denn sonst könnte die genetische Information nicht übermittelt werden. Andererseits ist sie veränderlich, denn sonst gäbe es keine Evolution. Fehler sind in der Evolution produktiv, sie sind das Lebenselixier der Veränderungen.« Es wird mutiert und verschwendet, bis jeglicher lineare Sinn verschwunden ist. »Und von allen Tier- und Pflan- zenarten, die in den vergangenen dreieinhalb Milliarden Jahren auf der Erde existiert haben, sind 99,9 Prozent ausgestorben (eine kolossale Verschwendung), die meisten davon vor der Entstehung des Menschen. Und nun trägt der sogenannte Homo sapiens seinen Teil zu diesem Aussterben bei und hat in den zurückliegenden 500 Jahren über ein Drittel aller anderen Lebensformen ausgelöscht.«

Wir leben auf einem aktiven und unberechenbaren Planeten, haben ein unvollkommenes und daher kreatives Lebensspiel auf einem unvollkommenen und daher fruchtbaren Planeten. Läuft doch, oder? Wir müssen nur die Gesetze der Unvollkommenheit akzeptieren, die Pievani fortan im Buch messerscharf zu sezieren weiß. Eines der Gesetze: Etwas Vollkommenes kann sich jederzeit als unvollkommen erweisen, je nachdem, wie sich die Umstände verändern, auf die wir keinen Einfluss haben. Hier spielen Kompromisse eine größere Rolle. Ein Beispiel: Soll ich eher meinem Weibchen als unwiderstehlich erscheinen oder nicht vor Hunger sterben? Überleben oder fortpflanzen? Das ist ein Dilemma. Denn, »wenn ich ein Vogel bin und in meinem Nest meine Brut, also meine genetische Zukunft liegt: Wie stelle ich es an, einerseits möglichst viel Futter herbeizuschaffen und andererseits dem Nest jeweils nicht zu lange fernzubleiben?« Evolution ist Dilemma-Management at it’s best. Oder anders ausgedrückt: Selbst die größte Nutzlosigkeit oder das Überflüssigste kann in der Evolution noch verwendet werden. Mit der Folge: Irgendwann kann der scheinbar größte Idiot bedeutend werden. Ich meine damit eher das Schnabeltier als Donald Trump, obwohl …? Was auf ein weiteres Gesetz der Unvollkommenheit verweist: »Die natürliche Selektion ist kein Agens, das die Organismen in jeder Hinsicht optimiert und vervoll- kommnet. Das kann sie auch gar nicht, da sie unter kontingenten Umständen wirkt und daher stets in sich verändernden Zusammenhängen steht, und vor allem, weil sie durch historisch gewachsene, physikalische und anatomische Beschränkungen sowie solche der Entwicklungsmöglichkeiten bedingt ist.« Mit der Folge: Vollkommenheit und Eleganz sind, so Pievani, für die Natur keine Kriterien. Es reicht, wenn die Dinge funktionieren. Das gilt auch für den Homo sapiens.

Alleine, was der menschliche Körper an Unvollkommenheiten aufzubieten hat: »Seine nutzlosen Ohrläppchen, lästige Weisheitszähne, hervorstehendes Kinn, übertrieben große Nase (bedenkt man, wozu sie uns dient), empfindliche und verletzliche Haut, wurmför- miger Blinddarm, gewundene Wirbelsäule, ein Samenleiter, der das Sperma von den Hoden in den Penis transportiert, allerdings nicht auf dem direkten, kürzesten Weg, sondern auf einem langen und sinnlosen Umweg über den Harnleiter hinweg, die völlig unzulänglichen Ansätze der Nerven an der Wirbelsäule, das Steißbein, das ein Überrest des Gangs auf vier Beinen ist, und die daraus folgenden Beschwerden, die Rückenschmerzen, die Hüftschmerzen und die Plattfüße, die Skoliose und die Hernien.«

Für wen ist das Buch besonders interessant? Spurensucher, Rätsellöser, Sinntracker, Enthüller, Detailverliebte, Zweifler, Irrwegbeleuchter, Klarspüler, Annahmearchitekten, Rätselausstecher, Gegenwartsmutige, Starrsinnsbefreier, Atheisten, Das-Ende-vom-Anfang-Her-denker und Kompromissverteidiger wissen besonders um die Unzulänglichkeit der Welt, nehmen diese aber eher zum Anlass, über die Schönheit der vielen Möglichkeiten, wie sich diese Welt entwickeln darf, nachzudenken. Im Sinne einer fröhlichen Wissenschaft als Erkenntnis für freie Menschen im Revival des »Anything goes«.

Peter Felixberger, Montagsblock /389

24. August 2026