Gerade haben wir das Kursbuch 227 in den Druck gegeben. Erscheinungstermin ist Anfang September. Der Titel: Starke Kompromisse. Das Kursbuch beleuchtet aus unterschiedlichen Perspektiven die Funktion von Kompromissen. In knapp vier Wochen kann man es lesen – es lohnt sich, viel Spaß dabei.
Aber ich möchte einen Gedanken dazu vorwegnehmen, anlässlich eines Vortrages von Peter Thiel, dem Paypal- und Palantir-Gründer, dem Stichwortgeber für eine postliberale und postdemokratische Ordnung, dessen Schmittianische Motive und seine eigene Politische Theologie breit diskutiert werden.* Der Vortrag, von dem die Rede ist, hat eine gewisse Berühmtheit erlangt, betitelt mit Competition is for Losers (How to Start a Startup) aus dem Jahre 2014. Ich will daraus nur einen Gedanken diskutieren, der etwas mit der Frage nach Kompromissen zu tun hat.
Thiels Hauptthese in diesem Vortrag ist, dass Neues nur dann in die Welt kommt, wenn es sich nicht an anderen und anderem, sondern hauptsächlich an sich selbst orientiert. Wettbewerb als die grundlegende Marktlogik, man könnte sagen: als das Herzstück der kapitalistischen Idee der Generierung von Innovation – besser sein zu wollen als der Konkurrent, um auf einem Markt erfolgreich zu sein – Wettbewerb also ist für Thiel letztlich schon ein Kompromiss, der genau das verhindert: wirkliche Innovation. Denn wer in einen Wettbewerb tritt, muss sich am Wettbewerber orientieren und muss sich gewissermaßen ihn zum Maßstab machen, um erfolgreich zu sein.
Es ist gewissermaßen ein postkapitalistisches Argument. Wo der klassische marktliberale Gedanke exakt darin, im Wettbewerb, den Grund für Innovation, für Fortschritt, für Lernprozesse sieht, sieht Thiel eine Selbstbegrenzung. Wer wirklich innovativ sein will, müsse aus dem Wettbewerb aussteigen. Für Thiel ist deshalb auf Märkten meist nicht der first mover, sondern der last mover erfolgreich, der den Wettbewerb hinter sich lassen kann.
Der Gedanke ist nicht schlecht gedacht. Man kann nicht von der Hand weisen, dass die Orientierung am unmittelbaren Konkurrenten durchaus eine Tendenz zur Konformität erzeugen kann, weil man sich an ihm und weniger an der Sache orientiert. Das dürfte in nicht-monetären „Märkten“, wenn man sie so nennen möchte, womöglich noch stärker der Fall sein, da das Monetäre ja schon für sich ein Erfolgskriterium beinhaltet. Man denke etwa an wissenschaftliche peer-review-Verfahren, die ganz ohne Zweifel sowohl einen Aspekt von Qualitätskontrolle beinhalten, aber eben auch Konformität befördern können. Je eher eine These dem entspricht, was die bereits Erfolgreichen vertreten, desto höher die Publikations- oder Förderchance. Fehlalloziert wäre dieser Markt, wenn Qualität irgendwann mit Konformität zusammenfällt. Bisweilen ist das durchaus der Fall.
Nur: Gerade an diesem Beispiel kann man sehen, dass die noch schlechtere Variante jene ganz ohne Qualitätskontrolle wäre. Dann würde sich noch mehr der Stärkste, der Einflussreichste, derjenige mit den größten Ressourcen durchsetzen als ohnehin schon. Die Zielkonflikte liegen auf der Hand – und wer sich je mit der Frage von Innovation und Abweichung beschäftigt hat, weiß, wie sehr in Systemen bisweilen die Anpassung stärker belohnt wird als die plausible Abweichung.
So weit ist das eine lange geführte Diskussion – und das Beispiel der wissenschaftlichen peer-review-Welt dient hier nur der Veranschaulichung. Aber Thiels Überlegungen zielen auf etwas anderes: Er überträgt das, was er als Konkurrenz auf Märkten beschreibt, nämlich als eine Form der Nachahmung, bei der man sich zu sehr am Konkurrenten und zu wenig an Neuem orientiert, auf ein gesellschaftliches Ordnungsmodell. Wenn man so will: Wer sich auf solche Konkurrenz einlässt, ist bereits ein Loser, weil er sich nicht an sich selbst orientiert. Dafür braucht es dann entsprechende Anschubfinanzierungen, die gewissermaßen jenseits einer Marktlogik bereitgestellt werden müssen, um erfolgreich sein zu können. Das ist das Geschäftsmodell, das Thiel in seinen Branchen im Sinn hat – und das Ziel müsse stets sein, so etwas wie ein Monopolist auf dem eigenen Gebiet zu werden, wenn man ein wirklicher Innovator sein will.
Man muss zugeben – diese Gedankenführung hat etwas für sich, aber Thiel macht daraus tatsächlich mehr als ein Marktmodell, sondern ein Gesellschaftsmodell. Man muss sich diesen Vortrag genau anhören und nach der ersten Zustimmungsfähigkeit mitbedenken, dass sein Engagement gegen die Demokratie, für zentrale Kontrolle, gegen Pluralismus und für einen klaren Dezisionismus von Eliten keine zufällige Ideologie ist, sondern letztlich aus einem Überdruss gegen eine Moderne gespeist ist, deren eigene Komplexitätssteigerungen sich in Wechselseitigkeiten, in Kompromissen, in Koalitionen, im Ausgleich, im – das Zauberwort schlechthin – Diskurs, in Mehrdeutigkeiten, im Aushalten von Differenzen ausdrückt. Es ist ein altes Motiv, ein Carl-Schmitt-Motiv, das die Welt nur aushalten kann, wenn es etwas Eschatologisches hat: wenn es in jeder Entscheidung ums Ganze geht. Der Ausnahezustand ist der Lackmus-Test.
Mit dieser Denkungsart gibt es keine Kompromisse – und seine Attraktivität in allen möglichen Erscheinungsformen verschmilzt darin, jegliche Form von checks and balances als Schwäche abzutun. Es gelten dann nur noch Identitäten und Authentizitäten, nur noch Für und Wider, nur noch Antipodisches, nur noch apodiktische Sätze. Wer verstehen will, warum dieses Reden derzeit so attraktiv ist, sollte diesen eher harmlos klingenden Vortrag von Peter Thiel hören, der durchaus interessante Einsichten enthält – aber tief in einer geistesgeschichtlichen Kontinuität steht, die mit der Differenziertheit der Moderne und ihrer Fähigkeit und Unfähigkeit, Differenzen auszuhalten und im Ausgleich das Heil zu finden, abgeschlossen hat. Nicht direkt zu Thiel, aber über die Kontinuität dieser Attraktivität lässt sich vieles in dem kleinen Band „Katechon“ von Volker Weiss nachlesen, der die Wiederkehr der politischen Theologie analysiert.**
Armin Nassehi, Montagsblock /387
10. August 2026
* Eine sehr anschauliche Charakterisierung von Daniel Pascal Zorn findet sich hier .
** Volker Weiss: Katechon. Zur Wiederkehr der politischen Theologie in der Gegenwart, Stuttgart 2026.