Ich starte mal mit einem Geständnis: Ich bin in diesem Jahr so wenig in WM-Stimmung, dass ich schon beim Testspiel Deutschland-USA kurz dachte, sie hätte angefangen. Bisher kündigt es sich noch nicht an, dass ich in nächster Zeit irgendwelche Spiele anschauen werde. Aber heute bin ich doch in einem Rabbit Hole von WM-Artikeln verschwunden. Alles begann mit dem diesjährigen WM-Ball Trionda und seiner geometrischen Einzigartigkeit, über die ich nochmal etwas mehr lesen wollte.
Er besteht nämlich aus nur vier zusammengefügten Teilen (so wenige wie noch nie) und besitzt als Grundform somit einen Tetraeder, eine Pyramide aus gleichseitigen Dreiecken. Geometrisch ist das ziemlich exotisch. Der Klassiker, wie er bis 2002 und dann noch einmal 2018 gespielt wurde, besteht schließlich aus 20 Sechsecken und 12 Fünfecken. Dessen Grundform ist damit ein Körper aus 20 gleichseitigen Dreiecken mit abgerundeten Ecken. Ich habe es in meiner Kindheit geliebt, dreidimensionale Körper aus flachem Papier zu basteln. Mich fasziniert sowas.
Wenn man aber erstmal anfängt, über diesen Ball zu lesen, kann man sich immer weiter in Details verlieren. Zum Beispiel darin, dass eine Forschergruppe in Japan seit zwanzig Jahren unabhängig von den Sportherstellern in einem Windkanal die Flugeigenschaften der WM-Bälle erforscht. Im März hat sie ein neues Paper zu Trionda veröffentlicht. Ergebnis: Sein Reibungskoeffizient in turbulenter Luft ist stabiler als bei seinen Vorgängermodellen. Der Ball gerät erst bei sehr niedrigen Geschwindigkeiten in eine Widerstandskrise („drag crisis“). Heißt: Anders als der Jabulani-Ball bei der WM 2010 in Südafrika beginnt er nicht plötzlich zu flattern, wenn er auf den Torwart zufliegt. Auch Jabulani basierte geometrisch auf der Grundform eines Tetraeders, allerdings mit abgerundeten Ecken, und bestand somit 8 Teilen. Das Problem war aber, dass Jabulani eine zu glatte Oberfläche hatte. Trionda dagegen hat nun nicht nur eine relativ lange Naht, die seine drei Teile verbindet, sondern zusätzliche Rillen, die für Widerstand sorgen.
Dadurch fliegt er zwar stabil. Aber seine Luftreibung ist bei hohen Geschwindigkeiten dafür auch größer. Wem also auffällt, dass die Schüsse bei dieser WM etwas weniger weit fliegen: Es liegt am Reibungskoeffizient von Trionda. Niedlich ist in der veröffentlichten Studie übrigens das Bekenntnis der Wissenschaftler, dass sie nicht beliebig viele räumliche Ausrichtungen des Balls vermessen konnten. Denn für jeden Test mussten sie das 170-Dollar-Sportgerät zerstören. Budgetbeschränkungen verhinderten hier also eine wirklich erschöpfende Analyse. Die japanischen Wissenschaftler erforschen die WM-Bälle schon seit 20 Jahren. Es spricht sehr für ihre wissenschaftliche Integrität, dass sie sich auch nach dieser langen Zeit nicht von Adidas sponsern lassen.
Mindestens genauso interessant wie seine Flugeigenschaften ist aber Triondas Innenleben. Es ist keine ganz neue Entwicklung, aber dass seit 2022 in Echtzeit die Position des Balls getrackt wird und damit jede Berührung und insbesondere jedes Handspiel nachgewiesen werden kann, dass auch die Positionen aller Spieler genau vermessen werden, zusätzlich zu ihren vielfachen Körperdaten – das finde ich wirklich beeindruckend. Ein von der FIFA bereitgestelltes KI-Sprachnodell („Football AI Pro“) versorgt alle Teams auf der Grundlage hunderter Millionen Datenpunkte mit spielanalytischen Informationen, die dann von den Teams ausgewertet werden können. Allerdings ist so eine KI-gestützte Analyse aktuell nicht während des Spiels erlaubt „um menschliche taktische Integrität zu bewahren“, wie es im AI Magazine heißt.
Das Spiel soll durch die KI der FIFA nicht nur analytisch fairer werden sondern auch auf dem Platz. Von den Spielern werden dreidimensionale Avatare gebaut, die dann zusammen mit den Balldaten zur Auswertung strittiger Spielsituationen genutzt werden können. In einem im Journal Nature erschienenen Interview mit dem Sportwissenschaftler Franco Impellizzeri ist zu lesen, dass es in vielen Teams mittlerweile Doktoranden gibt, die alle Herausforderungen des Team-Alltags datenbasiert zu begegnen helfen (man stellt sich das gleich so vor wie im Film Moneyball von 2011!). Das Argentinische Team geht allerdings einen eigenen Weg. Es wird das Testkaninchen von Google sein. Der Titelverteidiger soll Gemini nutzen, um Verletzungen zu verhindern, taktische Analysen anzufertigen und datenbasiert Entscheidungen zu treffen. Wird Google also helfen können, auch dieses Mal wieder den Titel zu holen?
Ich finde das alles faszinierend. Und gleichzeitig höchst abschreckend. Wird die WM irgendwann zwischen den führenden KI-Herstellern ausgetragen werden? Oder wird sich doch herausstellen, dass dieses Spiel trotz allem zu komplex ist, um menschliche Erfahrung durch automatische Mustererkennung überflüssig zu machen? Mehr Lust auf die WM hat mir diese Recherche jedenfalls nicht gemacht. Vielleicht werde ich in der Zeit, die ich durch Nichtschauen der Spiele sparen, ja einfach mal wieder ein paar schöne geometrische Formen aus Papier basteln.
Sibylle Anderl, Montagsblock /379
15. Juni 2026