Das Kursbuch 226 mit dem Titel „1+1=2,11“ ist gerade erschienen. In meiner LEGO-Buchkolumne beschäftige ich mich mit dem neuen Buch von Daniela Dröscher: „Sprechen“. Lesen Sie hier einen Textausschnitt aus der Kolumne.
Das mit dem Sprechen ist alles andere als einfach, sagt die Schriftstellerin Daniela Dröscher zu Beginn ihres Buches. Wenn auch Binse, recht hat sie. Denn wer spricht, erzeugt in der Regel Missverständnisse, obwohl er oder sie eigentlich nach Verständigung strebt. Mit der Sprache legen wir uns die Welt zurecht, so wie wir sie wahrnehmen und begreifen. Und öffnen gleichzeitig das Tor in die Höhle der Missverständnisse. Mit der Folge, sie widersprüchlich zu vermeiden: Wir erzeugen beim Reden Distanz, wo Gemeinsames angestrebt wird, und schaffen Gemeinsames, wo Differenz herrscht.
„Auch deshalb glaube ich, dass es hilfreich sein könnte, das Missverständnis nicht als Fehler zu problematisieren, sondern es im Gegenteil zu akzeptieren. Es als Ausdruck von Lebendigkeit zu werten, als Symptom einer produktiven Überforderung.“ Und so will die Autorin mehr „frische Luft in den Raum des Zwischenmenschlichen“ lassen. Verbunden mit der Forderung, beim Sprechen eventuell weniger schnell zu urteilen oder den Anderen vorschnell zu verschubladisieren. Erhobener Zeigefinger in die Social Media-Welt! „Wenn ich das Missverständnis miteinkalkuliere, verschwindet etwas von diesem Schwarz-Weiß-Denken. Ich höre Menschen unvoreingenommener zu. Es verschiebt die Konzentration auf das tatsächlich Gesagte, ich frage nach und beurteile weniger die Person als Ganzes.“
Sprechen soll mehr verbinden als trennen. Verstanden. Die Japaner begrüßen sich übrigens, wenn sie sich zum ersten Mal begegnen, mit „yoroshiku onegai shimasu“ und wünschen sich „gegenseitiges Wohlwollen“, was tatsächlich Vorbedingung erfolgreicher Verständigung ist. Mit diesem Schwung setze ich die Lektüre fort. Gute Gespräche, gute Gesellschaft! Echte Menschen, echte Begegnungen!
Zunächst wird das Rad in Kindheit und Jugend zurückgedreht. Und dort, wer wird sich von uns Älteren nicht erinnern, wurde häufig geschwiegen, um nicht sprechen zu müssen. „Häufig war ich dem ausgesetzt, was man in der Pädagogik Silent treatment nennt. Bestrafung durch Nicht-mehr-Sprechen, Bestrafung durch Schweigen. Meine Mutter hat oft geschwiegen, vor allem meinem Vater gegenüber, nach einem besonders erbitterten Streit, wenn ihr buchstäblich nichts mehr einfiel. Aber auch ich bekam ihr Schweigen zu spüren, das so stark zu mir sprach.“ Das sprechende Schweigen der Eltern und Großeltern hat Folgen. Man stellt sich selbst zurück und das Sprechen ein. „Bei sogenannten parentifizierten Kindern, wie ich eines bin, entsteht oft das Gefühl, zu viel zu sein, eine Belastung für die ohnehin schon dauerhaft überlasteten Eltern. Man kommt zu dem fatalen Schluss, dass es sicherer ist, die eigenen Bedürfnisse unausgesprochen zu lassen. Zu schweigen, statt zu sprechen, zu schlucken, statt zu schreien, oder auch: zu explodieren, wenn das Fass überläuft.“
Eigene Rückblende. Ich kenne das auch aus meiner Kindheit: Nicht sprechen zu Hause, möglichst wenig ansprechen, was auf eigene Wünsche hinweisen könnte. Sowie mögliche Konflikte bearbeiten, die sowieso nie thematisiert werden. Widerspruch wandert aufs Abstellgleis. Kritik wird hinuntergeschluckt. Energieblockade. „Aber ich weiß: Wer nicht widerspricht, signalisiert möglicherweise ungewollt Zustimmung. Das Missverständnis lautet dann: ‚Ich bin einverstanden mit dem, was du tust oder nicht tust, sagst oder nicht sagst.‘“ So wird man zu einer „verschüchterten Setzkastenfigur“, schreibt Dröscher.
Fluchtpunkte suchen und entdecken. Die Autorin findet erste Anker im Kinderchor. „Mein Sinnbild für Gemeinschaft. Man singt zusammen, doch in seiner je einzelnen Stimme“. Sie findet ihre Stimme. Vermeintlich, denn bedroht sie der Dialekt in der Familie. Treffen an Sonn- und Feiertagen werden zur Tortur. „Meine Eltern bekamen nicht mit, welche Kämpfe ich ausfocht, obwohl ich natürlich nun auch bei Familientreffen, die von der Verwandtschaft väterlicherseits und damit von zumeist breitem Dialekt dominiert waren, wenig bis kaum etwas sagte. Man hielt es vermutlich für eine Phase plötzlicher Schüchternheit. Die ganz normalen Neurosen eines Teenagers in seiner Identitätsfindung.“ Dann der Entschluss, nur noch Hochdeutsch zu sprechen. „Mit einem Mal steht eine ganz veränderte Person vor einem, es ist genauso faszinierend, wie jemanden, den man gut kennt, in einer Fremdsprache sprechen zu hören.“ Bewusstes Abtrainieren des Dialekts. Schöne Gaudi.
Warum habe ich es nie probiert, frage ich mich umgehend? Ja, mir gefällt das reduzierte Kopfnicken im Bayerischen. Host me? fragt der Bayer um Verständnis werbend für die eigene Argumentation. „Im Dialekt klingt das Gesagte oft um Klassen gröber,“ bestätigt Dröscher. Hinzu kommt die klangliche Dimension der Stimme. Wer zu laut oder zu leise spricht, prägt jeweils eine individuelle Eigenart. „Die Stimme eines Menschen ist wie sein zweites Gesicht. So wie jede:r einen einzigartigen biometrischen Gesichts- und auch Fingerabdruck hat, gibt es so etwas wie einen Stimm-Abdruck.“ Den man nicht vergisst, wie Dröscher beschreibt: „Es ist bis heute so: Wenn mein Vater seine Hilfe anbietet und dabei klingt, wie er klingt – generell emotional engagiert –, kommt das auf meiner Seite häufig als Vorwurf an, sorgt für das Gefühl, ihm und seinen Vorstellungen nicht zu genügen.“
Ich schaue in meinen biografischen Rückspiegel. Ich lebe längst in zwei Welten. Im Job rede ich Hochdeutsch. Zumindest in dem Glauben, hochdeutsch zu sprechen. Privat rede ich Bayerisch. Mit der elefantösen Überzeugung, selbst die feinstimmlichen Nuancen des Anderen in jeder Variante interpretieren und verstehen zu können. Dröscher hingegen ist aus der pfälzischen Provinz ausgebrochen. Sie lebt bis heute in Berlin. Wenn sie in die pfälzische Heimat zurückkehrt, sieht sie jedoch wieder die Schönheit des Dialekts. „Das Beispiel des Dialekts zeigt, worum es eigentlich beim Sprechen und Zuhören gehen muss. Um die Bereitschaft, einer unendlichen Varianz von Tönen und Untertönen möglichst ohne Vorurteil zu begegnen. Darum, einen Raum gegenseitigen Wohlwollens zu schaffen, der die Möglichkeit eines Missverständnisses immer mitdenkt – ohne die faktischen Übertritte und Verletzungen zu leugnen, wenn sie geschehen.“
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Peter Felixberger, Montagsblock/380
- Juni 2026
Daniela Dröscher: Sprechen. 112 Seiten. Hanser Berlin, München 2026.
Kursbuch 226: 1+1=2,11. 144 Seiten. Kursbuch Kulturstiftung, Hamburg 2026.