Montagsblock /378

Triggerwarnung: ein womöglich naiver Montagsblock.

Manchmal sind es die eher naiven Assoziationen, die man nicht aus dem Kopf bekommt. Ich war in der letzten Woche in der Oper, im Münchner Nationaltheater, Bayerische Staatsoper. Es wurde Norma von Bellini gegeben. Ich gehe gerne in die Oper. Norma gehört nicht zu meinen Favourites. Aber es war wunderbar. Ich will gar nicht über die (sehr schöne!) Inszenierung reden, auch nicht über die (grandios gute!) künstlerische Performance der Sängerinnen und Sänger, vom Staatsorchester gar nicht zu reden. Das ist immer toll.

Die Gelegenheit hat sich kurzfristig ergeben, einen Tag vorher, es war noch Platz in einer der Logen, ich war dort mit zwei Leuten, die mir beide sehr nahestehen, die Atmosphäre war sehr schön, die Stimmung von gelassener Konzentration. Es stimmte alles.

Selten hat mich eine Oper so getroffen wie an diesem Abend – gar nicht die Oper selbst – der Plot ist ohnehin nicht mein Fall, die Musik schon. Ich neige normalerweise nicht zu besonderen Emotionen in solchen Situationen, ich werde eher ruhig, reagiere fast körperlich auf Musik, irgendwie durch das Herunterfahren von Physis und Psyche.

In dieser Situation, es war kurz nach einer kurzen Umbaupause im ersten Teil der Oper, schoss mir ein Gedanke ins Bewusstsein, den ich seitdem nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Er lautete etwa so: So lange es solche Situation wie in der Oper gibt, so lange so Musik gespielt wird, so lange eine Gesellschaft Ressourcen unterschiedlicher Natur (nicht nur Geld!) für so etwas aufbringt, solange es Menschen gibt, die die Herstellung einer solchen Situation zu ihrer Haupttätigkeit machen können, gibt es Hoffnung für die gerade ziemlich geschundene Welt!

Um es deutlich zu sagen: Das ist nicht meine Interpretation des Abends, nicht meine intellektualisierende Form, diesen Abend erzählbar zu machen. In meinem Fachmilieu kommen die eher einfach Gestrickten bei solchen Sätzen auf den Verdacht von Elitärem oder Distinktionswünschen. Nein, ich habe das nicht selbst gedacht – es wäre ein allzu traditioneller, bürgerlicher Gedanke – die Stilisierung einer Kunstreligion, die bürgerliche Dialektik, Kunst zugleich als das Eigene und das ganz Andere zu rahmen, oder die romantische Kritik am Rationalismus der Welt. Diese Sätze passen sehr gut in einen Interpretationsrahmen dieser Art. Man würde Schiller, Schelling oder Adorno zitieren und läge sogar nicht einmal falsch.

Ich hätte es so nicht beschrieben – aber ich habs ja auch gar nicht so gedacht. Ich habs überhaupt nicht so gedacht. Es schoss mir vielmehr unvermittelt in den Kopf. Wenn es sowas gibt, stehts nicht so schlecht, wie es gerade aussieht. Manchmal haben wir Assoziationen, so ein Bewusstsein assoziiert ohnehin den ganzen Tag vor sich hin. In der Hirnforschung spricht man gerne von einem Eisbergmodell – das meiste, was da so im Kopf geschieht, schafft es kaum bis zur expliziten Bewusstheit, und Vieles verschwindet nach kurzem Aufblitzen wieder. Es werden damit womöglich Déjà-vus vorbereitet, von denen wir oft nicht wissen, worauf sie sich eigentlich beziehen, nur dass es irgendwie schonmal da war.

Aber dieser Gedanke verfolgt mich seitdem, ich kriege ihn nicht mehr aus dem Kopf. Er kam, um zu bleiben – und ich bin mir sicher, dass ich ihn nicht irgendwie intentional oder intellektualisierend oder erklärend gedacht habe. Vielmehr hat sich mein Bewusstsein damit selbst überrascht. Und diese Überraschung ist es, die mich irgendwie verfolgt seitdem. Denn bei aller Intellektualisierbarkeit des Gedankens war er vor diesen Assoziationen schlicht sehr wirksam in einer konkreten Gegenwart da – so intensiv, dass die intellektualisierende Kontextualisierung eben doch nur eine sekundäre Perspektive ist, uneigentliche Rede irgendwie.

Man kann sich ja fast ein bißchen dafür schämen, den Gedanken in einen so konventionellen Kontext zu stellen. Da der aber sekundär entstanden ist, bin ich geneigt, diesen Gedankenblitz tatsächlich der erfahrbaren Kunst zuzurechnen, der Erlebbarkeit einer ästhetischen Erfahrung, der Unmittelbarkeit von etwas, das vor aller Begrifflichkeit wirkt. Und ist das nicht wirklich eine unglaubliche Erfahrung – gerade jetzt, da es doch auf allen möglichen Gebieten schwerfällt, auf bekannte Kategorien zu setzen? Die Musik, die gesamte Situation, auch die beiden Leute, mit denen ich dort war, das ganze Setting, all das hat dann dazu beigetragen, dass sich vorbegrifflich, vorkategorial, ohne Argument, ästhetisch das Gefühl einstellt, dass es Auswege geben könnte.

Vielleicht beschäftigt mich der Gedanke seitdem auch deswegen, weil es am Ende doch nicht so vorkategorial ist und ziemlich konventionell und erwartbar, solch eine Erfahrung an den sehr erhabenen Kunstraum des Nationaltheaters am Münchner Max-Joseph-Platz zu binden. Aber vielleicht zeigt sich daran nur, wie verstellt wir manchmal denken – kontaminiert von allzu erwartbaren Kategorien. Vielleicht war meine Assoziation ja doch viel vorkategorialer – und hätte damit mehr Recht als ohnehin schon. Vielleicht ist diese Erfahrung mit Kunst dann doch viel mächtiger – und vielleicht stimmt meine Assoziation doch ziemlich genau. Wenn das Argument dann in einer sekundären Beobachtung nur nicht so konventionell wäre.

Vielleicht reicht ja der Hinweis, dass es auch jede andere ästhetische Erfahrung hätte sein können. Es war aber diese.

Armin Nassehi, Montagsblock /378

08. Juni 2026