Montagsblock /373

Jetzt ist er also wieder in Freiheit, Timmy der Wal. Ausgesetzt in der Nordsee am 2. Mai, nachdem er doch eigentlich von einschlägigen Experten schon totgesagt war. Die Frage, ob die Rettung durch eine private Initiative nun Tierquälerei war oder vielmehr Beweis, dass die Dinge laufen, wenn man sie nur selbst in die Hand nimmt, bleibt mindestens vorerst unbeantwortet. Denn wo der Wal sich aufhält und wie es ihm geht, ist ähnlich unklar wie die genauen Umstände seiner Freilassung, die mutmaßlich wenig harmonisch verlief (wenn wir an diesem Wochenende etwas gelernt haben, dann das: Man darf einen Wal niemals an seiner Fluke zerren).

Nun ist über die Odyssee dieses Tieres, von dem wir nie wissen werden, ob es leben wollte oder seine Intention vielmehr das ungestörte Sterben war, ohnehin schon viel zu viel geschrieben und gestritten worden. Kaum ein Aspekt unserer gegenwärtigen vielfachen Krisen, der keinen direkten Bezug zu Timmy gehabt hätte: Vom Klimawandel über Bürokratieblockaden, Aggressionswellen in den sozialen Medien, Expertenstreits, Verschwörungstheorien, Politikversagen, Influencer-Hochstapler und Esoteriker bis hin zum schließlich unwahrscheinlich-wahrscheinlichen Plot-Twist, dass die Intransparenz der Rettungsaktion gerade von denen praktiziert wurde, die doch eigentlich die angeblich intransparente Eliten-Verschwörung überwinden wollten.

Natürlich musste ich – wie einige andere auch – bei all dem an Moby Dick denken. Zu Ostern hatte ich das Buch „Alles, was leuchtet“ von Hubert Dreyfus und Sean Dorrance Kelly gelesen, die ausführlich schildern, wie Moby Dick als Figur in Herman Melvilles Buch sich durch eine unendliche Bedeutungsfülle auszeichnet. Der Wal als Mysterium, „so bedeutungsvoll, dass es fast schon wieder an Bedeutungslosigkeit grenzt, weil sich die vielfältigen Interpretationen gegenseitig aufheben.“ Und Kapitän Ahab, der von der Jagd nach Moby Dick besessen ist, weil er nicht ertragen kann, dass solch ein unlösbares Mysterium im Zentrum des Universums stehen könne. Die Suche nach dem Wal als die Suche nach dem Rätsel unserer Existenz und die Einsicht, dass es keine umfassende einheitliche Antwort darauf geben kann: Weder durch die Wissenschaften noch in den Religionen.

Das sind vermutlich nicht die Gedanken, die Millionen Menschen in den vergangenen Wochen dazu brachten, wieder und wieder die Timmy-Liveticker zu checken. Aber die schnell ins Transzendentale abgleitende Faszination, die Wale auf uns ausüben, war auch hier zu spüren. Und nicht nur hier bei uns. Am Wochenende erschien im The Atlantic die Schilderung einer Buckelwalstrandung im November in Oregon, bei der sich über die Sozialen Medien eine Gruppe von Helfern zusammenfand, die versuchte, das tonnenschwere Tier über Nacht zurück ins Meer zu hieven. Der Rettungsversuch scheiterte, der Wal wurde schließlich eingeschläfert. Die Menschen hatten aber im gemeinsamen Versuch, dem Wal zu helfen, plötzlich Gemeinschaft und Bedeutsamkeit gespürt, die Gruppe ist offenbar bis heute in diesem gemeinsamen Erlebnis verbunden.

Man kann diese von Irrationalität und Hysterie geprägten Wal-Episoden darauf reduzieren, dass sich hier mal wieder zeigt, wie wenig wir Menschen in der Lage sind, die großen Probleme wie Umweltverschmutzung und Klimawandel anzugehen, weil sie viel zu abstrakt für uns sind. Und weil es uns so viel leichter fällt, uns für konkrete Problemlösungen einzusetzen, die zwar für sich genommen blödsinnig sein mögen, aber immerhin das Gefühl von Wirksamkeit vermitteln. Vielleicht zeigen sie aber auch im Sinne von Dreyfus und Kelly, dass man anerkennen muss, dass Wale mehr sind als nüchtern biologisch beschreibbare Wesen mit einer emotionslos einschätzbaren individuellen Überlebenswahrscheinlichkeit. Dagegen die mysteriöse Bedeutungsfülle der Wale als Erinnerung an die Bedeutungsvielfalt unserer Welt zu sehen – wenn auch die Timmy-Verwicklungen insgesamt unsere Spezies (mal wieder) nicht von ihrer besten Seite zeigten, war zumindest das für mich ein schöner Hintergedanke.

Sibylle Anderl, Montagsblock /373

04. Mai 2026