Montagsblock /374

Wenig- oder Garnix-Wissen ist die Ursuppe menschlichen Fortschritts. Im Grundsatz gilt bis heute: Wer wenig bis gar nichts weiß, kann mehr lernen und sich ausgeprägter anpassen. Ich gehöre im Job gerne zu dieser Spezies, die sich mit anderen Wenigwissenden, in meinem Fall sind es überwiegend Autoren und Autorinnen, trifft, um den gemeinsamen Austausch von Wenigwissen zu pflegen und dann zur gemeinsamen Wissensvermehrung in Richtung Buch aufzubrechen. Mithilfe meiner BEEP-Methode kann ich einige hilfreiche Fragen stellen, die helfen.

Im Laufe einer solchen Buchentwicklung entsteht unvorhergesehenes Wissen, weil die Wenigwissenden respektvoll und ahnungslos ihre Köpfe zusammenstecken. Am Ende liegt man sich im besten Fall erkenntnisbefüllt in den Armen, weil man überraschenderweise eine ungewöhnliche These, einen überraschenden Titel oder irgendeine metaphorische Wildblüte entdeckt hat.

Neuerdings sind viele Autoren in der Lage, ihr Wenig- oder Garnix-Wissen am Beginn der Erkenntnisreise mithilfe der KI zu leugnen. Das romantische Miteinander des je Unvollkommenen weicht dann der knallharten Überzeugung des Überzeugtseins. Das Ergebnis ist nämlich vorher schon bekannt. Das neue Königsformat ist diesbezüglich das ChatGPT et.al-modellierte Exposé, das alles zu wissen, berücksichtigen und integrieren scheint. Kleiner Blick hinter die Kulissen: Derzeit erhalte ich unaufgefordert zwei bis drei solcher Konvolute pro Tag. Neben der Tatsache, dass ich das sowieso nicht mehr schaffe, zu lesen, und es am besten gleich (ha, ha!) ChatGPT et.al. zur Bewertung übergeben könnte, triezt mich eine weitere Erfahrung.

Ich kann mit der inhaltlichen Substanz der KI nicht mehr mithalten. Was ein Problem ist, wenn man als herkömmlicher Medien-Gatekeeper die Streu vom Weizen trennen soll. Die Folge: Ich verstehe immer weniger das, was das KI-verfasste Buchexposé mir mitteilen will. Denn diese Systeme sind – anders als ich – bereits am Ende der Fahnenstange angekommen. Sie sind maschinell austrainiert, ihre Parameter verändern sich nicht mehr viel. Und noch schlimmer: Als Allwissende können sie gar nichts mehr lernen. Sie sind vollständig Wissende. Ende Gelände!

Weshalb – circulus aeternus – der Wenigwissende sich an die KI wendet, um dann als Wissender einen Wenigwissenden wie mich an die Hand zu nehmen, um ihn an seinem Wissen teilhaben zu lassen. Siehe Buchexposé! Schöne Gaudi, aber es kommt noch besser: Das KI-verfasste Buchexposé kann nicht mehr auf das Wenigwissen zurückgreifen, das darauf wartet, zum Wissen zu werden. Die Folge: In der perfekten LLM-Wissenswelt kann jeder zum Autor werden, weil die optionale Welt des emergenten Wenigwissens keine mehr ist. Es gibt nur noch gesichertes Endwissen. So lässt sich mit ChatGPT et.al. die Erkenntnissuche besser planen, kontrollieren und managen als je zuvor.

Ich könnte jetzt meinen Job als Buchentwickler und Programmleiter eines Buchverlags umgehend an den Nagel hängen. Ja, wenn es da nicht dieses eine blöde Problem gäbe. Bernd Bischl, Statistiker und Machine-Learning-Forscher an der LMU München, bringt es im nächsten Kursbuch („1+1=2,11“, ET: 3. Juni) wie folgt auf den Punkt: „Die Systeme lernen aus Daten, die aus der Vergangenheit stammen und damit entsteht die Gefahr, dass hier Gesetzmäßigkeiten aus der Vergangenheit gewissermaßen in die Zukunft verlängert werden. In diesen Daten sind gesellschaftliche Muster enthalten – auch solche, die wir vielleicht problematisch finden. Wenn ein Modell diese Muster lernt und wir uns dann auf seine Vorhersagen verlassen, projizieren wir die Vergangenheit in die Zukunft. Das ist besonders heikel bei Fragen von Fairness. Daten beschreiben nicht einfach die Welt, wie sie sein sollte, sondern die Welt, wie sie war – inklusive ihrer Verzerrungen.“

Ui, ich wittere Morgenluft, es droht womöglich die Wiederauferstehung der Wenigwissenden mit akutem Zukunftsdrang. Zumindest kommen neue, alte Fragen ins Spiel: Was wird jetzt aus den Menschen, die schrittweise zu lernen bereit sind und lebenslang jede Erkenntnis als Ausgangspunkt für neues Lernen begreifen? Die gierig nach neuen Methoden, Prozessen und Werkzeugen sind, mit denen sie ihre Unzulänglichkeit permanent verbessern wollen? Die wie Surfer jede Welle reiten wollen, die hereinkommt?

Fallen sie vom Board, können sie daraus nur lernen. Macht nichts, das nächste Mal werde ich stehenbleiben. Die Tatsache, dass sie einfach zu untalentiert sind, ist dieser Spezies der Lernbejaher fremd. Der britische Komponist Benjamin Britten hat diesbezüglich Surfen mit Rudern verglichen: „Lernen ist wie Rudern. Sobald man aufhört, treibt man zurück.“ Die Konsequenz daraus: Wir müssen ständig etwas lernen, um voranzukommen. Stellt sich nur die Frage, wer das auf Dauer allein auf weiter Flur und ohne ChatGPT et.al. auszuhalten vermag?

Deshalb weichen moderne Lernbejaher wie ich längst von der Ich-Perspektive ab und singen das hohe Lied des wenigwissenden Mit- und Voneinander-Lernens. Wie gesagt: In der Buchentwicklung treffen sich Wenig- und Garnix-Wissende … la, la, la!

Peter Felixberger, Montagsblock /374

11. Mai 2026