Es ist schon eine merkwürdige Phase, in der wir uns gerade befinden. Wir wissen, dass ziemlich viele Menschen kaum noch etwas schreiben, ohne dabei KI zu nutzen. Gleichzeitig gehen wir in offiziellen doch immer davon aus, dass wir es im Wesentlichen mit menschgemachten Texten zu tun haben. Und werden dabei doch immer stärker von dem Gefühl verfolgt, dass leicht seltsame Floskeln oder erratische logische Textanschlüsse uns einen Hinweis darauf geben wollen, dass sie algorithmischen Ursprungs sind.
Neulich bekam ich zum Beispiel einen Antrag zu lesen. Wenn ich ihn – wie bei Anträgen oft üblich – abends nach der Arbeit mit einem gewissen Grad von Müdigkeit gelesen hätte, bei dem sich die gedankliche Verarbeitung des Gelesenen nur lose an den aufgenommenen Wörtern entlanghangelt, hätte ich ihn vermutlich ok gefunden. Klang so, als hätte dem beantragten Projekt ein plausibler Plan zugrunde gelegen. Viele Fachtermini. Komplexer Plan verschiedener Projektphasen. Alles irgendwie begründet. Da meine Müdigkeit aber zu wünschen übrigließ, sprang mein Hirn sehr schnell vom Durchwink- in den Kritisch-Hinterfragen-Modus. Und es zeigte sich: Scheinbare Erläuterungen hatten mit dem zu Erläuternden kaum etwas zu tun, es wurde auf Überzeugungen Bezug genommen, die nie ausgeführt worden waren, hübsch klingende Sätze entblößten bei mehrfachem Lesen ihre weitgehende Sinnlosigkeit.
Solche Probleme gab es in Anträgen natürlich schon immer. Ich erinnere mich noch gut an die Copy-Paste-Praxis, die im akademischen Betrieb schon lange vor der Existenz der KI-Sprachmodelle aus der Kombination von chronischem Zeitmangel mit überbordender Berichtspflicht und Drittmittelbeantragung resultierte. Schon damals trieb die befriedigende Erfahrung, innerhalb kürzester Zeit freie Seiten zumindest mit irgendwas füllen zu können um sich danach so zu fühlen, als hätte man sie tatsächlich vollgeschrieben, zu gewissenlosen Taten mit schlimmen Ergebnissen. Insofern kann ich nicht einmal genau sagen, ob mir die grauenvolle Qualität solcher offiziellen Schriftstücke nun angesichts des verbreiteten KI-Verdachts besonders auffällt, oder ob es durch KI tatsächlich noch schlimmer geworden ist.
Die interessantere Frage ist wahrscheinlich, wie diese Entwicklung nun weitergeht. Vielleicht verbessert sich die KI so sehr, dass mit ihrer Hilfe die Antragskultur eine neue Blüte erreicht und bessere Schriftstücke zirkulieren, als je zuvor. Damit wäre allen geholfen, den Autoren wie den Gutachtern. So richtig wahrscheinlich erscheint das allerdings nicht. Denn wenn das Trainingsmaterial von schlechter Qualität ist, wird die KI sich nicht aus innerer Motivation heraus daranmachen, hübsche und stringente Texte zu schreiben. Dafür bräuchte es wiederum Impulse des Nutzers. Und ob auf die Verlass ist, bleibt fraglich.
Vielleicht ändert sich auch einfach gar nichts. Die Qualität bleibt, wo sie ist. Die ehemals Schreibenden haben mehr Zeit für anderes. Die Lesenden nutzen KI, um sich den Quatsch prägnant zusammenfassen zu lassen. Die Erwartungen an den Inhalt offizieller Schreiben und Berichte bleibt niedrig, dem erschöpften kognitiven Zustand am Abend angemessen.
Vielleicht sind die Nutzer vom automatisierten Bullshitting aber auch irgendwann selbst sehr genervt. Es nachträglich in Form zu bringen, erweist sich dann als so arbeitsintensiv, dass sie letztendlich doch lieber schnell alles selbst schreiben – auch weil sich immer stärker zeigt, dass Qualität jenseits des statistischen Mittelmaßes tatsächlich einen Unterschied macht. Wer weiß, vielleicht sind wir gerade auf dem Weg in eine Zukunft, in der gut geschriebenen, logisch nachvollziehbaren, tief sinnvollen Texten wieder neue Geltung zukommen wird?
Oder die Entwicklung gibt endlich Anlass, die Berichts-, Gutachten- und Antragskultur insgesamt zu überdenken. Nicht, dass das noch nie versucht worden wäre. Aber vielleicht ist ja jetzt der Zeitpunkt gekommen, an dem der Leidensdruck angesichts schlechter Texte so groß geworden ist, dass es zündende neue Ideen dafür gibt, wie man sinnvoll Aufträge, Geld und Ressourcen verteilt. In einer Art, dass die Beantragung von einer lästigen Pflicht zu einer erfüllenden Aufgabe wird. Wenn die KI uns Menschen wieder zum Denken in allen Lebenslagen brächte – das wäre doch mal ein tolles Ergebnis. Beim Schreiben wie beim Lesen.
Sibylle Anderl, Montagsblock /370
13. April 2026