Montagsblock /369

Das Extreme hat extreme Konjunktur. Dagegen die Mäßigung zu setzen, die Abflachung der Amplitude, den Appell an Ausgleich, erscheint geradezu naiv, eben weil das Extreme extreme Konjunktur hat. Das gilt in besonderem Maße für Politik, aber auch fürs Politische – wenn man unter Ersterem den Politikbetrieb in Parlamenten, Regierungen, Verwaltungen und Verfahren versteht und unter Zweiterem die auf Carl Schmitt zurückgehende Idee des Politischen: die Identifikation des Feindes und die Unterwerfung von allem unter einen solchen Antagonismus. Carl Schmitt hat die Normalform der Politik im Sinne des demokratischen Verfassungsstaates nur verspotten können: als Zurückweichen vor dem authentischen Urteil, vor der letzten Stellungnahme, vor der Bestimmung des Feindes. Sein größter Feind war der Kompromiss, der Interessenausgleich, die verfahrensmäßige Mäßigung, die Loyalität Minderheiten gegenüber und die Loyalität von Minderheiten Mehrheiten gegenüber. Solche Politik unterminiere das Politische, unterminiere Authentizität und Unbedingtheit, Dezisionismus und Stärke.

All das ist bekannt, aber es kann helfen, um die Ausweglosigkeit gegenwärtiger Debatten zu verstehen. Wir sind umstellt von Ansprüchen und Zumutungen, die sich die Souveränität herausnehmen, den Feind selbst bestimmen zu wollen – und kommen mit Politik nicht gegen diese Zumutung des Politischen an. Um es mit diesen Begriffen zu sagen: Politik ist immer weniger in der Lage, das Politische zu zivilisieren und zu limitieren – vor allem nicht mit den Mitteln, die solcher Politik zur Verfügung stehen: Argumente oder wenigstens Diskursivität und Reflexion, die Suche nach Kompromissen und Sachlösungen. Denn diese sind es ja, gegen die die Extreme angehen.

Und sie sind überall zu finden: die rechten Parteien wie die AfD, die ganz ohne Sachprogramm auskommen können, weil sie aufs Politische zielen und den Feind bestimmen wollen; der libertäre Kettensägenhabitus, dem am Ende nur radikale Verfallsdiagnosen bleiben; linke Spinner, die sich mit islamistischen Terroristen solidarisieren, nur weil diese den Westen als Feind bestimmt haben; überhaupt die eschatologische Selbstpositionierung nationalreligiöser Überhöhungen, bei denen Trumps blasphemische Selbstinszenierung als Messias, der religiöse Todeskult der Mullahs, Putins Schulterschluss mit allen antiwestlichen Erlösungsfantasien, egal ob orthodox oder islamistisch, leider auch Teile der israelischen Regierung, die den demokratischen Charakter Israels durch nationalreligösen Extremismus ersetzen wollen, um die Wette eifern.

Diese prominenten Formen lassen sich plakativ und als extreme Beispiele darstellen, sie kontaminieren aber auch unseren politischen Alltag und machen diejenigen geradezu lächerlich, die auf die normalpolitische (sic!) Form der zivilisierten demokratischen innerstaatlichen Auseinandersetzung und einer regelbasierten zwischenstaatlichen Ordnung (die immer schon eher eine interessenbasierte Ordnung war) setzen. Sie weisen in ihrer virilen Unbedingtheit auf die Impotenz des besseren Arguments, der diskursiven Auseinandersetzung, des Kompromisses, der Verfahrensrationalität und einer Begrenzung von ausgrenzender Vergemeinschaftung hin. Die wahrgenommene Impotenz besteht darin, dass all diese Formen, die einmal wenigstens als regulative Ideen oder als manchmal zu hochglanzförmige Selbstbeschreibungen taugten, inzwischen selbst dafür delegitimieren. Die Diagnose der Impotenz stimmt leider.

Man kann sich herausreden und die Polarisierung ohnehin für ein politisches Charakteristikum halten und konzedieren, dass es produktiv sein kann, wenn sich unterschiedliche Möglichkeiten gegenüberstehen. Aber das verkennt die derzeitige Lage. Es stehen sich keine Alternativen gegenüber, sondern Unbedingtheiten, wenn man so will: authentische Rede. Authentische Rede heißt: So sehr auf sich bezogen zu sein, dass die Rede von außen nicht irritiert werden kann.

Vielleicht hilft ein Blick auf eine verfremdende Perspektive, nämlich die „Einführung in die Kybernetik“ von W. Ross Ashby (1903-1972), zuerst erschienen 1956 (dt. 1974). Von Ashby stammt das kybernetische law of requisite variety („Gesetz der erforderlichen Vielfalt“), das vereinfacht meint, dass nur Vielfalt mit Vielfalt umgehen kann. Formal ausgedrückt: Wenn es fünf Herausforderungen gibt, aber nur zwei mögliche Zustände, kann das System darauf nicht reagieren. Wenn es aber zu viele mögliche Zustände hat, kann es auch nicht angemessen reagieren. „Erforderliche Vielfalt“ meint ein Maß, das es erlaubt, Extreme einzufangen, genügend Variation anzubieten, zugleich aber trotzdem noch Stabilität aufzuweisen. Dieses sehr einfache mathematische Modell impliziert, dass genügend Komplexität aufgebaut werden muss, um Störungen und Irritationen begegnen zu können. Extreme (und Extremisten) dagegen verfügen selten über ausreichende Varietät und Komplexität, weil dies aus deren Perspektive auch dysfunktional wäre.

Man kann daraus eine Idee der „Mitte“ gewinnen – eine Mitte, die nicht einfach das arithmetische Mittel darstellt, keinen Durchschnitt aller Möglichkeiten, sondern einen Möglichkeitsraum, der genügend Komplexität aufbaut, um Irritationen und Herausforderungen zu bearbeiten. Was sich hier so technisch anhört, hat es in sich. Denn man muss diese Mitte dann eben nicht als einen variationsfreien Raum imaginieren, der sich den Extremen gegenüberstellt, sondern als einen Raum, der Alternativen bewirtschaften kann. Politisch gesprochen: Die Mitte muss sich streiten, sie muss sich womöglich sogar polarisieren, sie muss Beweglichkeit erzeugen, für sich selbst irritierbar sein – aber sie muss Alternativen ermöglichen, die gewissermaßen im selben Medium fungieren. Nur so kann man sich vorstellen, die Extreme zu entschärfen und ihre Ansprüche zu integrieren. Stattdessen lässt sich diese Mitte darauf ein, das Spiel der Extreme mitzuspielen.

Denkt man etwa an die berühmte Brandmauer zur AfD, dann könnte man diese womöglich auch so interpretieren, dass sie das Spiel der Extreme nicht nur bewirtschaftet, sondern sogar ermöglicht. Sie bestätigt der AfD, dass sie extrem ist, was ja der Wahrheit entspricht. Aber sie markiert die Varietät jenseits der Brandmauer als gewissermaßen unberührbar – und hijtertreibt dann womöglich die Möglichkeit, die Grundlage der AfD zu irritieren, zu stören, zu zerstören. Wird die Varietät der Mitte isoliert betrachtet, bekommt das Extreme höhere Freiheitsgrade – die so weit gehen, dass diese Mitte die Diagnosen der Extreme übernimmt. Die Brandmauer scheint mir eher für diese Mitte zu gelten – es ist weniger eine Ausgrenzung er AfD, sondern eine Limitierung der eigenen Möglichkeiten jenseits der beiden Möglichkeiten, das Extreme entweder zu ignorieren oder ihm nach dem Mund zu reden. Beides ist bis dato gescheitert – ganz abgesehen davon, dass die zweitere Möglichkeit dann auch noch Gefahr läuft, von den Widerlichkeiten dieses extremen Modells kontaminiert zu werden. In manchen Politikfeldern lässt sich das deutlich beobachten.

Die Frage muss wahrscheinlich anders gestellt werden: Wie lässt sich wenigstens das Motiv, die AfD zu wählen, die Konstellation, sich jenseits eines notwendigen comments zu positionieren, womöglich die Erfahrungen, die es Menschen egal werden lässt, ob sie faschistoide Extreme wählen, wie lässt sich all dies in die eigene Varietät einbauen? Kann man sich nicht vorstellen, diese Bedingungen, unter denen sich dort Positionen aufbauen, in christdemokratische, in sozialdemokratische, in grüne Varietät integrieren?

Wenn das kybernetische Gesetz der erforderlichen Vielfalt, the law of requisite variety, stimmt, dann wäre die Konsequenz, diese Varietäten in die eigenen Kategorien zu integrieren – nicht die Lösungen, nicht die konkreten Sätze, nicht die zivilisatorischen Grenzverschiebungen, auch nicht die moralischen Ekelhaftigkeiten, aber die Bedingungen und Voraussetzungen dafür. Es entsteht der Eindruck, die Brandmauer sei nur dazu da, dass die Mitte, vor allem die rechte Mitte, aber nicht nur sie, sich davor schützt, das offenkundige Erfolgsmodell zu kopieren. Das hätte zur Folge, dass das Gesamtsystem Varietätsmöglichkeiten verliert, die dann in eine Destabilisierung laufen, die vielleicht politisch kurzfristig erfolgreich sein kann, aber die Varietät für gesellschaftliche Sachprobleme und für normative Fragen erheblich verkleinert.

Vielleicht wäre das ein zumindest experimentelles Aphrodisiakum, das der bisherigen Impotenz zuwiderläuft. Potenz könnte daraus entstehen, wenn man die Leute schon nicht diskursiv und argumentativ kriegt, dann wenigstens an den Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit. Wenn man das weiterdenkt, dann muss die Brandmauer weg – und zwar unter anderen Bedingungen, als es derzeit ohnehin von allen möglichen Leuten angedeutet und angemahnt wird, meist von intellektuell eher impotenten Sprechern mit wenig Innenbeleuchtung, die der „Mitte“ so sehr misstrauen, dass sie nur die Mythen ihres Untergangs erzählen können, statt Varietät aufzubauen. Für sie ist die Brandmauer noch so eine Art Keuschheitsgürtel, den sie ja impotentiae causa gar nicht bräuchten. Diese Leute sind derzeit noch schlimmer als die AfD selbst, die das Spiel nach ihren Regeln spielt und sich darüber freuen kann. Weil man sie lässt und keine Experimente wagt. Um Adenauer vom Kopf auf die Füße zu stellen: Mehr Experimente!

Armin Nassehi, Montagsblock /369

06. April 2026