Irgendwo in Deutschland müssen gigantische Lagerhallen stehen, groß wie Städte. Diese Hallen sind gefüllt mit langen Reihen von Regalen, zwischen denen Arbeiter hin- und herflitzen, um auf diesen Ablagen Dinge abzustellen. Viele Dinge. Unendlich viele Dinge. Und zwar völlig ungeordnet. Denn die gigantische Logistik dieser Lagerhallen wird durch eine Besonderheit entschieden vereinfacht: Die Dinge werden nur eingelagert. Kein Mensch wird sie jemals wieder aus den Regalen hervorholen.
Irgendwann hatte ich plötzlich dieses Bild im Kopf. Seitdem verlässt es mich nicht mehr und springt immer wieder vor mein inneres Auge, sobald der Satz ertönt: „Ich nehme das mal mit!“ Mitgenommen werden Anregungen, Nachfragen, Themenideen, Kritik, Feedback, es gibt eigentlich nichts, das aus Meetings nicht „mal mitgenommen“ wird. Allerdings hört man in den meisten Fällen nie wieder etwas davon. Es wird mitgenommen und nie zurückgebracht. Was passiert mit all diesen Dingen, deren Verschwinden gerne mit dem motivierenden Auftakt vorbereitet wird: „Sehr guter Punkt. Ich nehm das mal mit!“?
Wahrscheinlich fällt mir dieser Satz deshalb so häufig auf, weil sich zu Beginn des Jahres die Konferenzen häufen, in denen viel geregelt werden soll. In meinem persönlichen Kalender bewege ich mich nahe an jenem Kipppunkt, an dem die Zeit in Konferenzen die zur Verfügung stehende Zeit der Vor- und Nachbereitung von Konferenzen deutlich in den Schatten stellt. Anderen geht das vermutlich ähnlich, überall in Deutschland, in Unternehmen, Organisationen, Parteien und anderen „Meetingsschicksalsgemeinschaften“. Dieser Kipppunkt ist wahrscheinlich ein wichtiger – wenn nicht der entscheidende – Faktor, wenn es um das Schicksal all des Mitgenommenen geht. Und daher ist die Frage eigentlich gar nicht so sehr, was mit all diesen Dingen passiert, sondern vielmehr: Warum führt das Verschwinden der mitgenommenen Dinge so selten in die Katastrophe?
Hier tue ich mich mit einer Antwort etwas schwerer. Wir wissen schließlich nicht, in welchen blühenden Landschaften wir leben würden, wenn alles Mitgenommene perfekt geregelt und geklärt umgehend auch zurückgebracht würde. Vielleicht ist es aber auch einfach so wie bei den Umzugskisten, die seit Jahren unausgepackt im Keller stehen, ohne dass sich je das Gefühl eingestellt hätte, dass etwas Entscheidendes fehlen würde: Vielleicht ist der Zweck der mitgenommenen Dinge vor allem ein psychologischer. Man hat mal drüber gesprochen. Die Verantwortung ist weiterdiffundiert. Vieles regelt sich von selbst, auch wenn man es nur ganz am Rand des Sichtfeldes, ohne einzugreifen, im Blick behält.
Ich habe für das nächste Kursbuch, das im März erscheinen und sich mit dem Thema Regeln beschäftigen wird, mit dem Raumfahrer Klaus-Dietrich Flade über Regeln im Weltraum gesprochen. „Wenn alles gut geht, wird keiner nachfragen“, berichtete er von seinem Sojus-Flug 1992, bei dem in der Kooperation mit den sowjetischen Kollegen auch mal improvisiert werden musste. Das scheint auch (fast immer) für die mitgenommenen Dinge zu gelten. Und in dieser Perspektive entfaltet der Spruch: „Ich nehme das mal mit“ (aka: „Ich regle das später“) eine tiefliegende Schönheit: Trotz aller Regelungswut und Koordinierungsfreude erhalten wir uns im unausgesprochenen und doch geteilten Wissen über die Einbahnstraßenlogik dieses Mitnehmversprechens einen Freiraum, Dinge so zu regeln, wie wir es selbst für sinnvoll halten. Muss halt nur gutgehen. Aber oft tut es das ja auch, trotz der gigantischen Lagerhallen.
Sibylle Anderl, Montagsblock /360
02. Februar 2026