Lange hat mich keine Rede mehr so beeindruckt wie die des kanadischen Premiers Mark Carney in Davos.* Über seine politische Strategie ist schon viel geschrieben und gesagt worden. Aber das Frappierendste an der Rede ist ihre Form und der Rekurs auf Václav Havel und dessen Essay „The Power of the Powerless“ von 1978. Ein Jahrzehnt nach dem Prager Frühling befand sich das Land auf dem Weg einer sogenannten „Normalisierung“ wie auch andere Ostblockländer, auch die DDR. Es herrschte zwar wie in Ländern der sowjetischen Hemisphäre politische Stagnation, Zensur, Berufsverbote, Überwachung – aber der offene Terror früherer Jahrzehnte wurde vermieden oder nur noch eher unsichtbar ausgeübt, sieht man von den Morden an der deutsch-deutschen Grenze ab.
Der Schriftsteller und Theatermann Havel selbst war zu dieser Zeit Dissident. Er durfte nicht veröffentlichen, stand unter Beobachtung des Geheimdienstes und hatte bereits Haftstrafen hinter sich. 1977 war die Bürgerrechtsinitiative „Charta 77“ entstanden, die auf die Einhaltung der Menschenrechte pochte. Havel war einer ihrer wichtigsten Sprecher. Das Besondere an Havels Text ist, dass er sich nicht nur gegen das politische System und seinen Unterdrückungsapparat wendet, sondern die Ermöglichungsbedingungen des kommunistischen Regimes benannte: eine Art stillschweigende Übereinkunft mit der Macht: „Ich spiele mit, dafür lässt man mich in Ruhe.“
Havel spricht von einem „posttotalitären System“: kein Terrorregime mehr im klassischen Sinne, sondern ein System, das sich durch Gewohnheit, Konformität und Selbstdisziplinierung erhält. Die Menschen glauben der Ideologie gar nicht – aber sie handeln so, als täten sie es. Klassisch ist sein Beispiel des Gemüsehändlers, der ein politisches Plakat – „Proletarier alles Länder, vereinigt Euch!“ – ins Schaufenster hängt. Er tut das nicht, weil er überzeugt ist, sondern weil „man das eben so macht“. Das Plakat ist ein Zeichen der Loyalität, ein stilles Versprechen: Ich spiele mit, ich stelle keine Fragen. Und genau darin liegt die eigentliche Macht des Systems. Es braucht keine permanente Kontrolle, weil die Menschen sich selbst kontrollieren. Die Anpassung wird zur unsichtbaren Grundlage der Herrschaft. Es ist ein Leben in der Lüge.
Dem setzt Havel das „Leben in der Wahrheit“ entgegen. Das ist keine heroische Tat und kein großer Umsturz, nichts Pathetisches, sondern beginnt mit kleinen, scheinbar unpolitischen Entscheidungen: nicht mehr so zu tun, als glaube man an das Offizielle, nicht mehr an der Lüge teilzunehmen. Wenn der Gemüsehändler das Plakat nicht mehr aufhängt, sagt er damit nicht nur etwas über sich selbst, sondern über das ganze System. Er macht sichtbar, dass es auf Zustimmung angewiesen ist, die in Wahrheit längst hohl geworden ist. Es führt die Macht der Machtlosen vor – sichtbar wenigstens für die, die es sehen können.
Der Rekurs von Carney auf Havel ist auf zweierlei Weise bemerkenswert:
- Einerseits trifft er sehr deutlich, welchen Illusionen sich westliche Politik hingibt, wenn sie die US-zentrierte Form regelbasierter internationaler Ordnung nach wie vor voraussetzt und nur vorübergehend gestört ansieht. Es ist gepaart mit der Illusion, das US-amerikanische politische System immer noch für eine zivilisierte Demokratie zu halten und die diktaturähnlichen Anwandlungen seines Führers für eine bloße Krise eines geltenden comments. All das adressiert Carney eher indirekt und damit um so wirkungsvoller.
- Andererseits aber, und das ist tatsächlich bemerkenswert, ist es ein Frontalangriff auf die USA und die Trump-Administration, das Gefühl der Beobachter des Verfalls einer Illusion und der Geltung einer auf Drohgewalt beruhenden Ordnung des 19. Jahrhunderts, die niemand so nennt, mit den Oppositionschiffren der Spätphase des sowjetischen Machtapparates zu beschreiben. Eine schärfere Kritik an den USA ist kaum denkbar.
Havel sprach von der CSSR und Polen als posttotalitären Systemen – Carneys Rekurs übersetzt das in eine prätotalitäre Situation. Frontaler lässt sich das nicht formulieren, denn es bezieht sich gar nicht auf die Sache selbst, sondern auf Wahrnehmungsroutinen und Anpassungsstrategien: die Lüge und die Unwahrheit stillschweigend zu akzeptieren, um so weitermachen zu können. Dieser beobachtungspraktische Move der Rede des kanadischen Regierungschefs ist die vielleicht intelligenteste Form einer abweichenden Beobachtung, die letztlich die Bedingungen des weiteren Spiels radikal verändert.
Wie kann man dahinter zurück? Wie kann man nun, ohne rot zu werden, weiterhin an die Verfahren, an die Verhandlungsformen, an geltendes Recht und an Verträge glauben, wenn so offenkundig wird, dass es nurmehr schlechte Parolen in Schaufenstern von Gemüsehändlern sind? Wie kann man – wie die präpotenten Beobachter des amerikanischen Präsidenten, die hier ihre sinkenden Auflagen nicht einmal damit retten können – weiterhin in jedem Move von Trump einen legitimen „Wachruf“ oder einen intelligenten „Spiegel“ für Europa entdecken wollen, um sich bloß nicht darauf einlassen zu müssen, dass die regelbasierte internationale Ordnung nicht mehr nur so fragil ist, wie sie es stets war, sondern inzwischen nicht einmal mehr ihre Camouflage wert ist? Wie kann man hinter die Einsicht zurück, dass aus einer notwendigen Illusion eine belastende Illusion geworden ist?
Das jedenfalls sind die Eindrücke, die nach dieser starken Rede bleiben. Ganz wie Havel darauf baut, dass der Widerstand gegen die Verwalter der Unwahrheit nicht revolutionär, sondern eher stetig, ruhig und mit der Demonstration verbunden ist, dass die Lüge gesehen wird, plädiert Carney dafür, dass sich die „Mittelmächte“ zusammentun. Mittelmächte sind die, die stark genug sind, zusammen eine kritische Masse zu bilden, aber zu schwach, selbst so hegemonial zu werden, dass sie die Lüge als Wahrheit verwalten können. Das ist ein schönes Plädoyer für eine „moralische“ Form der Wechselseitigkeit, die sich gewissermaßen funktionalistisch und nicht moralisch aufdrängt. Václav Havel würde gefragt haben: Beim Sowjetkommunismus hat es funktioniert, ob es auch beim autoritären US-Libertarismus mit seinem Recht des Stärkeren funktioniert?
Dass diese Denkungsart auch erhebliche innenpolitische Konsequenzen für die beteiligten „Mittelmächte“ hätte, hat Carney angedeutet. Ich will sie hier nicht diskutieren, aber es springt ins Auge, dass die Kombination, dass es viele sehen, es aber inkommunikabel ist, weit verbreitet ist, auch in anderen Politikfeldern, auch in der academia übrigens oder in der Kultur. Aber das war nicht das primäre Thema in Davos.
Armin Nassehi, Montagsblock /359
26. Januar 2026
* In deutscher Sprache lässt sich die Rede hier nachlesen.