An einem Sommerabend sitzen Thorsten Nagelschmidt und seine Freundin an einem Waldsee in der Märkischen Schweiz. Er wolle die Weihnachtsfeiertage in diesem Jahr nicht in Deutschland verbringen. Im Jahr zuvor sei er in ein tiefes Loch gefallen, aus dem er erst Monate später herausgefunden habe. „Depressive Episoden sind nichts Neues in meinem Leben und die Weihnachtsfeiertage waren nicht der Auslöser dafür, aber mindestens ein Verstärker.“ Der Entschluss: Statt Therapie ab nach Gran Canaria. Und alle Staffeln der US-Serie „The Sopranos“ anschauen. So hätte er eine Aufgabe. „Etwas, das mich bei der Stange hält. Vielleicht kann ich sogar darüber schreiben.“
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Here we go! Laut Google beträgt die Gesamtlänge der Sopranos 86 Stunden und zwölf Minuten, verteilt auf sieben Staffeln mit insgesamt 86 Episoden. „Helena und ich begannen zu rechnen. Ging man von acht Stunden Fernsehkonsum pro Tag aus, musste man für das ganze Unterfangen elf Tage einplanen.“ Nagelschmidt mietet sich im Hotel Royal Level ein, ein hochpreisiger Adult-Only-Rückzugsort. Siebter Stock. All inclusive. Es kann losgehen. Tag 1, Freitag 15.12.
The Sopranos: 21 Emmy Awards, fünf Golden Globes, Platz 1 der 101 Best Written TV Series in der Writers Guild of America. Sogar einen Award der American Psychoanalytic Association für die künstlerische Darstellung von Psychoanalyse und psychoanalytischer Psychotherapie gab es. „It just may be the greatest work of American popular culture of the last quarter century“, schrieb die New York Times.
Die wirkliche Welt entfernt sich. In einer Touristenenklave am südlichen Zipfel einer spanischen Insel im Atlantik – „wie die wirkliche Welt kommt mir das auch nicht gerade vor“. Nagelschmidt nimmt seine geheimnisvolle Agentenrolle an und changiert zwischen Aufgabenerlediger, Sopranos-Bezwinger, Schmerzaushalter, Stresszermalmer, Reinhard Mey-Beglücker, Festforscher, Normalitätsanstreber, Depressionszerstäuber, Durchzieher, Tristesse-Anbeter, Familienbewältiger, Einsamkeitsauffrischer, Langeweileverkürzer, Traurigkeitsbalancierer.
Demütig schlüpft der Autor in seine Rollengewänder und zieht uns in die dahinterliegenden Welten. Im Hotel: „Zwischen den eng an eng stehenden Tischen rennen abgekämpfte Servicekräfte mit ihren Putzlappen hin und her, während die ins Nichts starrenden Urlauber mechanisch ihren Nährschlamm in sich reinschaufeln.“ Oder im Schmerzgriff einer Zahnentzündung: „Das ständige Abtasten meines dünnwandigen Backenzahns mit der Zungenspitze hat sich in der Zwischenzeit zu einem den ganzen Schädel in Mitleidenschaft ziehenden Tick entwickelt – Kieferverspannung, Augenhöhlendruck, Nacken- und Kopfschmerzen. Ich fühle mich bedröhnt und verkatert zugleich, verletzlich auch und irgendwie wund. Als würde ich mich selbst und alles andere vernachlässigen.“ Und dazwischen kurze Schnipsel zu den einzelnen Folgen. „Nachmittags Folge 43 von 86. Bergfest. Der Titel: The Weight. So fühlt es sich mittlerweile auch an. Ich feiere das Ganze mit einer Dose Cola aus der Minibar und einer schnellen Zigarette auf dem Balkon. Derweil Anthony Junior, auf der Hausparty von Furio Giunta: I’m so bored, I feel like crying.“
Sopranos-Credo: Wer im Unglück des Alltags überleben will, braucht Geld oder die Sippe. „Erfinder David Chase und sein Autorenteam spielen mit einem rauen Konservatismus, der die Affekte des Fernsehzuschauers nicht nur bedient, sondern gezielt aktiviert. Ein nicht unerheblicher Teil der Sopranos-Fans dürfte sich nicht nur an der grandiosen Erzählkunst erfreuen, an den begnadeten Schauspielern oder den durchaus komplexen Figuren, sondern auch an den archaischen Prinzipen von Auge um Auge, Zahn um Zahn oder Einer für alle, alle für einen, die dem hier in so gut wie jeder Folge gezeigten Sozialdarwinismus zugrunde liegen.“ Jeder muss schauen, wo er bleibt. Am Ende könne man sich nur auf seine Freunde und die Familie verlassen, verkündet Tony Soprano.
Nagelschmidt verliert allerdings das Interesse an der Serie. Er binged die Folgen zwar pflichtschuldig weg, widmet sich aber immer mehr der eigenen Herkunftsfamilie. Verwerfungen, Enttäuschungen, Glücksgefühle, Verzweiflung. Biografische Schwaden von Depressionen, die zwischen den Rauchsäulen der wirklichen Welt aufsteigen. „Man findet keine Ruhe und keinen Ausweg, kann sich selbst nicht mehr ertragen. Permanentes Grübeln und die stetige Angst, nicht mehr lang durchzuhalten. Damit verbunden ist in meinem Fall immer auch die Sorge, mir nie wieder etwas ausdenken und somit auch kein Geld mehr verdienen zu können.“ Während seiner depressiven Episoden verliert er zunehmend Selbstsicherheit und Esprit. „Man will nicht sein, wie man ist, kann es aber auch nicht ändern und lebt in der Gewissheit, dass es niemals wieder anders wird.“ Welche Anstrengung und Kraft das alles kostet. Leidenschaft und Ideen werden ausgehustet. „Nur Taubheit und diese grauenhafte Bedeutungslosigkeit in allem.“
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Dem Autor gelingt es, Seite für Seite das Vokabular gegenwärtigen Lebensfrusts feinzupolieren. Kurzes Stakkato gegenwärtigen Innerlichkeitswahns: ins-Nichts-starren, kämpfen, wegbingen, über Wasser halten, aufrechtstehen, verdrängen, flexibel denken, abweichen, fremdschämen, stehenbleiben, offenlegen, durchhalten, ausbalancieren, verfluchen, aushalten, vereinsamen. Die Ansprüche an ein gelingendes Leben schmelzen dahin. Und gleichzeitig steigt der Respekt vor dem kleinen Lebensglück.
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Am Ende ist Nagelschmidt erleichtert, die Serientortur durchgestanden zu haben. „Die rohe Gewalt dieser grobschlächtigen Riesenbabys, ihr primitiver Rassismus und ihre widerwärtige Misogynie, das endlose Gefresse und Geschlürfe und Geschnaufe und Geschmatze, die billige Bigotterie der Ehefrauen und Kinder, das geistlose Gelaber und der freudlose Sex, die grauenhaften Hochzeiten, Geburtstage und Trauerfeiern, die öden Grillnachmittage, die geschmacklosen Geschenke, die zum Fremdschämen kitschigen Flirt- und Anbandelungsszenen und das ganze miese Geheule. Nicht zu vergessen die Vulgarität, der man sich als Zuschauer konstant ausgesetzt sieht.“ Die Aufgabe ist erledigt, der Zweck der Reise erfüllt. Die Freundin wartet zuhause.
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Für wen ist das Buch besonders interessant? Erstens für alle, die voller Abenteuerlust ihren glücklichen als auch unglücklichen Lebenswegen entgegentreten, nicht zurückschrecken vor der eigenen Verzweiflung und auf der Spur des Andersseins bleiben wollen. Zweitens für alle, die den Wiederholungen, Redundanzen und Weichbettungen bis ans Lebensende misstrauen. Ihr permanentes Motto: So kann es nicht weitergehen, jetzt muss endlich was passieren. Und schließlich drittens die von Depressionen geplagten und bedrohten Menschen, die das Glück kleiner Schritte erahnen und gleichzeitig das große Unverständnis der anderen fürchten.
Das Buch in einem Satz: Als Stresszermalmer und Depressionszerstäuber überlebt der Autor den Steinschlag des Lebens, erfrischt sich an Einsamkeit und Langeweile und bezwingt die Vulgarität der Sopranos mit ihrem Sippen- und Familienhalleluja, wodurch er wieder beweglich und bewegt wird, was in chinesischer Keksweisheit lautet: „Selbstwirksamkeit, you can’t beat the feeling“ oder wie Nagelschmidt sagen würde: „Es ist Mitte Dezember und du warst im Atlantik. Genieß das, sei auch mal zufrieden.“
Peter Felixberger, Montagsblock /342
- September 2025
Meine neue LEGO-Buchkolumne, Auszüge aus dem Kursbuch 223