MONTAGSBLOCK /20

Ein Beduine möchte auf dem Sterbebett elf Kamele an seine drei Söhne vererben. An den ersten Sohn die Hälfte, an den zweiten ein Viertel und an den dritten ein Sechstel der Kamele. Rein praktisch eine unmögliche Verteilungsaufgabe (5,5+2,75+1,83). Ein weiser Richter schlägt deshalb vor, dass er den Söhnen noch ein Kamel aus seinem Bestand überlässt. Jetzt erhält jeder seinen gerechten Anteil: der erste Sohn sechs Kamele, der zweite drei Kamele und der dritte Sohn zwei. Plötzlich stellen die Söhne fest, dass – ja wie geht das denn – ein Kamel übrig geblieben ist. Das nimmt der weise Richter schließlich gerne zurück.

Was ist passiert? Neudeutsch würden wir sagen: Ein kompetenter Experte hat die Perspektive gewechselt und sich in das Problem eines anderen von einer anderen Warte aus eingemischt. Er hat dadurch etwas Ungewöhnliches getan, nebenbei ein Dilemma geknackt, und somit das Wunschergebnis für alle erreicht. Sie ahnen es bereits. In Politik und Wirtschaft sucht man diese Denkfigur längst vergebens. Dort werden auf Teufel komm raus eher 5,5 als 6 Kamele verteilt. Die eigene Perspektive, selbst bei karger Lösungskompetenz, thront zum Selbstzweck über allen anderen.

Demokratie aber funktioniert anders: Diskurs- und damit politikfähig ist, wer sich uneigennützig in die jeweilige Perspektivenvielfalt der anderen einbringen kann. Hier müssen wir kurz Adam Smith ins Spiel bringen. Sein unparteiischer Zuschauer, den er in seiner Theorie der ethischen Gefühle beschreibt, eröffnet uns eine mögliche Lösung für das Problem des öffentlichen Gebrauchs von Vernunft. Smith löst es insofern auf, als er eine große Vielfalt von Gesichtspunkten und Ansichten aus allen Ecken der sozialen Meinungsverteilung zulässt, sprich: Alle Objektivität korrespondiert mit der Fähigkeit, sachkundigen kritischen Einwänden aus unterschiedlichen Richtungen standzuhalten. Unparteiisch ist folglich derjenige, der die Haltungen und Positionen eines anderen mit den eigenen in Einklang zu bringen versucht. In der Arena der öffentlichen Vernunft treffen so im Idealfall Diskursakteure zusammen, die einander als Ziel und nicht als Mittel betrachten.

Hier liegt eine Keimzelle unseres Demokratiebegriffs in Europa. Sich nämlich zu weigern, einen anderen zu beeinflussen, außer durch Gründe, die dieser andere für gut erachtet. Der schottische Philosoph Alasdair MacIntyre sagt dazu: „Es bedeutet, sich auf sachliche Kriterien zu berufen, deren Gültigkeit jeder rational Handelnde selbst beurteilen muss. Einen anderen dagegen als Mittel zu behandeln, bedeutet, ihn zu einem Werkzeug seiner Zwecke machen zu wollen.“ So ist unsere kleine Kamelgeschichte nicht nur gerechtigkeitstheoretisch von Belang, sondern auch relevant für öffentliche Diskurse. Die ewige Suche nach einer Rationalität für alle, als Mittel zum Zwecke des anderen. Kompetenz vor Egoismus! Beduinen sind einfach schlau – mein Mitherausgeber nicht, der sieht das anders. Seine Replik im nächsten Montagsblock in zwei Wochen.

Peter Felixberger
MONTAGSBLOCK /20, 21. November 2016

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