Montagsblock /160

Der Krieg Russlands gegen die Ukraine macht auf zweierlei aufmerksam, auf die Gleichzeitigkeit von Komplexem und sehr Einfachem. Sehr einfach ist der Konflikt selbst. All das Gerede über die russische Sicherheitslage und angebliche militärische Bedrohungen ist tatsächlich nur Gerede. Der Hinweis auf fehlende Anerkennung oder gar psychologische Dispositionen des Kremlführers – alles Makulatur. Der Konflikt ist von nachgerade manichäischer Einfachheit: Bedroht fühlt sich der Aggressor nur von der Demokratie als Ausdruck einer Gesellschaft, die von Ergebnisoffenheit, Teilung der Macht und Kontrollverlust geprägt ist. Die politische Demokratie ist nicht nur ein Wert, sondern auch Ausdruck einer Gesellschaft, die aufgrund ihrer Komplexität eben nichts mehr vollständig bestimmen und kontrollieren kann. Dagegen opponieren autoritäre politische Formen und brauchen dafür Ideologien des Gemeinschaftlichen, der gewaltsamen „Harmonisierung“ von Differentem und der totalitären Herrschaft ohne politische Opposition und ohne Wettstreit von Lösungen. Der Krieg gegen die Ukraine ist ein Krieg gegen die offene Gesellschaft, gegen die politische Demokratie, aber auch gegen die pluralistische Kultur und die freie Rede, gegen vielfältige Lebensformen. Für Putin ist das Westliche das Dekadente, der Individualismus ein Denkfehler, geradezu unrussisch.

Das ist sehr einfach: Es ist ein ideologischer Kampf zwischen Komplexität und Kontrolle, ganz schlicht: ein Kampf zwischen Freiheit und Unfreiheit – es erinnert an wohlbekannte frühere Konflikte. Ich habe das vor einigen Tagen auf ZEIT-online in einem Text mit dem Titel Die Rückkehr des Feindes  gezeigt – inklusive der Hoffnung, dass dieser Kulturkampf zu einem selbstbewussteren Selbstverhältnis der Demokratie führt, die in der Pandemie in einer maßlosen Kakophonie fast unsichtbar wurde.

Das war die einfache Seite. Neben dem Wert einer ergebnisoffenen Gesellschaft und darin einer demokratischen Form der Politik mit radikaler Gewaltenteilung und Begrenzung der Macht wird aber auch eine besondere Form der Komplexität sichtbar. Auch wenn die Welt womöglich bald wieder – wie gesagt, geradezu manichäisch – sehr einfach aufgeteilt ist in (mindestens) zwei Pole, wird auch deutlich, dass diese Polarität durch die Gesellschaft selbst unterlaufen wird. An der Diskussion um Sanktionen lässt es sich sehr deutlich ablesen. So sehr man im Krieg den „Feind“ wiederentdeckt und polarisiert denkt (und denken muss), so deutlich werden die komplexen Verflechtungen der Welt. An der Diskussion um die Abhängigkeit (vor allem Deutschlands) von russischem Gas, auch die weniger öffentlich diskutierten Lieferungen von russischem Öl in die USA, an der Diskussion um Lieferketten, ökonomische Arbeitsteilung und Exportmärkte, um Infrastrukturprojekte und langfristige Abhängigkeiten lässt sich erkennen, dass sich die gesellschaftliche Dynamik den polarisierten Ideologien entzieht. Nun könnte man sagen: alles Beispiele, die nur zeigen, wie vaterlandslos und gierig der Kapitalismus ist.

Aber so einfach ist es nicht. Man denke auch an die kulturellen Verflechtungen, an sportliche Verbindungen, an so etwas wie einen gemeinsamen Alltag, an rechtliche Verträge und politische Partnerschaften, an menschliche Verbindungen. Man denke noch mehr daran, dass die ideologischen Konflikte durchaus die geografischen Grenzen sprengen. Russland ist längst ein Land, das seine Bevölkerung nicht so kontrollieren kann, wie es versucht wird – was die innere Gewaltherrschaft noch erhöht. Die Proteste gerade jüngerer Leute in St. Petersburg und anderen Städten zeigen das deutlich. Aber auch umgekehrt wachsen in westlichen Demokratien die Plausibilitäten für autoritäre Lösungen. Wie gerne hätte Trump etwas von den Möglichkeiten des virilen Putin gehabt, in Deutschland verteilt sich die Faszination für Russland an den linken und rechten Rändern, die nie wirklich in einer pluralen Demokratie angekommen sind – bis in eine Generation, die ihren Antiamerikanismus aus den damaligen Konflikten während des Kalten Krieges tendenziell bis heute erhalten hat.

Die menschlichen, die kulturellen, die ideologischen, die ökonomischen, die stofflichen, die familiären und nicht zuletzt die ökologischen Verflechtungen sind größer, als es auf den ersten Blick erscheint. Es stimmt, was in der Globalisierungsdiskussion seit den 1990er Jahren argumentiert wurde: Es gibt keine Gesellschaften im Plural, sondern nur eine Weltgesellschaft – und das kann man empirisch vor allem daran erkennen, wie schwierig eine Sanktionierung Russlands durch den Westen ist. Wer Russland aus dem SWIFT-System wirft (was man nach meinem Dafürhalten tun sollte), schadet sich auch selbst. Wer Exportverbote ausspricht, beschränkt sich auch selbst. Wer Märkte abkoppelt, koppelt sich auch selbst ab. Wer Rohstoffe nicht mehr bezieht, muss sie sich woanders besorgen. Wer militärisch bedroht wird, muss selbst militärisch drohen. Die Verflechtungsdichte und die wechselseitigen Abhängigkeiten sind groß – vielleicht zu groß. Man kann ins Feld führen, dass wechselseitige Abhängigkeit zivilisierende Folgen haben könnte. Aber offensichtlich stimmt das nicht generell. Vielleicht ist die Angst autoritärer Regime vor gesellschaftlichem Pluralismus und Kontrollverlust größer als die Angst vor ökonomischer und infrastruktureller Kernschmelze.

Diese Beschreibung enthält keine Lösung, sie zeigt nur, dass mit der Polarität des sehr einfachen Grundkonflikts nicht alles gesagt wird – er ist sehr einfach, und er hat den Vorteil, einen Feind identifizieren zu können, der wie ein Spiegel des Selbst eine seitenverkehrte Welt zeigt. Alles andere ist nicht binär gebaut, sondern komplex verkoppelt, vernetzt und mit kybernetischen Rückkopplungsschleifen versehen. Kurz nach (oder noch in) der Pandemie wieder eine Situation größter Entscheidungsunsicherheit bei gleichzeitigem Entscheidungszwang.

Wer nicht ganz blind und abgestumpft ist, sieht diese verquere Lage von Einfachheit und Komplexität in den vielen Bildern, die geradezu herzzerreißend sind. Drei möchte ich nennen: Ein vielgeteiltes Video, in dem sich ein Vater unter Tränen von seiner kleinen (vielleicht 7-jährigen) Tochter verabschiedet, die mit einem Bus das Land verlässt. Er bleibt zurück und wird kämpfen. Man kann es kaum ohne Tränen in den Augen ansehen. Ich habe es auf einem Retweet der Jüdischen Allgemeinen gesehen. Das zweite Bild aus der Nähe von Kiev aus der New York Times zeigt vier Frauen, mutmaßlich zwischen 30 und 50 Jahre alt, mit Parkas und Anorak bekleidet, warm angezogen, mit Armbinden in den ukrainischen Farben, wohl in einem Kleinlaster. Ihre Gesichter changieren zwischen Trauer, Resignation und Angespanntheit. Jede von Ihnen hat ein Sturmgewehr in der Hand, deutlich sichtbar, dass sie solche Waffen wohl noch nicht oft bei sich getragen haben. Ich hoffe, dass alle vier nach wie vor wohlauf sind. Diese Bilder bringen das Existentielle dieses Krieges auf den Punkt, seine unbedingte Macht und seine sehr konkrete Gewalt. Es ist kaum auszuhalten. Das gilt übrigens auch für die Angehörigen kämpfender und sterbender russischer Soldaten in ihrer Heimat, deren Gefühle denen in der Ukraine ähneln dürften.

Das dritte Beispiel ist die millionenfach geteilte Rede des ukrainischen Staatspräsidenten Wolodymyr Selenskyi, die er in russischer Sprache gehalten hat und in der er die russische Bevölkerung adressiert und sich mit Leib und Leben gegen die geradezu faschistoide Propaganda Putins („drogenabhängiger Nazi“) präsentiert – in einem Ton, für den man kein Russisch verstehen muss, um zu verstehen, was er sagt. Das Eindrückliche dieses Bildes besteht darin, dass der virilen zerstörerischen und diktatorischen Männlichkeit Putins ein ästhetischer Gegenpart präsentiert wird. Am Samstag schrieb Tobias Rapp dazu in einem Facebook-Post: „Es gibt eben auch demokratische Helden.“ Ich würde ergänzen: auch postheroische Helden.

Das Wechselspiel zwischen der einfachen ideologischen Opposition und der komplexen multiplen Verflechtung aller Akteure wird gebrochen durch diese Bilder, die das Voraussetzungsreiche pazifizierter Lebensräume deutlich zeigen. Dieser Krieg ist vor allem eine menschliche, eine humanitäre, eine moralische Katastrophe. Ihn angefangen zu haben, ist fast nur in religiösen Begriffen wirklich auszudrücken: es ist eine Todsünde.

Armin Nassehi, Montagsblock /160

28.02.2022