MONTAGSBLOCK /14

Seien wir ehrlich. Die Intellektuellen werden weniger. Wer braucht schon noch schlaue Köpfe zum Nachdenken? Geht viel einfacher. Selber was aufschnappen, malmen und ausspucken. Mal hier etwas, mal dort. Gefragt sind geistige Schnellwiederkäuer und wiederkäuende Schnellgeister. Das scheint Mut zu machen. In manchen bürgerlichen Kreisen wird mittlerweile wieder einem unverblümten Anti-Intellektualismus gefrönt. Ist doch irgendwie auch angenehmer, sich nicht anstrengen zu müssen und seine Rechthaberei mit schnellem Wiederkäuen und kurzem Aufstoßen zu koinzidieren.

Im Urlaub habe ich diesbezüglich an ein älteres Buch von Martin Page denken müssen, der seine Romanfigur Antoine auf dem Weg zum höchsten Glück zum Idioten werden lässt. Durch die regelmäßige Einnahme der chemisch-synthetischen Droge Heurozack versucht Antoine, seinen Verstand und „sein hoch konzentriertes Bewusstsein zu reinigen“. Sein Antrieb klingt plausibel: „Das Idiotsein macht viel mehr Freude, als unter dem Joch der Intelligenz zu leben. Man ist doch viel glücklicher, das ist sicher. Ich muss mich endlich nicht mehr darum kümmern, ob irgendein Schwachsinn Bedeutung hat.“ Dank Heurozack verwandelt sich die bleierne Realität „in einen goldenen, farbigen Glitterpuder“. Nichts mehr will Antoine wissen vom Elend der Welt, von den Kriegen und Attentaten. „Nein, er war Realist geworden!“ und „empfand schlichte Freude, nur mehr herumzuschauen“.

Die Mutation vom Intellektuellen zur Dumpfbacke endet in glitzernden Fitness-Studios und Boutiquen, sie mäandert in die Welt der Finanzmakler, wo alles in Watte eingepackt wird, und man findet sie passgenau in der medialen Dauerverblubberung. „Man muss nicht mehr an seine Wünsche denken, an seine Moral, an seine Handlungen, an seine Freunde, an sein Leben, man muss kein Verständnis mehr haben, nicht mehr suchen: Das alles liefert die Umgebung schlüsselfertig.“ Am Ende dann nur noch besinnungslose Taubheit der Gefühle.

Der Sommer geht zu Ende. Die Urlaube sind verbracht, die Transmissionsriemen der Alltagsdramatisierungen werden wieder angeworfen. Dem Montagsblock steht ein heißer intellektueller Herbst bevor. Die ersten Bücher unserer Edition sind auf dem Weg in die Buchhandlungen und zu Lesern, die das intellektuelle Milieu zu verteidigen wissen: Punkökonomie, ein deutsches Drehbuch und ein Aufstand der Provinz. In der Ferne lauert schließlich noch der kalte Frieden. Willkommen zurück am intellektuellen Rand.

Peter Felixberger
MONTAGSBLOCK /14, 29. August 2016

1 thought on “MONTAGSBLOCK /14

  1. Die Wut, die hier durch die Zeilen spuckt, trifft vermutlich die Richtigen. Ich verzweifle selbst schon Jahrzehnte, wenn immer wieder die Dumpfbacken die Wahlausgänge dominieren. Aber ist es ein Wunder, wenn Dumpfbacken laufend durch die Medien furzen dürfen, während die beklagten Intellektuellen ihren Artenschutz in den Internetecken am Leben erhalten müssen?
    Macht es denn für die letzten Klugen unseres Kulturkreises überhaupt Sinn, in die Hirne zu investieren, wenn es doch vorhersagbar klar ist, dass weiterhin Mehrheiten die nächsten Wahlausgänge dominieren, denen einst jegliches emphatisches Interesse am Menschsein durch die Zwangsdressuren in den Schulen außer Betrieb gesetzt wurde?

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