MONTAGSBLOCK /11

Also, Gott möchte man derzeit nicht sein. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat den Putsch in der Türkei als Gottesgeschenk bezeichnet, das ihn in die Lage versetzt, die Armee und nun wohl auch die Justiz zu „säubern“. Der Träger des Al-Gaddafi-Menschenrechtspreises spricht nur besonders deutlich aus, was derzeit öfter zu hören ist. Alexander Gauland, der den besagten Menschenrechtspreis zwar auch verdient hat, ihn aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr bekommen wird, hat die Flüchtlingskrise als „Geschenk“ bezeichnet. Auch die Silvesterereignisse in Köln werden von vielen als Gottesgeschenke angesehen, weil sie mit einem Mal die positive Grundstimmung in der Öffentlichkeit zerstört haben – und das auf der Domplatte! Rechtsintellektuelle sehen in der Flüchtlingskrise ein Geschenk, das ihnen jene Aufmerksamkeit verschafft, um die sie jahrelang kämpfen mussten.

Der polnische Innenminister hat den Anschlag von Nizza genutzt, um die innere Militarisierung Europas voranzutreiben. Und obwohl sich der Attentäter von Nizza offensichtlich in einer Kombination aus psychiatrisch relevanter Störung und islamischer Selbstradikalisierung ohne starke Verbindung zu islamistischen Gruppen selbst ausgelöst hat, hat der IS das Geschenk sogleich aufgenommen und die Verantwortung dafür übernommen, was irgendwie in der Logik der Sache liegt, weil sich genügend unsichtbare Schläfer in Europa befinden, die man aufgrund der Matrixstruktur des islamischen Terrorismus nicht unbedingt in der Mitgliederkartei haben muss, um sie zu den eigenen zu zählen. Dass dafür so viele kriminelle Gestalten und psychische Wracks zur Verfügung stehen, denen schon eine frei wabernde islamistische Kriegsideologie zur Selbstradikalisierung ausreicht, gehört wohl auch zum Gabentisch derer, die so reich beschenkt werden – nicht nur auf Seiten des IS, sondern auch auf Seiten der radikalisierten Rechtspopulisten in Europa.

Worin bestehen die Geschenke? Klar, sie sind willkommene Anlässe dafür, die eigene Position zu stärken, wenn sie einem in die Karten spielen – das eigentliche Geschenk ist aber, dass solche Ereignisse klare Kausalitäten anbieten, einfache Erklärungen, sichtbare Verantwortlichkeiten. Solche Ereignisse erzeugen einfach Anschlussereignisse. Erdogan ist nur ein besonders thymotischer Akteur. In der einschlägigen Pressekonferenz nach dem Putsch konnte man das nachverfolgen – die nun ermöglichten Anschlussereignisse brauchen nun weniger Legitimation, weniger Erklärungen, tragen ein erheblich kleineres Kritikrisiko, machen alles einfacher. Das ist es, was als Gottesgeschenk  erscheint, als etwas, zu dem man selbst nichts tun musste, das einen aber in die Lage versetzt, endlich zu tun, was man schon tun immer wollte. Hier besonders perfide: Jeder halbwegs zivilisierte Demokrat muss Militärputsche ablehnen und muss dadurch, gegen den eigenen Willen, die Position Erdogans noch stärken. Er bekommt nun per Presseerklärungen aus aller Welt noch zusätzliche Rückendeckung, die seine Position stärkt.
Das ist das Paradoxe solcher Situationen, wie viel gegen konkrete Interessen und Intentionen getan werden muss oder unvermeidlich ist, nur weil sich die komplexen Verhältnisse bisweilen so einfach darstellen. Wider willen werden nun viele zu Unterstützern jenes Putsches, der nun erst beginnt, nämlich des Putsches Erdogans gegen die türkische Restdemokratie hin zu einem autoritären Präsidialsystem, wie Deniz Yücel in der Welt erhellend schrieb.

Nein, man möchte derzeit wirklich kein Gott sein – und hoffen, dass der vom Römerbrief (Römer 11, 33) inspirierte Satz „Die Wege des Herrn sind unergründlich“ am Ende doch nicht den Erdogans, Gaulands und Konsorten in die Karten spielt. Vielleicht müssen wir durch diese Paradoxien hindurch wie weiland durchs Fegefeuer auf dem Weg zur Erlösung. Vielleicht ist Gott doch ein gewiefter Dialektiker – oder er liebt die Paradoxie nur deshalb, um uns unsere Begrenztheiten aufzuzeigen. Wir wissen es nicht, siehe Römerbrief.

Armin Nassehi
MONTAGSBLOCK /11, 18. Juli 2016

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