Montagsblock /104

Der Montagsblock – ab sofort auch zum Mithören

Neulich war ich wieder in der Zukunft. Ich meine in der Zukunft nach Corona. Gerade jetzt sind Zeitreisen so wertvoll. Dort traf ich zunächst einige Virologen, die im Eck eines Labors standen, rauchten und den Kopf schüttelten. Sie hatten drei Wochen zuvor an einem viel zu warmen Spätsommertag die gesamte Bevölkerung in Deutschland getestet. Einerseits auf Covid-19, andererseits auf dessen Antikörper. Bis dahin hatte keiner genau sagen können, wie viele Menschen wirklich infiziert oder bereits immunisiert waren. Jetzt wusste man es: Millionen waren es, was wiederum bedeutete, dass die Letalitätsrate eigentlich ziemlich gering war. Nullkommairgendwas. Einmal Influenza und zurück.

 

Was für ein Paukenschlag! Flugs wurden alle Ausgangssperren gelockert. Abiturienten schrieben ihre Prüfungen nach. Vor Friseurläden bildeten sich Männerschlangen, da den Älteren bereits die Haare aus den Ohren wucherten. Außereheliche Affären wurden per WhatsApp reaktiviert. In den Soccerhallen bolzten die Hobbyfußballer wieder nach Herzenslust. In Restaurants wurden tellerüberbordende Post-Corona-Menüs all in one angeboten: Spaghetti mit Schnitzel mit Knödel mit süßsaurer Sauce mit Kartoffelgratin mit Rindergeschnetzeltem mit Naan und Wantan. In vielen Unternehmen begannen endlose Meetings und Laberrunden, wieder Fahrt aufzunehmen. Ein bekannter deutscher Soziologe antwortete auf die Frage, was sich wirklich geändert habe, mit einem kräftigen: »Nichts.« In der Bundesregierung, in der alle MinisterInnen bis auf Olaf Scholz die Monate zuvor positiv getestet wurden, begannen erste Schuldzuschreibungen. Viele Zeigefinger deuteten auf Markus Söder in Bayern, der in der sommerlichen Hitzewelle im Juli jedes Wochenende sogar eine komplette Ausgangssperre ohne Ausnahmen angeordnet hatte. Ein Sturz vom Möchtegern-Diktator-Sockel bahnte sich an. Doch mit Schäufele und Silvaner konnte Söder sich ruhigstellen.

 

In einem Londoner Pub traf ich Ian McEwan1, meinen britischen Lieblingsschriftsteller. »Hey Ian, mit deinem Kakerlaken-Roman warst du der Zeit mal wieder voraus. Eine Bande von Kakerlaken in Regierungsverantwortung, welche die Wirtschaft an die Wand fahren und dann wieder aus Downing Street No. 10 verschwinden.« Ich hatte das Buch gar nicht als Allegorie auf Boris Johnson und seine Blechbüchsen-Ministerparade gelesen, sondern eher als Corona-Kollapsgeschichte. Am Ende gerät eine Kakerlake unter einen Lastwagenreifen. »Unter seinem Panzer quoll eine dicke, gelbweißliche Substanz hervor, eine begehrte Delikatesse. An diesem Abend würde es ein Heldenbankett geben.«

 

Apropos Kollaps. Am Abend war ich mit Jared Diamond2 verabredet. Der amerikanische Biologe und Anthropologe hatte sich zeitlebens mit der Frage beschäftigt, was der heutigen Welt den Todesstoß versetzen könnte. Den Zusammenbruch oder Kollaps definierte er als drastischen Rückgang der Bevölkerungszahl und/oder der politisch-wirtschaftlichen-sozialen Komplexität. »Weißt du,« sagte Jared zu mir, »in der Evolution verschwanden die Menschen oft ganz schnell und rätselhaft von der Bildfläche. Häufig sogar auf dem Höhepunkt von Macht und Größe.«. Von den Mykenern in Griechenland bis hin zu den Osterinseln im Pazifik. Da wurde ich hellhörig. »Osterinseln? Das Rätsel mit diesen großen Steinskulpturen? Erzähl doch mal, Jared.«

 

Wunderbare Kollapssemantik. Kein Rätsel nirgendwo. Das Klima, so Diamond, sei dort eh und je windig, trocken und kühl gewesen. Deshalb begannen die Einwohner, im Innern der Insel Steingärten und Steinmulch anzulegen, in denen geschützt Pflanzen heranwuchsen und geerntet werden konnten. Die Bauern selbst lebten an der Küste, auf breiten Steinstraßen gelangten sie zu ihren Steinfeldern. Die Steine deckten den Boden ab und hielten die Feuchtigkeit fest. Diese Form der Landwirtschaft entwickelte sich in vielen Weltgegenden, so in den trockenen Gegenden in Peru und China oder in der Wüste im Südwesten der USA. Um die landwirtschaftliche Produktion zu steigern, schichtete man dort überall Felsblöcke auf, damit die Pflanzen vom trockenen Wind geschützt waren.

 

Und wenn sie nicht gestorben sind… Doch dafür sorgten schließlich Schiffsbesatzungen aus Europa und Südamerika, die fremde Keime, Viren und Bakterien einschleppten. Zwei dieser Schiffe reichten aus, die Eingeborenen um mehr als die Hälfte zu dezimieren. Es kam zu einem Bevölkerungszusammenbruch, zu einem Kollaps einer Gesellschaft. Denn zweimal Pocken haut jeden aus den Socken. Hinzu kam, dass die Bevölkerung durch einseitige Ernährung gesundheitlich nicht sehr robust auf die fremden Eindringlinge vorbereitet war. Resilient nennt man das heute. Auf der Osterinsel aß man nämlich überwiegend kohlehydratreiche Kost wie Süßkartoffeln, Bananen und Zuckerrohr. Und wegen der begrenzten Wasservorräte auf der Insel trank man außerdem große Mengen von Zuckerrohrsaft. Ziemlich einseitige Ernährung. Gleichzeitig ein Rekord: Am Ende waren die Bewohner der Osterinseln das prähistorische Volk mit der höchsten Kariesrate. Von Diabetes oder ähnlichen Erkrankungen wusste man noch nichts. Was aber den Keimen und Viren egal war, sie taten ihren Job wie genetisch befohlen.

 

»Hey, Jared, jetzt ist mir einiges klarer. Irgendeinen Schwachpunkt findet ein Virus immer. Ich muss zurück in die Gegenwart.« Dort ist alles wie immer. Der täglich starre Blick auf Infektions- und Todesrate verengt das Verstehen massiv. Eines ist sicher: Der perspektivendifferenzierte Kontext des SARS-CoV2Virus ist längst noch nicht erforscht. Milder Verlauf oder Intensivstation – genaue Begründungen fehlen. Ich verabschiedete mich von Jared Diamond. »Aber von einem Bevölkerungszusammenbruch kann natürlich keine Rede sein. Ein Kollpas ist nicht in Sicht.« Jared nickte und zog weiter. Ich war mir jetzt sicher: Es gibt mehr als die katastrophale Sicht der Virologen. Doch wo waren die Experten von morgen? Beim Rückflug in die Gegenwart traf ich kurz vor der Ankunft Bob Dylan3. Sein 17-minütiger Sprechgesang, der letzte Woche veröffentlicht wurde und in den Medien als »ungeheures Niedergangsgedicht« gefeiert wird, beschäftigt sich mit dem Nährboden, aus dem heraus das überraschend Böse passieren kann. Ausgehend von dem Moment, als John F. Kennedy 1963 in Dallas ermordet wurde, streift der Song durch knapp 60 Jahre amerikanischer Kollapsmythen. Voller zerstörerischer Keime, Viren und Bakterien. Endlich wieder daheim.

Peter Felixberger

Montagsblock /104, 30. März 2020

 

1 Ian McEwan: Die Kakerlake. Zürich 2020.
2 Jared Diamond: Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen. Frankfurt a.M. 2005.
3 Bob Dylan: Murder Most Foul. 2020 Columbia Records. Gehört über Spotify.