Montagsblock /103

Schulen, Kindergärten und Kitas geschlossen, Kulturveranstaltungen abgesagt, Sitzungen verschoben, Kontaktscheu prämiert, selbst die allwöchentliche Bundesligaliturgie unterbrochen, und sogar Berlin ist es nach sanftem Druck gelungen, die Clubs zu schließen. Die höchste Form der Solidarität ist gerade paradoxerweise der Verzicht auf soziale Kontakte. Dass diese Maßnahmen sinnvoll sind, ist unbestritten, wahrscheinlich sind sie noch viel zu wenig weitreichend, aber darum soll es hier nicht gehen. Ich möchte ein Licht darauf werfen, was diese Maßnahmen gesellschaftlich bedeuten. Ich wundere mich vor allem über all jene Sozialromantiker, die nun die große Stunde der Solidarität kommen sehen, manche Betriebsnudel auf Twitter ist geradezu aus dem Häuschen, wie leicht man sich nun von zu Hause aus mit der ganzen Welt solidarisch erklären kann. Sehr beliebt ist auch der bildungsbürgerliche Impuls, die Situation gerade als Chance für Entschleunigung und innere Einkehr zu nutzen. Ein nicht unprominenter, eher zu nicht nur altmodischer, sondern auch nicht gerade forschungsstarker Kulturkritik neigender Psychiater weiß sogar, worum es jetzt geht. Er sagt im Deutschlandfunk-Interview: »Es geht nicht drum, dass wir jetzt mit der Bespaßung irgendwie weiter fortfahren«, sondern eben um innere Einkehr, darum, herauszubekommen, was wir wirklich wollen, weswegen er zu viel Netflix-Konsum während der Krise für schädlich hält – aber das tat er immer schon. Er weiß jedenfalls, worum es geht. Wir wissen, wie drehbuchhaft die Leute auf alles Mögliche reagieren – den einen war immer schon zu wenig betriebsame Solidarität, den anderen immer schon zu viel Netflix und zu wenig innere Einkehr. Da kommt Corona gerade recht.

 

Etwas genauer hingeschaut, stellen sich die Fragen ganz anders. Insbesondere Schul- und Kinderbetreuungsschließungen haben es in sich, denn sie reduzieren in Kombination mit der Aufforderung, die Sozialkontakte zu reduzieren, das gesellschaftliche Leben auf die eigene Familie, zumindest auf den eigenen Nahraum. Das ist nicht nur eine organisatorische Herausforderung, nicht nur eine starke Herausforderung an die Bewältigung des Alltags, sondern vor allem ein Hinweis darauf, wie sehr eine moderne Gesellschaft davon profitiert, dass wir eben nicht in engen Sozialverbänden leben. Die Schule, auch die Kita sind nicht nur Betreuungs- und Bildungsangebote. Sie sind auch Interdependenzunterbrecher. Das gilt auch für außerhäusliche Arbeit – übrigens ist es die größte Chance für Frauen der letzten beiden Generationen gewesen, sich von der Alleinzuständigkeit fürs Familiäre zu emanzipieren. Sie brechen enge Sozialverbände auf, sie sorgen für Abwesenheiten aller Beteiligten. Sie verhindern Situationen, in denen sich Individuen mit Haut und Haar, in voller gegenseitiger Relevanz, in ununterbrochener Kopräsenz begegnen.

 

Vielleicht kann man das, was die moderne Tradition »Subjekt« nennt, nur dort sein, wo man nicht mit Haut und Haaren dazugehört – nicht umsonst hat Hegel die Familie als »eine Person« begriffen, während in der bürgerlichen Gesellschaft viele Personen vorkommen. Der Stresstest für die Familie ist es, wenn sich Gesellschaft auf Familie reduziert, wenn es keine Exit-Strategien gibt.

 

Es ist kein Zufall, dass alltägliche Gewalt, auch sexuelle Gewalt mit am häufigsten im Nahraum vorkommt, im häuslichen Bereich und in Partnerschaften. Und es ist kein Zufall, dass wir unsere stärksten Emotionen, auch die positiven, im Nahraum erleben, mit Personen, die zumindest eine Zeit lang wie alternativlos zugehörig erscheinen. Solche Sozialkontakte sind sehr anstrengend, sie brauchen viel Energie. Zu den Schulschließungen kommt übrigens noch dazu, dass die meisten Schulen ihre Lehrprogramme nun in die Familien auslagern, indem den Familien Übungs- und Lehraufgaben mitgegeben werden, die sie im häuslichen Miteinander bearbeiten sollen. Wer kennt nicht die Rollenkonflikte, zugleich Vater oder Mutter zu sein und Lehrer oder Lehrerin? Wer kennt nicht die soziale Dynamik, die in solchen Situationen entsteht? Die Frage nach der inneren Einkehr stellt sich nicht wirklich, es stellt sich eher die Frage, wie wir eigentlich mit einer Nähe umgehen können, deren Vermeidung das Besondere einer modernen Gesellschaft ausmacht.

 

Man kann kulturkritisch meinen, der Mensch sei ganz bei sich, wenn er mit sich alleine ist, wenn er sich gewissermaßen vom Ärgernis der Gesellschaft befreit. Realistischer ist, dass er erst bei sich sein kann, wenn er die Möglichkeit der Zerstreuung hat. Wir Modernen sind daran gewöhnt, dass wir am Tag sehr Unterschiedliches tun. Unsere Kinder erfahren in Kindergärten, Kitas, Schulen, Sportvereinen, Musikgruppen, Freizeiteinrichtungen usw., dass es unterschiedliche Formen der Vergesellschaftung und der Ordnungsbildung gibt. Sie sind zwar stark an die Familie gebunden, müssen sich aber genau davon emanzipieren. Der wunderbare Satz von Willy Brandt »Die Schule ist die Schule der Nation« war damals, in den 1960er Jahren, noch auf den wilhelminischen Militarismus gemünzt, nicht das Militär sei die Schule der Nation, sondern eben die Schule.

 

Jetzt müssen wir sagen: Auch die Familie ist nicht die Schule der Nation, sondern eben die Schule – gerade weil sie aus Familienmitgliedern Subjekte macht, wie die außerhäusliche Arbeit oder die außerfamiliale Beschäftigung mit der Kultur oder den Künsten oder dem Sport auch.

 

All das ist nicht gegen die Familie gesprochen – im Gegenteil. Familien und andere Nahformen sind wichtige Sorgeinstanzen, sie erzeugen Formen unbedingter Zugehörigkeit und Solidarität – aber die Reduktion auf die Familie ist auch eine gesellschaftliche Anomalie, wie übrigens auch die vollständige Eingrenzung des Menschen auf seine Berufsrolle oder auf ein schrulliges Hobby eine Anomalie wäre. Die große Herausforderung der Corona-bedingten Reduktion der Gesellschaft auf die eigene Familie, auf den Nahraum, auf diejenigen, die man am Ende anstecken darf, ohne sich erklären zu müssen,  besteht darin, dass sie letztlich den modernen Mechanismus der Gleichzeitigkeit von Unterschiedlichem außer Kraft setzt. Das ist ein erheblicher Stresstest, der dem ökonomischen und politisch-organisatorischen Stresstest in Corona-Zeiten in nichts nachsteht. Man wird es nach der Krise an glücklichen Geschichten wechselseitiger Unterstützung und Solidarität unter Familien ablesen können, vielleicht sogar an einer höheren Geburtenzahl, aber garantiert auch an gestiegenen Scheidungs- und vor allem Gewaltraten, v.a. gegenüber Frauen und Kindern. Das dusslige Gerede, dass die Krise auch die Chance bietet, dass der Mensch nun endlich zu sich selbst kommen könne, ist bloß eine pfäffische Attitüde.

 

Ein letzter Aspekt, warum die Schule die Schule der Nation ist: Aus Studien wissen wir, dass kaum ein Verzicht so stark auf soziale Ungleichheit wirkt wie der Verzicht auf Betreuungseinrichtungen und Beschulung. In den bildungsnahen Milieus wird das Schulische selbst, wird die Beflissenheit und der Rollenkonflikt zu Stress führen, in den bildungsfernen mit jedem Tag das Vergessen schulischer Inhalte und Habitus. Ökonomische Folgen werden sich durch Steuererleichterungen und zinslose staatliche Kredite abmildern lassen, die Kosten fürs Familiale sind schwerer zu kompensieren.

 

Wenn wir also in der Krise etwas lernen können, dann vor allem etwas über den Normalzustand einer Gesellschaft, deren so anstrengende, differenzierte, manchmal überfordernde Form letztlich ein Segen ist – nämlich nicht auf einen Typus von Sozialkontakten begrenzt zu sein. Vielleicht sollten wir das zu schätzen lernen.

Bleibt gesund und friedlich!

 

Armin Nassehi

Montagsblock /103, 16. März 2020