Genau drei Wochen vor dem Erscheinungstermin meines aktuellen Buches erreichte mich eine E-Mail von Crystal Hayes. Sie hoffe, es störe mich nicht, wenn sie sich einfach direkt an mich wende. Sie sei Übersetzerin vom Deutschen, Norwegischen und Dänischen ins Englische. Und in dieser Rolle habe sie in der Verlagsankündigung mein neues Buch entdeckt – und gleich ins Herz geschlossen: „Sobald ich angefangen hatte, es zu lesen, konnte ich es nicht mehr weglegen“. Es folgte ein langer, eloquenter Text detaillierten Lobes meines Buches mit all seinen herausragenden Attributen und eindrucksvollen Besonderheiten, die Crystal akribisch auf meinen Lebenslauf und auf Parallelen zu mir wichtigen Autoren zurückzuführen wusste. Kein Zweifel, Crystal hatte das Buch genauso verstanden, wie es gemeint war. Sie hatte der Genialität meines Schreibens direkt ins Auge geblickt.
Crystal schrieb, es sei ein Jammer, wenn das Buch nicht ins Englische übersetzt würde. Sie könne sich vorstellen, dass das Goethe-Institut eine Übersetzung finanzieren würde. Oder kulturelle Initiativen des Außenministeriums. So oder so, sie stehe zur Verfügung. Und abgesehen davon, wollte sie sich einfach für das Buch bedanken. Sie werde noch lange darüber nachdenken.
Crystal Hayes – eine Leserin, wie man sie sich als nervöse Autorin vor der Buchpremiere nur wünschen kann. Es gab nur ein paar kleine Probleme. Die Crystal Hayes, die man im Internet findet, ist nicht Übersetzerin, sondern Model und Schauspielerin. Die Absender-Adresse von Gmail verwies ebenfalls nicht auf einen professionellen Hintergrund. Mein Verlag wiederum hatte zwar Presseexemplare verschickt, aber nicht an englische Übersetzer. Und die E-Mail war in all ihrer Schönheit laut Pangram-Check 100 Prozent KI-generiert.
Ein paar Wochen später meldete sich Charley Burlock bei Armin mit einer Nachricht an uns drei Kursbuch-Herausgeber. Charley wiederum war interessiert an unserem Kursbuch 220 „Wie geht’s weiter?“ in seiner angeblichen zum Nachdenken anregenden Aktualität. Sie war „books editor“ und auf der Suche nach interessanten Büchern für Autoren Features, Spotlights und Interviews. Auch diese E-Mail war KI-generiert. Doch Charley Burlock gibt es wirklich, mit eigener Homepage im Internet. Sie arbeitet sogar wie angegeben für Oprah Daily. Auf Ihrer Homepage steht allerdings, dass ihr Name jüngst von Betrügern genutzt wurde. Man solle entsprechende Gmail-Anfragen ignorieren und keinesfalls persönliche Informationen teilen.
Auf die Spur von Betrügern führte auch die E-Mail von Judithe Moderator, die mir vergangene Woche eine nicht endend wollende Lobeshymne auf mein vorletztes Buch über die Sonne schickte. Sie wollte von mir wissen, welche Erkenntnisse oder Gefühle ich mir von meinen Lesern erhofft habe, als ich die kulturellen und wissenschaftlichen Dimensionen der Sonne so untrennbar miteinander verknüpfte – angeblich, um meine Antwort in einem Buchclub zu diskutieren. Die Google-Recherche ergab: Vor Judithe wurde auf Facebook gewarnt. Betrüger würden den Namen nutzen, um per E-Mail persönliche Informationen zu bekommen, schließlich um Spenden für den Buchclub zu bitten oder schließlich mit schlechten Buchrezensionen zu drohen.
Drei E-Mails in anderthalb Monaten. Und der Effekt, dass ich Menschen, die mir per E-Mail nette Sachen über meine Bücher schreiben, nun grundsätzlich erstmal für KI-Bots halte.
Wer weiß, vielleicht werde ich mich bald an diese E-Mails als Vorboten einer neuen Zeit erinnern. Einer Zeit, in der man keiner E-Mail eines Fremden mehr traut – zumindest niemandem mehr, der schmeichelhafte Dinge schreibt. In der man sich Mechanismen ausdenken muss, wie man die Menschlichkeit und Authentizität der Absender durch schlaue Zertifikate überprüfen kann (nur wie?). Und in der Online-Ratings und Bewertungen vollständig ihre Aussagekraft verloren haben werden. Ich bin ehrlich gespannt, wie es dann weitergeht. Aber wahrscheinlich habe ich dann schon lange meinen eigenen E-Mail-KI-Agenten, der seine KI-Buddys Crystal, Charley und Judithe so gut kennt, dass ich mich mit all dem gar nicht mehr herumschlagen muss.
Sibylle Anderl, Montagsblock /394
28. September 2026
Hinweis in eigener Sache:
Neun Stunden, neun Gesprächspartner*innen, neun Perspektiven: Am 25. Oktober fragt der erste Kursbuch-Interviewmarathon in München: Wie geht’s weiter? Tickets gibt es hier.