Es ist über 25 Jahre her, dass ich mehrere kleinere Arbeiten über Urbanität geschrieben habe. Die Grundthese war, Urbanität dadurch zu der charakterisieren, auf möglichst viel Gemeinsames verzichten zu können und damit auf niedrigschweliige Handlungskoordination unter Fremden zu setzen. Urbanität erschien da als die Möglichkeit, einander in Ruhe zu lassen, also sich im Alltag verständigen zu können – auf der Straße, an Arbeitsplätzen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Geschäften, in Nachbarschaften, sogar auf Veranstaltungen –, ohne dass es weiterer Verständigung bedarf. Tenor des Arguments war, dass wechselseitige Indifferenz eine zivilisatorische Errungenschaft sei, etwas, das Differenz ermöglicht, das auf Toleranz verzichten kann, wenn man Toleranz für einen problematischen Habitus hält: Tolerieren muss ich nur Dinge, die ich eigentlich ablehne, ansonsten reicht es, dass mir das Gegenüber wohlwollend interesselos egal ist.
Das Argument ist hier etwas überspitzt dargestellt. Ich plädiere nicht dafür, dass uns andere egal sein sollten. Es ging eher darum, zu zeigen, dass erlebte Differenz nicht in handelnde Ablehnung umschlagen muss. Vielleicht ist die größte zivilisatorische Errungenschaft die, unmittelbare Intuitionen für sich zu behalten. Will man „zivilisiertes“ Verhalten definieren, käme in Betracht, es vor allem darin zu sehen, dass nicht alles, was man denkt, auch gesagt wird. Norbert Elias hat das in seiner Zivilisationstheorie als „Dämpfung der Triebe“ beschrieben und als Fähigkeit, die Amplitude von Reaktionen flach zu halten.
Dass all das im Rahmen eines Nachdenkens über Urbanität auftauchte, liegt daran, dass in Städten zusammenkommt, was nicht zusammengehört – und das ihre Stärke ist. Nicht-städtische Lebensformen sind der Tendenz nach eher homogen und auf Überraschungsvermeidung ausgerichtet, während in den Städten die Inhomogenität, die Reibung der Schnittstellen, der Widerspruch von Standards, die Konfrontation von Lebensformen, die unterschiedlichen gesellschaftlichen Funktionen mit ihren Zielkonflikten, unterschiedliche Milieus, überraschende Ästhetiken, sozial ungleiche Formen, Armut und Reichtum, Prosperität und Not usw. auf engstem Raum zusammenkommen und in Echtzeit miteinander koordiniert werden müssen. Städte als die „Laboratorien der Moderne“ aufzufassen, ist so alt wie die Stadtsoziologie – bei Robert E. Park und schon bei Georg Simmel findet man entsprechende Überlegungen. Laboratorien sind sie, weil hier die moderne Dynamik der Schnittstellen zwischen unterschiedlichen Funktionen, Interessen und Milieus und die unterschiedlichen Zielkonflikte der Moderne geradezu mit Händen zu greifen war – und weil hier eine neue Geisteshaltung entstand, die bei aller Sichtbarkeit der Dinge sich mit begrenzten Informationen, vorläufigen Urteilen und unvollständiger Koordination arrangieren konnte. Die Schärfe der Konfrontation in den Städten erforderte unscharfe Praktiken – und die Fähigkeit, manchmal nicht so genau hinzusehen, und die Möglichkeit, in Ruhe gelassen werden zu können.
All das erzeugt Belastungen – das städtische, das großstädtische Leben ist anstrengend, konflikthaft, aufgeregt. Aber es lebt von der zivilisierten Form des Desinteresses an allem und jedem. Diesen Gedanken habe ich zu einem halb empirischen und halb normativen Argument aufgerundet: Was da so schwierig und manchmal unerträglich daherkommt, sei eine Errungenschaft. Das enthielt übrigens auch den Hinweis darauf, dass die Möglichkeit, in Ruhe gelassen werden zu können, auch ein Privileg sei – das nicht alle genießen, bestimmte Minderheitengruppen etwa. Das macht das Normative an dem Argument aus, dass es eine Wirklichkeit an einem Potential misst, das zweifellos vorhanden ist.
Würde man das heute immer noch so schreiben, in diesen Zeiten? Vielleicht ja, auch deswegen, weil nun, in Zeiten, in denen alltägliche großstädtische Indifferenz unwahrscheinlicher wird, eine Leerstelle des Arguments deutlich wird. Es ist nur eine Leerstelle, kein Gegenargument. Die Leerstelle besteht darin, dass dieses Potential der Indifferenz und des In-Ruhe-Lassens doch eine Form des Gemeinsamen braucht, nämlich auf zu viel Gemeinsamkeit verzichten zu können. Es ist gewissermaßen eine latente Voraussetzung einer manifesten Form. Latent bleiben muss eine Form unausgesprochener Wechselseitigkeit, die erst die manifeste Form ermöglicht, Wechselseitigkeit explizit machen zu müssen. Das hört sich kompliziert, fast widersinnig an, weil es latent etwas voraussetzen muss, was manifest vermieden werden soll – aber so verhält es sich wohl.
Die Antwort, was man unter einer zivilisierten Form verstehen soll, müsste also erweitert werden: Es ist einerseits die Voraussetzung, nicht alles zu sagen, was man denkt, was einem gerade in den Kopf kommt oder was man fühlt oder intuitiv äußern möchte – und zusätzlich, darüber nicht verhandeln zu müssen. Sobald man thematisieren muss, dass man lieber schweigt, hat man schon gesprochen.
In den gegenwärtigen Konflikten der Gesellschaft ist zu beobachten, dass sich die Grenzen des Sagbaren radikal verschieben – das ist der eigentliche Bruch, den man derzeit erleben kann, die Verschiebung des Sagbaren und die Gewöhnung daran. Dass derzeit überall eine Einschränkung der Meinungsfreiheit vermutet und sogar erlebt wird, hat exakt damit zu tun. Manchmal dient das Pochen auf Meinungsfreiheit nur dazu, mit wirklich jedem Bullshit nicht nur gehört, sondern auch anerkannt werden zu können. Wer sogar Redaktionen oder Talksendungen danach benennt, demonstriert damit unwillentlich, dass die Sache mit den unsichtbaren Voraussetzungen des Sichtbaren nicht ganz so einfach ist.
Die Verschiebung und Ausweitung des Sagbaren ist nicht nur eine Geschmacksfrage – sie verändert zugleich die Bedingungen von Kommunikation. Die derzeitige Diskussion darüber, wer alles mit wem reden solle und wer nicht – und das nicht nur im unmittelbar politischen und parteipolitischen Bereich –, ist ein Ausdruck der Ausweitung der Sagbarkeitszone, der letztlich die „urbanen“ Bedingungen von Diskursen, Auseinandersetzungen, Konflikten und Differenzen zum Opfer fallen. Musste man zuvor womöglich fürchten, dass Manches gar nicht erst thematisierbar war, ist es nun die völlige Entfesselung von Kommunikation.
Nicht unterschätzen sollte man, dass bei aller Unkalkulierbarkeit komplexer sozialer Gebilde, wie es mit dem Städtischen ja aufgerufen ist, die besondere Leistung der westlichen Nachkriegsordnung darin bestand, keineswegs Konflikte und Widersprüche vermieden zu haben, sie aber in institutionalisierte Bahnen und Rahmen einordnen konnte. Parteien, Milieus, Weltanschauungen, Konfessionen, ästhetische Standards – sie waren bei aller Differenz irgendwie komplementär aufeinander bezogen, was die wechselseitige Berechenbarkeit erleichterte. Dieser Mechanismus gilt tatsächlich nicht mehr. Deshalb wird all das nur zu überwinden sein, wenn man Lösungen dafür nicht mehr nur in der Optimierung, Weiterentwicklung und Perpetuierung der geltenden Kategorien anstrebt und damit Konfliktlagen neu ausrichtet. Das kann nur praktisch erfolgen und mit dem Mut, die eigenen Kategoriensysteme in Frage zu stellen – statt die Zone des Sagbaren so auszuweiten, die eigenen Intuitionen noch lauter zu verbreiten. Aber das ist ein anderes Feld.
Armin Nassehi, Montagsblock /393
21. September 2026
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