Armin Nassehi hat in der SZ gerade für mehr Langeweile in der Politik plädiert. Er fordert mehr Normalität, in der „Konflikte moderat, Kompromisse tragbar, Abweichungen kalkulierbar sind und nicht jede Frage eine Frage um das Ganze ist“. Konkret: Mehr Langeweile als Normalzustand! Wenn man sich der These nähert, merkt man ihr zunächst etwas leicht Realitätsfremdes an. Denn Normalität und Langeweile haben in den zeitgenössischen Diskursen keinen guten Ruf. Wie sollen sie auch zum Zug kommen? Alles und jeder ist formidable und extraordinaire, delicious and mouthwatering, exceptional und único. Wer kann es sich in dieser Welt noch leisten, normal zu wirken? Normalsein ist uncool. Es bezieht sich Schlagzeilen verweigernd auf die fortgesetzte Anpassung an die realen Verhältnisse. Kärrnerarbeit im Verborgenen.
Vielen Bürgern ist das Ganze sowieso egal. Sie müssen sich darum kümmern, mitzuhalten statt mitzugestalten. Reicht das Geld am Monatsende noch? Es sind existenzielle Fragen, die diese Normalität prägen. Und: Es fehlt ihr der Charme des Ungehorsams noch verfügt sie über die kreativen Tugenden der Innovation, geschweige denn über das Wahnsinnige der Übermächtigen. Ist halt die Normalität der Normalen.
In ihr findet der Normale aber auch Abgeschiedenheit und Rückzug, sich um sich selbst zu kümmern und so gut wie möglich zu leben. Normale Lebensumstände eben. Keine Zeit für große Anomalien und außergewöhnliche Abweichung. Soll doch das Abnorme bleiben, wo es hingehört. Ins neomediale Licht der Selbstinszenierung und Überhöhung. Ups, schon zieht die große Parade lebloser Unterhaltungspakete vorüber. Alles normal. Cool, oder?
Hans Magnus Enzensberger hat in seinem berühmten Kursbuchessay „Verteidigung der Normalität“* die 95%-Regel aufgestellt. Demnach sind wir zu 95 Prozent normal. Nur ein Zwanzigstel Abweichung sei in jedem angelegt und strebe eher selten nach Sehnsucht und Ausprägung. „In eurer eigenen Brust sollt ihr, je nach Klassenlage, Beruf, Alter, Herkunft, Geschlecht, Status und Milieu, wiederfinden, was ihr vergeblich versucht zu ignorieren, zu verleugnen, von euch abzuspalten: Vorräte an Normalität, die unermesslich, unerschöpflich, unentrinnbar sind.“ Die Normalität hat uns offenbar fest im Griff. Mehr noch, es ist unser Alltag.
Das Außergewöhnliche und Einzigartige unterliegt der 5%-Hürde. Sie strebt ans Licht. Mit den neuen Medientechnologien und der KI als Blasebalg pumpt es sich neuerdings sekündlich auf. Das Dilemma steht im Beipackzettel: Einerseits wähnt man sich im Nach-oben des aufmerksamkeitsökonomischen Fahrstuhls, andererseits spürt man die Bedeutungslosigkeit aufgetürmter WhatsApp-Stati, KI- und Instafluten und das fortgesetzte Wiederzurückgestoßenwerden in die Normalität. Daraus ergebe sich, so Enzensberger, eine eherne Konsequenz. Die 5%-Nichtnormalität buhlt um mehr öffentliche Beachtung.
Mathematisch ist klar: die 5% existieren nur, wenn es die anderen 95% gibt. Der Nichtnormale lebt von der Mehrheit der Normalen. Von ihnen soll er im besten Fall ja wahrgenommen werden. Das braucht Zirkuskinder. How bizarre, diese Nichtnormalen! Als Außenseiter und Einzelgänger suhlen sie sich in der grenzenlosen Selbstüberzeugung des eigenen heiligen Geistes. Umgeben vom Chor der Jünger und Fans. „Es sind immer nur Minderheiten, die sich öffentlich äußern“, stellt Enzensberger klar. Doch im Auge des Aufmerksamkeitsorkans herrscht Ruhe. Die 95%-Normalität hat ihre eigenen Strategien, um nicht weggeblasen zu werden.
Sie schweigt, ignoriert, klammert aus oder übt sich im stillen Vorbehalt. Was wiederum alle schmerzt, die Wind machen. Politiker, Meinungsmacher, Multiplikatoren, Künstler und sonstige Prediger. Deren Äußerungen perlen immer mehr an der Windschutzscheibe der Normalität ab. Die „Mehreren sind die Schwereren“, sagt der Bayer und winkt bei Belehrungen ab. Schlechte Zeiten für Überzeugungsverkäufer, Parolenausgeber, Opinionmaker, Modemacher und Appellisten. Denn, wie Enzensberger schon ahnte, befindet sich die Mehrheit längst im Widerstand. Die Eliten sind das Feindbild. Die Mehrheit grenzt sich längst ab: Unüberwindliches Schweigen schlägt naseweisigen Lärm. Kleinteiliges Zermalmen schlägt großspuriges Aufschneiden. Mit Schweigen, Regression und Beharrlichkeit wird der Beton angerührt. Bis er ausgehärtet ist.
Die Macht der Machtlosen wächst. Wölfe im Schafspelz, Schafe im Wolfspelz. Im Gleichschritt marsch. Rechte Claqueure im Schlepptau als billige Handelsvertreter des Nicht-Woken, die nach dem Applaus der 95% heischen. Wir zeigen es „denen da oben“.
Klimakrise? „Entschuldigung, man darf ja wohl noch in Urlaub fliegen.“ Energiekrise? „Nee, Windräder nicht bei mir.“ Mobilitätskrise? „E-Autos? Viel zu teuer, kann ich mir nicht leisten.“ Ukrainekrieg? „Sorry, geht mich nichts an.“ Migration? „Uns hilft auch keiner.“
Der französische Schriftsteller André Gide hat die Normalen ob dieser Gleichgültigkeit längst aufgegeben. „Der normale Mensch ist kaum wichtig für uns; ich möchte fast sagen, man kann ihn streichen.“ Der Normale sei jener Rückstand, jener Urstoff, der nach dem Schmelzvorgang, wenn das Besondere sich verflüchtigt habe, auf dem Boden zurückbleibe. Und Enzensberger schickt ihnen einen lyrischen Abschiedsgruß hinterher: „Wenn es um die Befreiung der Menschheit geht, laufen sie zum Friseur. Statt begeistert hinter der Vorhut herzutrippeln, sagen sie: jetzt wär ein Bier gut.“
„Ja, wenn die Normalen nicht wären, dann würde sich ruckzuck etwas ändern.“ Die Normalen stehen im Weg oder wie Robert Habeck derzeit frustriert wiederholt: „Ich hatte meinen Entwurf vorgelegt. Er ist nicht durchgekommen.“ Tja, wenn wir nicht durchkommen, müssen die 5% halt die 95% umerziehen? Linke Ideologen plädieren deshalb seit jeher an der Umerziehung und Überwachung der Massen. Das Bollwerk der Normalität ist allerdings stärker. Und so verzweifelt die Politik vor sich hin: „Ja, wenn die Leute nicht wären, dann sähe die Sache ganz anders aus.“
So, lieber Armin, Langeweile und Normalität stecken in der Sackgasse. Sowohl ihre Verachtung als auch ihre Anbetung führen in unlösbare Widersprüche: Die Weisheit der Wenigen braucht einerseits das Geringwissen der Vielen. Die Weisheit der Vielen pfeift andererseits auf die 5%-Nichtnormalen.
„Ja, wenn die Leute nicht wären, ja dann! … Ein Sack Flöhe ist nichts dagegen.“
*Hans Magnus Enzensberger: Verteidigung der Normalität. In: Kursbuch 68: Furcht und Zittern, S. 51ff. Berlin 1982.
Peter Felixberger, Montagsblock /395
05. Oktober 2026
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