Dem kraftvollen Wahlblock meines Herausgeberkollegen Armin Nassehi aus der vergangenen Woche und dem wunderbaren Essay von Justus Bender in unserem aktuellen Kursbuch möchte ich gar nichts hinzufügen. Daher heute statt Wahlanalyse mal eine eskapistische, ganz andere Frage:
Wie hat man das damals eigentlich gemacht? Vor 25 Jahren, als es noch keine Smart Phones gab, die überall ins Internet kamen. Keine Navi-Apps. Keine Messenger, mit denen man von überall alle Kontakte schnell erreichen konnte. Was für eine andere Welt das gewesen sein muss.
Vergangene Woche habe ich für einen halben Tag eine Zeitreise unternommen. Ich hatte in Berlin einen Termin in der US-Botschaft vereinbart. Und war in den zur Bestätigung des Termins verschickten Informationen durch einen Satz aufgerüttelt worden: Nicht erlaubt seien Handys und andere elektronische Geräte. Es gebe vor Ort keine Schließfächer. Die Tragweite dieser Informationen wurde mir allerdings erst klar, als der Termin schon kurz bevorstand. Der Plan, im Anschluss an den Termin um 8 Uhr direkt in unserem Büro am Anhalter Bahnhof vorbeizufahren, ging zum Beispiel schonmal nicht auf. Einen Laptop durfte ich ja nicht mitnehmen. Zudem musste ich feststellen, dass sich die zuständige Botschaft nicht wie erhofft in Mitte befindet, sondern abgelegen in Süd-Dahlem. Eine Stunde Fahrtzeit von zuhause, Tram, U-Bahn, S-Bahn. Normalerweise würde ich auf so einer langen Fahrt Zeitung lesen – auf dem Handy. Oder ein paar Nachrichten und E-Mails beantworten. Und den schnellsten Weg mit aktuellen Informationen per Navi checken – natürlich ebenfalls am Handy.
Ich druckte mir also Screenshots mit Kartenausschnitten und Nahverkehrsverbindungen und Laufwegen aus. Für den Hinweg. Und für den Rückweg, auf dem ich statt ins Büro zu fahren, einen Kollegen im Prenzlauer Berg treffen wollte. Außerdem alle Informationen, die ich nicht schnell im Handy würde nachschauen können. Um etwas zu lesen zu haben, packte ich mir ein Reclambuch ein. Das alles fühlte sich ein bisschen so an wie die Vorbereitungen für eine Expedition in die Wildnis. Was könnte noch passieren, auf das ich nicht vorbereitet war? Würde es ein Problem sein, dass ich auf den Karten keine Straßennamen drucken konnte? Reichte meine Orientierung, um allein mit der Himmelsrichtung zurecht zu kommen? Mit dem Kollegen machte ich eine Uhrzeit für ein Treffen im Café aus, die mir in jedem Fall realistisch einzuhalten schien und kringelte mir zudem noch seine Adresse auf meinem ausgedruckten Plan ein, für den Fall, dass etwas schieflief und ich ihn im Café nicht treffen würde (hat man das früher so gemacht?).
Natürlich hatte ich nicht an alles gedacht. Am Vorabend bemerkte ich, dass meine Smartwatch ebenfalls ein technisches Gerät ist. Die Uhrzeit zu kennen, wenn man zu einem Termin fährt, erschien mir allerdings notwendig. Als ich meine Gastgeberin nach einer mechanischen Uhr fragte, musste sie lange suchen. Und ihre alten Berlin-Stadtpläne hatte sie erst wenige Tage zuvor weggeworfen. Kurz vor dem Einschlafen fiel mir glücklicherweise noch ein, dass mein Deutschland-Ticket ebenfalls eine digitale Existenz in meinem Handy fristet. Gibt es eigentlich noch Fahrscheinautomaten?
Morgens um 6.45 Uhr trete ich technisch nackt auf die Straße und verspüre nach zehn Schritten den Impuls, im Handy schnell zu schauen, wann die Tram genau abfährt. Um mich herum: Menschen mit Kopfhörern im Ohr und Handys in der Hand. In der Tram genauso. Allein eine ältere Frau, die mit mir zusammen eingestiegen ist, schaut gedankenverloren auf den Fahrkartenautomaten. Ich fühle mich mit ihr seltsam verbunden. Bis sie ihr Handy aus der Tasche zieht. Für mein Reclambuch fehlt mir die Konzentration. Aber dafür sehe ich ganz viel. Zum Beispiel, wie dem Mädchen mit dem Tennisschläger auf dem Sitz gegenüber eine Haarspange aus der Tasche auf den Sitz fällt. Oder dass ich eine Frau in der S-Bahn schon in der Tram gesehen hatte. Und schließlich am Ende meiner Reise: dass im Kiosk in der U-Bahnstation nahe der Botschaft ein Zettel mit dem handgeschriebenen Wort „Lockers“ hängt. Am Abend vorher hatte ich noch gegoogelt, ob und wo es in der Nähe private Schließfachangebote gibt, aber nichts gefunden. Ob ich dort meine Handys und meinen Dienst-Laptop wirklich hätte abgeben wollen?
Die Beobachtung hilft mir wenig später trotzdem. Als mich die Securitydame anbrüllt, noch bevor ich die Schlange zum Botschaftsempfang erreicht habe, ich dürfe mit meiner Tasche nicht näherkommen. Da war ich in den Infos offenbar zu sehr auf die technischen Geräte fixiert gewesen. 5 Euro und ziemlich viele Plätze in der Warteschlange kosten mich Tasche und Kioskschließfach. Immerhin kein schlechtes Geschäft für den Kioskbesitzer, der auf den Verkauf von Getränken und Zigaretten vermutlich nicht mehr angewiesen ist. Allerdings bin ich nicht die Einzige, die wieder aus der Schlange geworfen wird. Vor mir trägt ein Mann eine Smart Watch. Hinter mir hat ein kleines Mädchen Kopfhörer umhängen. Durch die Schlange wabert das Gerücht, auch Autoschlüssel seien verboten. Ein anderes Gerücht: Man brauche für das Visum extra US-biometrische Fotos statt der deutschen, die ich einen Tag vorher in der Drogerie habe machen lassen. Ich kann nicht googeln, um die Richtigkeit zu prüfen.
Irgendwann bin ich schließlich dran. Ich gehe durch die Sicherheitsschranke, mein spärliches Hab und Gut wird durchleuchtet. Ich bin zuversichtlich. Zu Unrecht, wie sich schnell herausstellt. „Do you have an Airtag?“ fragt mich die Securityfrau unfreundlich. Mist, tatsächlich. Ich habe eins. Im Portemonnaie. Den GPS-Tracker hatte ich neulich von meinen Eltern mitgenommen und vergessen. Der Mann vor mir hat einen Autoschlüssel, den er abgeben muss, damit dieser in einem kleinen Regal gelagert wird. Ich frage, ob ich das mit dem Airtag nicht auch machen könne. Geht nicht. Ich besuche also ein weiteres Mal den Kiosk.
All das und das weitere ausführliche Schlangestehen drinnen führen dazu, dass ich schließlich eine Stunde zu spät im verabredeten Café bin. Mein Kollege kommt mir in dem Moment im Eingang entgegen. Er hatte gerade die Hoffnung aufgegeben, dass ich noch komme. In seiner Ratlosigkeit, wie er mit der Unsicherheit umgehen soll, hatte er mir sogar (wider besseres Wissen) eine Nachricht aufs Handy geschickt. Aber gerade nochmal gutgegangen, alle Herausforderungen gemeistert. Schließlich zurück bei meinen Handys erwarten mich gar nicht so viele entgangene Nachrichten wie erwartet. Und sofort fängt die Verklärung des Vormittags an: Eigentlich in schönem Sinne aufregend, mal ohne Handy unterwegs zu sein!
Dass die Episode sich genau am Erscheinungstermin meines neuen Buches abspielte, in dem ich davor warne, dass wir in der bequemen modernen Welt immer mehr Fähigkeiten verlieren, wenn wir nicht aufpassen, war ein ironischer Wink des Schicksals. Werde ich nun bald zum Spaß ohne technische Geräte durch die Welt ziehen? Wahrscheinlich nicht. Aber schön zu wissen: Es funktioniert noch. Sogar die Erkennung der Himmelsrichtungen.
Sibylle Anderl, Montagsblock /391
07. September 2026