Im Herbst 1979 beschloss der berühmte französische Philosoph Jean Paul Sartre, fast völlig erblindet, in Gesprächen mit Benny Lévy ein letztes Werk zu erarbeiten, das dann Jahre später (1993) unter dem Titel „Brüderlichkeit und Gewalt“ auch in deutscher Fassung erscheinen sollte. Lévy alias Pierre Victor, ein zuvor linksradikaler Maoist, hatte sich in den 1970ern mit Sartre befreundet und begleitete ihn mehrere Jahre als Privatsekretär. Die Gesprächsprotokolle fangen die Unsicherheit Sartres ein, am Ende eines aktiven Intellektuellenlebens eine Art von Resümee vorlegen zu müssen. Ein Zögern im Argument hier, ein Zaudern vor der späten Verwirrtheit da. Was bleibe schon übrig von ihm, so Sartre, wenn der Traum von Unsterblichkeit im Siechtum des vergehenden Lebens verblasst.
Ich bin kürzlich wieder zuhause beim Bibliothekssurfen auf diese Protokolle gestoßen und habe Auszüge im Freibeuter gefunden, jener Vierteljahreszeitschrift für Kultur und Politik, die damals von Klaus Wagenbach im gleichnamigen Verlag herausgegeben wurde. Eine Zeitschrift in Buchform, die vierteljährlich eine Art von Selbstvergewisserung und Selbstgewissheit linken Denkens vornahm. Blasse Erinnerung: Als junger Sinnsucher in der Provinz wurde man vom Freibeuter mit den neuesten Erörterungslagen aus dem Zentrum des Renitenten und Widerständigen versorgt.
Etwas verkürzt skizziert Sartre in den Gesprächen die Überzeugung, dass jeder Mensch, von ewiger Hoffnung angetrieben, sich nur Ziele setzen könne, an denen er letzten Endes scheitere. Fatalistisch gesagt: Was immer der Mensch versucht, es gelingt ihm nicht. Dieser negative Humanismus hat in Frankreich übrigens eine große Tradition. Vom tugendhaften Revolutionär Louis-Antoine de Saint Just, der den Staub verachtet, aus dem er zusammengesetzt ist, bis hin zu André Glucksmanns Vollidioten, der unfehlbar über das urteilt, was er gar nicht weiß. Für Sartre ist diese Dummheit gar die Grundkonstante des menschlichen Seins. „Es gelingt ihm nicht einmal, zu denken, was er denken will, oder zu fühlen, was er fühlen will.“
Da fühlt man sich doch gleich besser. Vor meinem Auge zieht die große Parade verwirrter Machtgeister vorüber. Mit dem neu gelernten Fatalismus lassen sich die Trumps und Putins dieser Welt schnell ad acta legen. Wer würde schon zweifeln, dass ihre Irrtümer dereinst als vorübergehender Wahnwitz im Gruselkabinett ewigen Scheiterns abgelegt werden.
Doch zurück zu Sartre, der im Angesicht des nahen Todes ehrlich Zeugnis seines persönlichen Scheiterns abgeben will. Inklusive, so höret, der Ausfahrt: Hoffnung! Denn es bleibe, wir greifen seinen dicksten Denkfaden auf, dem Menschen in dieser unausweichlichen Lage nur die Hoffnung, immer wieder nur neue Ziele zu formulieren, die am Ende als Irrtümer fröhlich bis vergeblich scheitern dürfen. Hinzu kommt, so Sartre, dass das eigentlich Fatale für den Menschen das Nichtakzeptierenwollen seiner Irrtümer sei. So klammert sich selbst der Kleingeist bis zuletzt an die Schimäre eines gelungenen oder weiter gelingenden Lebens. Nehmen wir nur Putin, den seine Berater mit miltärischen Fakenews von der Front füttern, damit er im Glauben des unmittelbar bevorstehenden Sieges das Grauen des eigenen Scheiterns nicht erkennen muss.
Sartre bäckt da kleinere Brötchen. Es bleibe nämlich, so der Meisterdenker, in jedem Scheitern ein kleines Stück Wahrheit zurück, das sich aufmachen könne, dereinst als Teil eines größeren Irrtums wieder zu stranden. Jeder habe, wenn ich das richtig verstehe, jeden Augenblick die Chance, neu aufzubrechen. Denn erkenntnistheoretisch liegt in jedem Scheitern für Sartre ein kleines Staubkorn, mit dem sich letztlich der langsame Fortschritt der Menschheit ernähre. Bei Putin eventuell der Satz: Augen auf bei der Wahl der Militärberater! Sprichwörter gibt es dazu einige: Aus Schaden wird man klug! oder: In jedem Witz steckt ein Stück Wahrheit!
Obwohl Sartre auch diesen kleinsten Fortschritt als „eine meiner letzten Naivitäten bezeichnet“ – ok, der Mann hatte nicht mehr lange zu leben – ist der ihm zugrunde liegende Irrtum, so könnte man ihm entgegnen, womöglich auch ein ewig leuchtender Pfad der Erkenntnis. Denn mit ihm lasse sich der Zwischenbefund allen Irrlichterns herausfordern, piesacken und zurechtrücken. Und kreativ, innovativ weiterentwickeln. Und das Schöne: Nur mit dem Irrtum im Gepäck kann man umkehren, wenn man sich in die Eindeutigkeit verlaufen hat. Man muss ihn nur so lange umarmen, bis er abfällt.
Endlich am Ziel für heute. Wer in Zeiten anschwellender KI-Gewissheiten in belangloser Social Media-Brühe den Irrtum als Möglichkeitsraum ausschließt und sich allzugerne in der Selbstherrlichkeit der eigenen Überzeugung suhlt, ist auf einem anderen Pfad unterwegs. Dort haben Ziele einen Absolutheitsanspruch. Jeder Irrtum wird ausgeschlossen. Kompromisse sind verpönt. Von etwas überzeugt sein brauche offenbar weder Hoffnung noch Scheitern oder Irrtum. Hinter der Fassade des glänzend Eindeutigen, der strahlenden Vermutung und der leuchtenden Halbwahrheiten ducken sich unterdessen der launige Zweifel, der schüchterne Irrtum und die blasse Vorläufigkeit weg. Die Hoffnung, den anderen zu verstehen, droht sogar zu verschwinden. Sartre ist längst verstummt. Die Begierde nach dem Irrtum als Prinzip Hoffnung hat sich aus den Diskursen zurückgezogen.
Für heute bleibt mir daher nur zu sagen: Ich verehre den Irrtum und pflege weiterhin die Mehrdeutigkeit. Es kann immer alles anders gemeint sein. Deshalb umarme ich jeden möglichen Irrtum so lange, bis er sein Staubkorn des Fortschritts freilässt. Dieses kleine Unikat trägt jeder von uns in sich. Ihm mutig entgegenzutreten und ihn gegebenenfalls auszulachen, nährt die Hoffnung, die Suppe, die uns der Fatalismus einbrocken will, auszulöffeln, ohne danach im Dünnpfiff des eigenen Lebens darben zu müssen.
P.S.: Chat GPT hat übrigens auf die Frage, wer diesen Montagsblock geschrieben haben könnte, geantwortet: „Keine eindeutig erkennbare Stilmarke eines bekannten Autors.“ So ist das eben, wenn man eindeutig sein muss.
Peter Felixberger, Montagsblock /383
13. Juli 2026