Neulich habe ich mal wieder Glück gehabt. Als Ende Juni ein Funkausfall des GSM-R-Netzes bundesweit die Bahn ausbremste, Tausende Menschen nachts stranden ließ, deutsche Logistikketten tagelang lahmlegte, da war ich gerade schon zuhause angekommen. Wäre ich zwei Stunden später gefahren, hätte es auch mich getroffen. Man ist ja mittlerweile an Verspätungen jeder Art und Dauer gewöhnt und weiß, dass der Vielfalt von Gründen dafür keine Grenzen gesetzt sind. Aber dieser Totalausfall war doch in besonderer Weise faszinierend wie verstörend. War es ein Cyberangriff gewesen? Sabotage? Schnödes menschliches Versagen?
Die Bahn lieferte schließlich die Antwort. Es war keine Fremdeinwirkung, keine feindliche Machenschaft gewesen. Stattdessen wurde die Auswechslung eines handfesten Bauteils genannt: Ein Core-Switch war es, eine Netzwerkverteilkomponente, deren planmäßiger Austausch am Anfang des „historisch einmaligen Fehlerbilds“ stand.
Na, Gott sei Dank. Dass wir über solch technische Antworten erstmal erleichtert sind, scheint in der Natur des Menschen zu liegen. Robert Musil hat so eine Reaktion in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ wunderbar beschrieben, als gleich zu Beginn ein Verkehrsunfall von einem Beobachter in Richtung seiner Begleiterin mit dem langen Bremsweg des Kraftfahrzeugs erklärt wird. „Die Dame fühlte sich dadurch erleichtert und dankte mit einem aufmerksamen Blick. Sie hatte dieses Wort wohl schon manchmal gehört, aber sie wusste nicht, was ein Bremsweg sei, und wollte es auch nicht wissen; es genügte ihr, dass damit dieser grässliche Vorfall in irgendeine Ordnung zu bringen war und zu einem technischen Problem wurde, das sie nicht mehr unmittelbar anging.“
Ein Core-Switch also.
Der Impuls liegt nahe, es dabei zu belassen. Und doch ist da die Neugier, wie es wohl aussieht, das Teil, das so mächtig ist, Züge in ganz Deutschland zum Stehen zu zwingen. Die gegoogelte Antwort ist ernüchternd: maximal unspektakulär – Elektronik halt, ohne jeden Anflug technischer Erhabenheit. Man ist fast sicher, dass man so ein Ding auch irgendwo im eigenen Haushalt finden würde. Was allerdings auch nicht weiter erstaunt. Denn so ein Switch ist nun wirklich gar nichts Außergewöhnliches. In jedem Datennetzwerk sind solche Bauteile dafür verantwortlich, Datenpakete hin und her zu lenken, auch wenn nicht jeder Switch das so verantwortungsvoll tut wie jener Core-Switch als Knotenpunkt des Bahnnetzwerks. Um was für einen Core-Switch es sich handelte, behielt die Bahn ohnehin für sich. Kritische Infrastruktur. Man darf da nicht zu viel ausplaudern. Außer der Tatsache – und das wiederum darf keinesfalls verschwiegen werden –, dass der alleinige Fokus auf den Switch ohnehin in die Irre führt. Man kann ihm tatsächlich wohl gar keinen wirklichen Vorwurf machen.
Denn sein Austausch war offenbar nur ein Teilaspekt in der Verkettung unglücklicher Umstände, die zu diesem Ausnahmeunfall führten. Auf den planmäßigen und vollständig allen Routinen und Notwendigkeiten entsprechenden Eingriff folgte ein „singulärer Softwarefehler“ sowie ein nicht aktiviertes redundantes Backup-System. Wie immer sind die Dinge komplizierter als man denkt.
Der amerikanische Soziologe Charles Perrow nannte Probleme dieser Art vor 40 Jahren „normale Katastrophen“: sehr komplexe Systeme mit untereinander gekoppelten Teilsystemen können schwer zu kontrollierende Ereignisketten hervorbringen. Verschiedenartige Fehler spielen dann so zusammen, dass ein Unfall passiert. So etwas ließe sich weder vorhersagen noch vermeiden. Kernkraftwerke, Chemiefabriken, Verkehrssysteme: ein Risiko bleibt immer. Was nach Perrow hilft, sind Redundanzen: Hilfssysteme, die einspringen, wenn das Hauptsystem versagt. Die Bahn hatte sich danach gerichtet. Und war trotzdem nicht gefeit gewesen. Das Backup-System hätte schließlich einwandfrei funktioniert, wäre es nur aktiviert worden.
Warum das nicht geschah, lässt sich zwar von außen nicht wirklich befriedigend verstehen. Interessant ist aber ein weiteres Detail der Bahn-Erklärung: zentral war offenbar, dass der nach dem Hardware-Austausch aufgetretene Software-Fehler nicht gemeldet wurde. Die Fehlermeldung war ausgeblieben und hatte verhindert, dass das System überhaupt feststellen konnte, dass es ein Problem hat.
Die Technikhistorikerin Martina Heßler hat in ihrem Buch „Sisyphos im Maschinenraum“ beschrieben, wie der Mensch, seitdem er sich das Leben durch Maschinen zu erleichtern versucht, fortwährend in die Rolle des Fehlerwarts geraten ist. Die ursprüngliche Erwartung, die Technisierung könne die menschliche Fehleranfälligkeit durch perfekt funktionierende Maschinen ausmerzen, hat sich als naiv erwiesen. Natürlich machen auch Maschinen Fehler. Der Mensch bleibt derjenige, der sich um die Folgen kümmern muss. Damit er das kann, müssen Fehler aber sichtbar sein. Das jüngste Bahnproblem wird aus dieser Perspektive wieder interessant. Mit Fehlern können wir umgehen. Die ausbleibende Fehlermeldung ist dagegen das technische Problem, das uns unmittelbar angeht (und das wir mit halluzinierender KI derzeit täglich erleben).
Sibylle Anderl, Montagsblock /382
06. Juli 2026