Montagsblock /365

„You want a healthier America? Watch ‚The Pitt.‘“ Diese beiden Sätze stammen von Frank Bruni, Professor für Journalistik an der Duke University in Durham, North Carolina, und langjähriger Kolumnist der New York Times. „The Pitt“ ist eine Serie, die bei HBO Max erschienen ist, die erste Staffel lief 2025, die zweite läuft gerade und ist etwa zur Hälfte ausgestrahlt. Ich schaue diese Serie gerade und bin begeistert.

Es handelt sich um eine Arztserie – den Plott kennt man auch aus anderen Arztserien. Es wird eine Notaufnahme in einem Krankenhaus in Pittsburgh, Pennsylvania, gezeigt, deshalb „The Pitt“. Die Besonderheit (aber keineswegs als Alleinstellungsmerkmal) besteht darin, dass die je etwa einstündigen Folgen das Geschehen in Echtzeit wiedergeben – eine Stunde filmische Erzählzeit entspricht einer Stunde erzählter Zeit. Jede der beiden Staffeln erzählt stundenweise einen ganzen Arbeitstag – und gemäß den Aufgaben einer Notaufnahme kommen keineswegs Längen vor, denn es geschieht permanent etwas. In der ersten Staffel kommt hinzu, dass nach einem Angriff auf ein Stadtfest die Zahl der eingelieferten Verletzten ansteigt, die zweite Staffel spielt am amerikanischen Nationalfeiertag, nämlich am 4. Juli.

Die Serie ist hochdekoriert. Der Hauptdarsteller Noah Wyle und die Serie haben 2025 und 2026 den Primetime Emmy Award und bei den Golden Globe Awards gewonnen. Die Rezensionen überschlagen sich vor Begeisterung – und die vielleicht interessanteste ist die schon erwähnte von Frank Bruni aus der New York Times. Gestoßen bin ich auf die Serie durch den Tipp eines befreundeten Mediziners, mit dem ich eng zusammenarbeite, der ebenso begeistert war und aus eigener früherer Erfahrung berichten konnte, wie realistisch die Arbeit auf der Notaufnahme hier dargestellt wird. Aber es ist mehr als der Realismus, der ihn und viele Beobachter begeistert hat.

Frank Bruni kommt am Ende seiner Besprechung zu dieser Einschätzung: „It’s the most patriotic show on television.“ Das ist eine bemerkenswerte Diagnose – einerseits weil in den USA gerade eine Schlacht darüber ausgetragen wird, was ein amerikanischer Patriotismus in Zeiten des Trumpschen „America First“ bedeuten kann – die patriotischen Gegenreden dazu werden derzeit insbesondere von Trumps erstem Vorgänger Barack Obama gehalten. Andererseits ist „The Pitt“ völlig unpolitisch – unpolitisch nicht in dem Sinne, dass nicht hochpolitische Themen vorkämen: Armut und Ungleichheit, mangelnde Krankenversicherung, Umgang mit dem Lebensende und der Organspende, Geschlechterverhältnisse und race, Kriminalität, Versorgungs- und Infrastrukturkrisen, Erfahrungen aus der Corona-Zeit u.v.m. Aber all das läuft gewissermaßen als der normale Wahnsinn auf solch einer Station mit. Und es steht auch nicht im Zentrum der Erzählstränge, sondern bildet ihr Material. Unpolitisch ist die Serie insofern, als all das nicht politisch andressiert wird, sondern im Medium dessen, was auf der Station in Echtzeit geschieht.

Patriotisch ist für Frank Bruni an der Serie eher, dass hier keine Heldenerzählung stattfindet. Er schreibt, insbesondere an die Adresse der Hauptfigur Dr. Michael „Robby“ Robinawitch, gespielt von Noah Wyle: „‚The Pitt‘ has no illusions about how defiant people can be. How self-destructive. How irrational. That’s also in our wiring, and “The Pitt” amounts to a plea that we humbly bear that in mind as we try — which we must — to put ourselves on a better track.“ Die Serie stellt geradezu übermenschliche Leistungen dar, spielt aber mit der Imperfektion aller Beteiligten, mit dem Unvermögen der Akteure und ihren Begrenzungen, mit der Unmöglichkeit, alles richtig zu machen – was dann doch immer wieder, im Erfolg und im Scheitern, dazu führt, dass die Dinge bewältigt werden. All das bricht sich an der Figur des Dr. Robby und seiner eigenen Vulnerabilität.

Der zentrale Satz von Brunis Text über die Serie ist vielleicht dieser: „When resources are finite, choices must be made. That’s not cruelty. That’s reality.“ Zu diesen Ressourcen gehört alles Mögliche, Geld und Sicherheit, Material und Zeit, Wissen und Kooperationsbereitschaft, Personal und Regenerationsquellen, Steuerungskapazitäten und Organisierbarkeit. Auch damit geht die Serie nicht vordergründig politisch um, sondern pragmatisch – im Wortsinne. Es müssen praktisch, in Echtzeit, vor Ort, mit den vorhandenen Ressourcen Entscheidungen getroffen werden, die zum Teil schmerzhaft und fast immer imperfekt sind. Die Notaufnahme ist Teil einer hocharbeitsteiligen und komplexen Organisation, in der die Vordringlichkeit des Aktuellen gar keine Möglichkeit lässt, als sich hier und jetzt darum zu kümmern, am Ende doch kooperativ, aber eben imperfekt.

Die Personen könnten auf dieser Station nicht unterschiedlicher dargestellt werden. Sie sind divers in einem speziellen Sinne. Noch einmal Bruni: „It makes an argument for diversity that’s smart and true, looking beyond the usual dividing lines — race, religion, gender — to less politically charged differences. A brand-new doctor who grew up on a farm in rural America draws on a sensibility that peers lack. A medical student suggests a way to lessen an uninsured patient’s financial distress that her co-workers didn’t think of. It occurred to her not because she’s Asian American but because she grew up in a family with limited means and daunting medical bills, so she was schooled in impediments and options.“

„The Pitt“ ist die „most patriotic show“, weil sie sich die Adresse für patriotische Zumutungen genauer ansieht: eine Alltagspraxis, die so chaotisch und unübersichtlich ist wie alles, was mit patriotischen politischen Einheitszumutungen gar nicht erst erreicht werden kann. Was auf der Station geleistet wird, ist eine Parabel darauf, wie weit die politisch wirksamen, die ideologischen, die moralischen und distinktionsheischenden patriotischen Zumutungen unserer Diskurse entfernt sind von jenen vor Ort, in der jeder mit seinen Ressourcen sich einen Reim auf das Mögliche machen muss und handelnd durch den Tag kommt. Dass „The Pitt“ all das nur indirekt, dafür aber um so intensiver thematisiert, ist die große Stärke dieser Serie.

Wenn es einen Ort für Versöhnung gibt, dann ein solcher, der sich den Zumutungen großer Gesten und großer Reden entzieht. „It’s an empathy exam. It‘s a civic lesson“, sagt Bruni. Diese Empathie-Prüfung und staatsbürgerliche Lektion ist die andere Seite einer „America First“-Formel, die nicht weiter weg sein könnte von dieser Alltagsbewältigung. Es ist eine Prüfung und Lektion, die auch uns gut tun würde. Schaut Euch diese Serie an. Sie kann auf HBO gestreamt werden.

Armin Nassehi, Montagsblock /365

  1. März 2026