Montagsblock /364

Das Kursbuch 225 mit dem Titel „Wir regeln das!“ ist gerade erschienen. In meiner LEGO-Buchkolumne beschäftige ich mich mit dem neuen Buch von Eva von Redecker: „Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus“, das ebenfalls dieser Tage erscheint. Lesen Sie hier vorab einen längeren Textausschnitt aus der Kolumne.

Frühjahr 2026: In sieben europäischen Ländern regieren rechte Parteien, in zwei weiteren stellen sie die stärkste Partei. Auch im Rest der Welt sind die Rechten auf dem Vormarsch. In Indien, Argentinien, El Salvador, Paraguay oder der Türkei, ganz zu schweigen von Trumps USA, wo der Rechtsruck eine Politik der harten Hand und rassistische Ausgrenzung zur Folge hat. Und in Deutschland zittert man gerade vor den nächsten Landtagswahlen in diesem Jahr. AfD ante portas?

Die Philosophin Eva von Redecker hat sich in ihrem neuen Buch zwei Fragen gestellt. Erstens, ob und wie sich der Faschismus über die Zeit hinweg er­halten konnte. Zweitens, ob wir überhaupt noch in der Lage sind, ihn zu erkennen. »Wir brauchen einen Begriff des Faschismus für die Gegenwart«, fordert sie. Menschen sind im neueren Faschismus keine individuelle Bezugs­größe mehr. »Stattdessen wird eine möglichst isolierbare, möglichst abstrakte Figur fingiert … und dieser Feind soll nicht geschlagen wer­den oder unterdrückt, sondern restlos vernichtet.« Migrant:innen etwa, die verdinglichend als Verschiebemasse rassifiziert werden.

Redecker nennt das eine »liquidierende Phantombesitzverteidi­gung … Der Faschismus hat ein Objekt – den Phantombesitz, der geschützt werden soll –, und ein Abjekt – das Phantasma, das ausge­löscht werden soll.« So werden echte Frauen als fügsam und fort­pflanzungswillig imaginiert. Frauen, die dagegen sind, sind keine Frauen mehr und müssen weg, »Emanzen, Kampflesben, Gender­-IdeologInnen«.

Semantisch ist es deshalb kein Wunder, dass sich der Faschismus permanent im Modus der Selbstverteidigung gegen seine Ausplün­derung wähnt. Angetrieben von einer »hypnotischen Sehnsucht« nach dem Tag X, an dem die alte, kranke Gesellschaft wie ein Kar­tenhaus zusammenfällt. Faschisten sind in der Selbstbeschreibung deshalb harte Frauen und Männer, die diese Besitzverteidigung gnadenlos durchziehen, »sei es als Hasskommentar oder Brandan­schlag«. Dabei wird mögliche Selbstjustiz als Notwehr umcodiert. Mit einer Souveränitätsüberdosis legitimiert man den Ausnahme­zustand als Akt der Selbstbehauptung. »In dieser Privatisierung der Souveränität besteht das fundamental Anti­-Demokratische rechter Mobilisierung.«

Demokratie ist hier ein abjektes Phantasma, das man mit härterer Gangart loswerden will. Dabei geht es um konkrete Dinge im Alltag. So ist beispielsweise der verbilligte Agrardiesel ein idea­ler Phantombesitz, den man als unverbrieften Anspruch wie eine Monstranz vor sich herträgt, hinter der sich das Bauernvolk als ge­einte Basis gegen die linken Entscheidungseliten in Stellung bringt. »Vollgas in Nebelschwaden. Alle Elemente, die von rechts poli­tisiert werden, stehen in der Gegenwart als gepanzerte Besitzan­sprüche still.«

Der Tag X ist der Tag des Sieges. Dafür wird schon mal trainiert. Straßenblockaden in Ostdeutschland mit Straßenkontrollen, Durch­fahrtscheine für Intensivkrankenschwestern und, wenn es sein muss, eine Blockade einer Schiffsfähre, in der der ehemalige Wirtschafts­minister Robert Habeck ferngehalten wird. Jeden Tag noch ein Stück härter, damit die Verblendeten es spüren. Grenzbefestigung, Remigration, Abschiebung statt Immigration, Integration und Men­schenrecht. Und wenn es dereinst sein muss, wird die Selbstvertei­digung der Nation in die eigene Hand genommen.

Übrig bleibt ein gepanzertes Vaterland, das nicht nur gegen seine Feinde, sondern auch vor dem Weltuntergang gefeit ist. Dahinter verberge sich, so Redecker, eine interessante paradoxe Analogie. Die mächtigsten Menschen der Welt bereiten sich auf das Ende der Welt vor, »das sie selbst frenetisch beschleunigen«. Im Endzeitfaschismus werden Ressourcen und Vorräte verteidigt. Hier wird der Ausnah­mezustand prognostiziert und im Überlebensbunker unter der Erde architektonisch formatiert. Ein Morgen wird es sowieso nicht geben. Und »während man andere als Plünderer wähnt, behandelt man selbst alles, was man zu fassen kriegen kann, als Beute«. Ange­führt von Neo-­Feudalen und ­Monarchen (CEOs im Silicon Valley), die als die Stärksten jegliche Romantik eines Gesellschaftsvertrages ablehnen.

»Naturzustand auf ewig.« Das Individuum als Egoist, der seinen Willen durchsetzt. Eigentum ist alles, was in meiner Gewalt ist, hatte der Anarchist Max Stirner im 19. Jahrhundert das Recht des Stär­keren zusammengefasst. Willkürliche Verfügung über alles, was einem gehört. »Absolute Sachherrschaft!« Auch Trumps Grönland­wahn findet hier seine ideologische Verankerung. Längst gehen die Eigentumsansprüche über unseren Planeten hinaus. »Es ist unüber­sehbar, dass die Techeliten und christlichen Nationalisten in der zweiten Amtszeit Trumps von der Bunkerzuflucht und Sezession … in ein neues Stadium der Souveränitätssuche übergegangen sind.« Elon Musk will beispielsweise den Mars vor einer möglichen Besie­delung mit zehntausenden Atomsprengköpfen beschießen, »weil es zu Erwärmung führen würde«. Zerstörungspotenz meets haltlosen Eigentumsanspruch! In dieser Vision ungehinderter Herrschaft wird das irdische Weltgemeinschaftsprojekt als unbrauchbar abgestreift.

Die Gegenwart wird von den Neurechten als Überlebenskampf interpretiert, in dem alle Mittel recht sind. »Als wäre alles ein Dschungel, aber eben nicht der reale Amazonas, sondern die Fieber­hölle des Fressens und Gefressen­-Werdens.« Hier fühlt man sich nur besser, wenn es anderen schlechter geht. Und bildet sich ein, »auf der Seite der Härte mit der Natur im Bunde zu sein«.

Redecker analysiert zu Recht, dass dem neuen Faschismus we­niger die Allerärmsten zulaufen, sondern diejenigen, »die sich aus etwas bequemeren Lagen heraus deklassiert und düpiert fühlen«. Und sie erkennt, wie Politik und Wirtschaft immer mehr auseinan­derdriften. Einerseits wird die Gesellschaft immer stärker ökonomi­siert, andererseits versucht die Politik das Soziale zu schützen. Sozialismus oder Barbarei, wir kennen diese Debatte, seit der Wirt­schaftshistoriker Karl Polanyi den kapitalistischen Geschichtsgang auf diese Alternative kondensiert hat. Im entfesselten Kapitalismus steht alles auf dem Spiel, weswegen alles erlaubt ist. Der Homo oeco­nomicus wird zum »Trader, der auf den Weltuntergang spekuliert und jedes Opfer in Kauf nimmt«. Javier Milei in Argentinien befreit sinnbildlich mit seiner Kettensäge den Markt von äußeren, poli­tischen Einflüssen. Neoliberale Politik, so Redecker, ziele darauf ab, »soziale Schutzmechanismen präventiv einzuebnen«.

Im Faschismus wird der einzelne Mensch auf einen Ding­-Status und Ja/Nein-­Modus reduziert. Wer negativ erfasst wird, gehört nicht mehr dazu. Entweder-oder. »Diese da sollen still sein. Gehorchen, mir zur Verfügung stehen, das ist mein gutes Recht, das steht mir zu, alles andere ist Chaos.« Reflexion als Fähigkeit zur Selbstkorrektur und Weltwahrnehmung ist nicht gefragt. An ihre Stelle, so Redecker, trete die »höhnische Mimesis«. Das Verächtlich­machen des anderen. »Den autoritären Charakter erkennt man von außen an seinen Feindbildern, an Hohn und Projektion.« Und die dazugehörige Liste der Beispiele wird immer länger: Gender­-Wahn, Trans­Lobby, Gayropa, Antifeminismus, Abtreibungsverbot oder die Sakralisierung des fossilen Energieverbrauchs. Genauso wie die Hass­objekte: Windräder, Wärmepumpen, Sozialschmarotzer, Linksgrün­-Versiffte und so weiter. »Alle zu hassen ist offenbar sehr viel leichter, als allem in seiner Besonderheit gerecht zu werden.«

Die Folge: Menschen werden als mögliche Kooperationspartner aus dem Spiel genommen. Anstelle einer pluralen Menschheit, die sich arbeitend und kommunizierend aufeinander beziehen könne, entstehe das Bild homogener Blöcke, des eigenen und des feindli­chen. »Und in voller faschistischer Aufladung kann diese Grenzzie­hung in den Ausnahmezustand übergehen, in dem es heißt, dass die anderen dienen oder sterben müssen, damit wir leben können.« Deshalb werden Vorurteile so ausgiebig gepflegt, sie sind Teil der faschistischen Architektur von Abwehrmechanismen.

Darin suhlen sich Hysteriker, Narzissten und obsessive Typen, die jeweils ihre Kampfzone ausweiten, stabilisieren und erzwingen. Als Antisemi­ten und Anti­Schwarz-­Rassisten pflegen sie eine höhnische Mime­sis. Das Schwache, Weiche und Unscharfe soll ausgemerzt wer­den. Kein Wunder, dass Carl Schmitt und alle, die diese Stärke und Härte verherrlichen, im Ausnahmezustand die entscheidende He­rausforderung für den Souverän sehen. »Da zeigt sich, wer wirklich herrscht.«

Peter Felixberger, Montagsblock /364

01. März 2026

Eva von Redecker: Dieser Drang nach Härte. Über den neuen Faschismus. 268 Seiten. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2026.

 Kursbuch 225: Wir regeln das. 144 Seiten. Kursbuch Kulturstiftung, Hamburg 2026.