Montagsblock /361

… oder warum 85 die Antwort auf alles ist …

Der Mensch kennt im Prinzip vier Bewältigungsstrategien, wenn es um seine Sterblichkeit geht. Sagt der Philosoph Stephen Cave von der University of Cambridge. Plan A besteht darin, so lange wie möglich zu leben. Wenn das nicht klappt, wird Plan B herangezogen, die körperliche Wiedergeburt nach dem Tod. Bei Plan C zerfällt der Körper, aber unser Wesen bleibt als unsterbliche Seele erhalten. Plan D schließlich bedeutet, dass wir in unserem Erbe weiterleben, etwa in unseren biologischen Nachkommen. Man könnte sich jetzt demütig dieser übersichtlichen Logik fügen und den Tod getrost als das abhaken, was einem blühen wird.

Ja, wenn da nicht diese große Sehnsucht nach Unsterblichkeit wäre? Nach der Seele jetzt der Körper? Longevity meint, nicht nur so lange wie möglich zu leben, sondern noch viel länger. Bis zu 200 Jahre, Plan E. Im Minutentakt werden Zahlen, Daten und Fakten eingeschleust, damit die Hypnose des halbewigen Lebens kommerziell anschlussfähig wird. Da wird auf 120-jährige Französinnen verwiesen, die noch munter bis kurz vor ihrem Tod geraucht haben. Die Jungen heben Smoothies-Sucht und Zero Nutrition auf den Sockel. Und einige Mittvierziger erleben jeden Tag frohlockend ohne Kohlehydrate, aber dafür mit überbordendem Fleischkonsum. Und ein Gläschen Wein hat letztlich auch noch nie geschadet.

Allein in den letzten Jahren sind mehr als 300 000 Fachaufsätze über die Alterung erschienen. Mehr als 700 Start-up-Unternehmen haben Milliarden Dollar investiert, um die Alterung zu erforschen – die etablierten Pharmakonzerne mit eigenen Forschungsprojekten noch nicht mitgezählt. Wissenschaftler analysieren die Genome von Hundertjährigen und schneiden Leichen auf, um irgendwas Lebensverlängerndes zu finden. Wer aber einen Strich unter die seriöse Anti-Aging-Forschung zieht, stellt im Ergebnis fest: 85 Jahre im Schnitt, mehr ist Glück, weniger halt nicht. Die drei Leuchttürme der Lebensverlängerung sind eh abgebrannt: Weder kann man alte Zellen verjüngen, auch wenn man ihnen jüngere Zellen zu Seite stellt. Noch kann man das Enzym Telomerase von außen so hinzufügen, um der Abnahme der Zellteilung ein Schnippchen zu schlagen. Und die Transfusion von Blutzellen der eigenen Kinder bewirkt so gut wie gar nichts. Fazit: Anti-Aging funktioniert wenig bis gar nicht. Auch wenn die amerikanischen Tech-Eliten Milliarden in den Plan A zu stecken.

Als Normalsterblicher hält man sich eher an Venki Ramakrishnan, Chemie-Nobelpreisträger und Ribosomenforscher, der seine globale Besuchstour zu allen wichtigen Wissenschaftlern nach dem ewigen Leben, mit den Worten bilanziert: „Die Unsterblichkeitsverkäufer von heute – Forschende, die vorhaben, das Leben unendlich zu verlängern, und die Milliardäre, von denen sie finanziert werden – sind eigentlich die Propheten alter Zeiten in neuem Gewand: Sie versprechen ein langes Leben, das im Wesentlichen frei von der Angst vor schleichender Alterung und Tod ist.“

Wir, die noch etwas Jüngeren, suchen das ewige Leben hingegen eher im digitalen Raum. Dort wartet eine Existenzform, die uns womöglich unsterblich macht oder zumindest uns davon träumen lässt. Deshalb schalten wir kurz ins Jahr 2041. Die erste große KI-Welle geht gerade zu Ende. Digitale Abziehbilder kursieren im Netz. Jeder und jede sind als digitale Kopie unterwegs. Avatare quasseln rund um die Uhr. Über elektronische Patientenakten werden Kranke im Geiste gesucht. Demenzkranken spielt man frühere Erlebnisse vor. Klone und Trolle betrügen Kunden und Käufer auf Plattformen. Täuschung frisst Wahrheit. Fake News lächeln uns aus den Bildschirmen an. Moderatoren wiederholen, was ihnen der Prompter anbietet.

Der Innovationsforscher Nils von den Beinen hat den Bestseller der Stunde im Gepäck: Digitale Biografien. Die KI ermöglicht es, dass Menschen in einer digitalen Kopie als Bild- und Textarchiv gespeichert bleiben. Nichts wird vergessen. Diese Lebensspeicher erzeugen neue Friedhöfe im Netz. Der letzte Schritt zur digitalen Unsterblichkeit. Jeder ist ein virtueller Raum. So die These des Innovationsexperten Nils auf den Beinen. Hey Luther. Der Berliner Podcast der evangelischen Kirche, schreibt in einer Rezension. „Damit nichts von einem wertvollen Leben verlorengeht, kann es fortlaufend gespeichert und gesichert werden. Als Sicherheitskopie. Das ist konsequent und radikal. Jeder Mensch wird in einem universellen Wissensspeicher auffindbar. Gibt es doch ein Leben nach dem Tod?Der Run auf digitale Lebenskopien ist ungebrochen. Plattformökonomisch kooperieren Verlage bereits mit innovativen Bestattungsunternehmen genauso wie mit BioMedia-Unternehmen, die zu Lebzeiten Daten und Informationen zur Person recherchieren.

Schnell zurück in die Gegenwart. Es hilft nichts, heute, an diesem Montagmorgen, sind wir schon wieder einen Tag älter als gestern. Dabei ahnen wir bereits: 85 ist das neue 42! Grüsse an Douglas Adams. Say it loud. Eighty-five ist der zeitgemäße Rap auf die endgültige Frage nach dem Leben, Universum und dem ganzen Überhaupt.

Peter Felixberger, Montagsblock /361

09. Februar 2026