MONTAGSBLOCK /1

In wenigen Tagen erscheint das Kursbuch 185 „Fremd sein!“. Es inspiziert eine vertraute Kategorie, nämlich die vertraute Rede darüber, was uns fremd ist und was die Fremden ausmacht. In dieser Rede sind wir spätestens seit der Ethnisierung von Konflikten im 18./19. Jahrhundert sehr geübt, ihr Gegenstand ist eine Kategorie, die zu unserer Weltordnung gehört. Mein Editorial beginnt mit einem Zitat von Georg Simmel: Die Bewohner des Sirius seien uns nicht eigentlich fremd, weil wir zu ihnen keine soziale Beziehung haben können, während die Fremden zu uns gehören. Sie können nur fremd sein, weil sie da sind. Sie sind also stets vertraute Fremde, und wenn das Vertraute nur darin besteht, die Fremden irgendwie fremd zu finden.

Völlig durcheinander gerät diese vertraute Kategorie dann, wenn die Dinge wirklich fremd werden. Wirklich fremd sind wohl diejenigen, die mit dem Ruf „Wir sind das Volk!“, dem Markenzeichen der Proteste gegen den SED-Staat vor 25 Jahren, einen Bus mit Asylbewerbern angreifen – so geschehen vor einigen Tagen im sächsischen Clausnitz. Wer Videobilder dieser grölenden Menschen sieht, wer diesen Hass in den Gesichtern sieht, wer die zustimmenden Umstehenden sieht, wer eine falsche Polizeistrategie sieht, die sich damit zu Komplizen des Mobs macht, hat wirkliche Fremdheitserfahrungen. Das vertraute Fremde ist deshalb so vertraut, weil es in Kategorien passt – und es ist auch deshalb bisweilen so untauglich. Weil man mehr Kategorien als Tatsächlichkeiten zu sehen bekommt. Man weiß dann immer schon, wie die Fremden sind – im Guten wie im Schlechten. Diese Fremden aber, der pöbelnde Mob, die geradezu ekelhafte Form des wechselseitigen Aufpuschens, die widerliche Attitüde einer Stärke, die von der Schwäche der Anderen lebt – all das passt in keine Fremdheitskategorie. Wenn wir ein Problem mit Fremdem und mit Fremden haben, dann damit – mit einem Verhalten, das wirklich unbegreiflich ist, auch in Kategorien von Fremdheit.

Diese Widerlichkeiten, nicht nur ostdeutsch, aber dort stark konzentriert, sind fremd, dass sie in keine Fremdheitskategorien passen. Das Kursbuch 187 wird sich mit dem rechten Radikalismus beschäftigen. Das braune Deutschland ist eine allzu vertraute Kategorie für etwas, das wohl nicht so fremd ist, wie wir es gerne hätten.

Und übrigens: Ab jetzt melden wir uns zweiwöchentlich mit einem Montagsblock mit Eindrücken und Berichten aus der Kursbuch-Werkstatt. Es schreiben die beiden Herausgeber des Kursbuchs im Wechsel.

Armin Nassehi
MONTAGSBLOCK /1, 29. Februar 2016

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