In ihrem Buch Entrapment in Escalating Conflicts aus dem Jahre 1985* haben die Sozialpsychologen Joel Brockner und Jeffrey Z. Rubin gezeigt, warum Menschen und Organisationen trotz steigender Kosten und trotz schlechter Prognosen daran festhalten, ihre offenkundig insuffizienten Strategien weiterzuverfolgen, auch entgegen besseren Wissens und obwohl die Kosten bei Weiterführung der Konfliktlogik enorm sind. Letztlich staunen die Autoren darüber, dass es offensichtlich schwer fällt, sich aus eigenen Pfadabhängigkeiten zu befreien und die Bedingungen für einen Konflikt zu beenden. Dass sie von Entrapment sprechen, also von einer „Verstrickung“ weist auf etwas fast Schicksalhaftes hin, zumindest wird es wohl so erlebt, wenn man trotz negativer Prognose gar nicht anders kann, als so weiterzumachen, auch weil jeder Tag, an dem man an der alten Strategie festhält, die Kosten für den Ausstieg erhöht.
Niklas Luhmann hat diesen Gedanken in seiner Konflikttheorie auf eine interessante Weise zugespitzt.** Konflikte sind für ihn nicht einfach Situationen, in denen unterschiedliche Interessen aufeinandertreffen. Sie können eine eigene soziale Ordnung ausbilden, die sich durch Widerspruch reproduziert. Ein Nein erzeugt das nächste Nein. Die Beteiligten gewinnen ihre Orientierung zunehmend daraus, dass sie wissen, wogegen sie sind. Luhmann spricht deshalb von Konflikten als parasitären sozialen Systemen: Sie entstehen innerhalb bestehender Beziehungen und können schließlich deren Aufmerksamkeit und Ressourcen absorbieren.
Das Bemerkenswerte daran ist, dass solche Konflikte außerordentlich stabile Verhältnisse hervorbringen können. Die Beteiligten sind sich zwar in fast allem uneinig, aber in ihrer Gegnerschaft sind sie zuverlässig aufeinander eingestellt. Sie brauchen einander, um ihre jeweilige Position zu bestätigen. Der Konflikt trennt die Gegner und bindet sie zugleich aneinander. Und noch mehr bindet er die eigenen Motive an die Konfliktgeschichte und macht blind für das, was jenseits dieser Logik geschieht.
Wie komme ich wohl auf diese eher abstrakten Dinge für einen Montagsblock. Nun, man bekommt derzeit nicht aus dem Kopf, nach welch deutlichem Skript die Erfolgsgeschichte der AfD weitergeht. Die AfD hat das klug eingefädelt – auch weil sie genauer als andere weiß, dass sich kaum jemand für Inhalte interessiert, aber um so mehr für die eigenen Verstrickungen in Konflikten. Beatrix von Storch hat es im Juli 2025 für eine Fraktionsklausur perfekt formuliert: Man muss das Mitte-Rechts-Lager so sehr gegen die „Linken“ aufstacheln, dass diese Differenz zur entscheidenden Differenz wird. Die Brandmauer sollte verbürgen, dass die Leitdifferenz stabil bleibt: hier das demokratische Lager in all seiner internen Differenziertheit, dort die AfD als Bruch mit den meisten comments der bundesrepublikanischen Demokratie (schon die erste Amtshandlung des AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt zeigt das vor).
Diese Konstellation ist vorbei. Die AfD bekämpft die Brandmauer nicht damit, sich irgendwelche roten Linien oktroyieren zu lassen (davon spricht stets der Mainzer Historiker Andreas Rödder). Sie zielt eher auf die Konfliktlogik, die sie ändern bzw. ausnutzen möchte. Sie adressiert direkt die Verstrickungen der Akteure.
In dem AfD-Papier heißt es:
„Den Druck auf die CDU/CSU erhöhen: Die AfD wird Anträge und Initiativen starten, die auf eine hohe Zustimmung innerhalb der Unionswählerschaft stoßen, insbesondere auf die Wähler, die die CDU/CSU für die Migrations- und Wirtschaftswende gewählt haben, jetzt aber von Schwarz-Rot enttäuscht werden. Neben der Migrationswende nimmt die AfD die Wirtschaftswende als zentrales Themenfeld in den Blick, um den Druck auf die Union zu erhöhen und neue Kompetenzen und Wähler für die AfD zu erschließen.“
Die AfD drängt sich selbst in den Grundkonflikt des mittigen Lagers und eskaliert damit dessen eher zivilisierte Form eines Mitte-Rechts/Mitte-Links-Antagonismus, mit dem Bundesrepublik lange gut gefahren ist. Die AfD gibt die neue Konfliktlogik vor, weil sie sich selbst parasitär in diese Logik hineinbegibt und der Stresslevel der Akteure mit jeder schlechten Umfrage oder Wahl das auch erlaubt. Das Spiel geht perfekt auf – und es wird vor allem die Union zerstören.
Wie ein Gottesgeschenk kommt hinzu, dass die Linkspartei in Berlin die Wahl gewonnen hat. Linke Ideen haben stets eine Art normativen Vorschuss, weil sie nur mit positiv besetzten Begriffen arbeiten: Gerechtigkeit, Gleichheit, Elitenkritik, Emanzipation usw. Dieser strategische Vorteil verdeckt, genauer hinzusehen, mit wem man da eine Koalition anstrebt. Wenn man nicht über Inhalte reden will und nicht über ein von der politischen Mitte ebenso weit entferntes Vorfeld wie auf der anderen Seite des Spektrums (sonst hätte man dieses peinliche Papier vor den Sondierungen nicht gebraucht), kann man wenigstens darüber reden, dass die Linke ebenfalls auf eine Destabilisierung jener demokratischen Mitte zielt, deren politische Performance tatsächlich derzeit katastrophal ist. Man kann es sogar der AfD zurechnen, dass es der amtierende Kanzler ist, der mit seiner Bundestagsabstimmung gemeinsam mit der AfD im Januar 2025 die Resurrektion der Linkspartei und das schlechte eigene Ergebnis erst möglich gemacht hat – Wahlforschung jedenfalls legt das nahe.
Dass derzeit eine allzu sichtbare mediale Dämonisierung der ohnehin zweifelhaften Linkspartei zu beobachten ist, sei konzediert, ist aber in der AfD-Strategie eingepreist. Viele, die diese Dämonisierung derzeit auf die Spitze treiben, sind tatsächlich nützliche Idioten der AfD-Strategie, denn mit jeder weiteren Eskalationsstufe wird die AfD für die „Mitte“ schon aus konfliktlogischen Gründen attraktiver.
Dass zwei Mitte-Links-Parteien in Berlin eine Koalition mit der Linken einer anders möglichen Koalition vorziehen, obwohl die Bedenken aus guten Gründen groß sind (und das Vorfeld der Linken ja längst angekündigt hat, das Kompromisspapier zum Antisemitismus niemals mitzutragen), darf man durchaus so werten, dass es der AfD gelungen ist, die Konfliktverstrickung noch einmal zu verstärken. Und weder SPD noch Grüne scheinen zu sehen, was sie damit anrichten – und ich rede hier weniger über Inhalte als über strategisch-politische Fragen.
Man muss also tatsächlich neidlos anerkennen, dass die einzigen, die derzeit die Logik der Konflikte verstehen und am Ende rationale Machtpolitik betreiben, die AfD-Leute sind. Man will sie stets durch Widerlegung ihres Programms bekämpfen oder durch Skandalisierung ihrer Sätze. Aber das spielt am Ende für die Leute überhaupt keine Rolle, denn es gehört zum Wesen jener Verstrickungs- und Konfliktlogiken, dass sie sich von Inhalten geradezu emanzipieren können. Der Konflikt emanzipiert vom Nachdenken. Nachdenken ist voraussetzungsreich, sich aber in eskalierenden Konflikten einzurichten, das kann jeder Depp.
Also stellt sich die Frage, die Brockner und Rubin stellen: Wer ist wann in der Lage, aus dieser Logik auszubrechen und das Spiel neu zu definieren? Wer geht das Risiko ein, trotz kostenintensivem Einsatz für die jetzige Konstellation das allzu Erwartbare hinter sich zu lassen? Genau genommen müsste doch der Zenit der Eskalationslogik überschritten sein, weil man ohnehin gerade nichts mehr gewinnen kann. Aber schon diese Einschätzung kränkelt daran, dass sie auf eine Einsicht hofft. Man muss es leider sagen: Die einzigen, die derzeit einen Plan haben, ist die AfD. Das ist die schlimmste aller Nachrichten.
Armin Nassehi, Montagsblock /396
12. Oktober 2026
* Joel Brockner und Jeffrey Z. Rubin: Entrapment in Escalating Conflicts, New York 1985.
** Niklas Luhmann: Soziale Systeme. Grundriß einer allgemeinen Theorie, Frankfurt/M. 1984, S. 488ff.