Montagsblock /386

Der erste Montag im August. Es ist Sommer. Hitze. Urlaub. Die schönste Zeit des Jahres. Umrahmt von weiter einstürzender Altarchitektur, die sich ineinander verkeilt: Putins perverses Kriegsgeschäft. Trumps aufgeblasene Idiotie. Rechte Zündler europaweit. Gefrässige Waldbrände. Massenentlassungen bei den Automobilbauern. Es graut so grau, wenn …

Halt! Nicht weiter. Helles Licht.

Es ist Sommer. Zeit zum Träumen. Am Strand liegen. Nickerchen machen, aufwachen, leicht verwirrt Haltepunkt suchen. Nicht nur unterm Kieselstein wartet das Groteske. Wir lassen die Schlagzeilen links liegen, kneifen die Augen zusammen. Drehen uns in Richtung Horizont. Jetzt in dieser Stunde unserer bizarren Gegenwart: Sommermärchen erlaubt. Grotesk dünne Wolkenbilder nahe an der untergehenden Gegenwartssonne. Irrlichter flackern im Halbdunkel. Da, plötzlich, der US-Präsident.

Grenzwall an der kanadischen Grenze. Während der 51. Zollverkündigung klettert der US-Präsident auf einer Leiter hoch, stellt sich breitbeinig hin, breitet die Arme in Richtung Kanada aus und spricht aus, was kein Frontlappen je preisgeben würde: „Ihr seid Kanadier, wir nicht.“ Ein Weißkopfadler, der gerade des Weges fliegt, will sich das Bleichgesicht mit orangem Haar näher anschauen. Trump sieht eine Drohne im Sturzflug auf sich zuschießen und möchte instinktiv den roten Knopf drücken. Leider aber liegt sein vom CIA präparierter Spielekoffer im Kofferraum des Lincoln. Nochmal gutgegangen.

Eine leichte Brise zieht vorbei. Coco Bello, ruft der Eisverkäufer. Sonnenschutz, hilf! Plötzlich Schatten. Der Kanzler versperrt die Sonne. Aus der Bahn, Zitronenmann!

Open Beach-Pressekonferenz: Merz teilt mit, dass er jetzt durch Mauern gehen kann. Zum Beweis hält er an einer Felswand inne und verschwindet mitten hindurch in einen Aufzugschacht. Endlich unbeobachtet, denkt er. Er setzt sich in eine Ecke, packt Capri-Sonne und Wurstbrot aus, drückt die Starttaste seines von der Mama vererbten Kassettenrekorders und summt die Melodie des uralten Cindy&Bert-Schlagers „Immer wieder sonntags kommt die Erinnerung. Dubdidubdidubdub dub“ mit. Tränen kullern auf die Salami. Nasenrotz klebt am Strohhalm. Zeit und Raum verschwinden. Erst Wochen später fällt der Öffentlichkeit auf, dass ihr entgangen war, dass der Kanzler verschwunden ist. Sofort kommt es zu einer groß angelegten Suchaktion. In einem Waldstück in der Nähe seiner Geburtsstadt Brilon wird er schließlich in einer kleinen Höhle entdeckt. Er habe die ganze Zeit an einem globalen Gesetzesentwurf gearbeitet, der die weltweite Sonntagsarbeit für Bäckereifachverkäufer*innen abschaffen solle. Im Hintergrund läuft Monica Morells: „Ich fange nie mehr was an einem Sonntag an, weil ein Sonntag mir meinen Glauben nahm. Liegt ein Sinn darin, ich werd es nie versteh’n, denn das Leben wird immer weitergeh’n.“

Unterdessen wird es frisch am Strand der Träume. Böse Buben singen schmutzige Lieder.

René Bratwurst, eine bekannte Führungsfigur im AfD-Ganzrechts, deklamiert seine egogikale Besinnungslyrik. Beliebt sind seine Hitzewellengedichte wie: „Ich bin der Fürst von Poren, zum Schwitzen auserkoren. Ihr alle seid erschienen, mich fürstlich zu bedienen.“ In einem Interview mit der untergründlichen Völkischen Schwitzhütte erläutert Bratwurst den Sinn des Gedichts. „Was ich sagen will? Welch Schweiß aus Poren fließt, dessen Lied ich singe. Der deutsche Schweiß? Diese einzigartige Mischung aus Buttersäurewölkchen, Drei-Tage-Brennnesselsaft und -Stahlhelmduft. Mit brennenden Poren deutscht es mir, über welches Land ich singen will.“ Unterdessen verbreitet sich die schockierende Nachricht, Bratwurst sei verschwunden. Er sei einem Wegweiser mit der Aufschrift „Panama“ gefolgt. An einem Kirchentor in Wittenberg angepinnt findet man sein letztes Gedicht: „Pausbäckige Bäuerinnen balzen im Heidewind. Windige Balzbacken verbäuern die Heide mit großem Paus. Bratwurst geht. Poren zu. Schweiß vertrocknet.“

Aufgewacht. Der Strand leert sich. Die letzten Goldkettchen ziehen den Bauch ein und lassen Zähne funkeln. Sonnenschirme legen sich flach. Die letzten Ansbeinpinkler trollen sich. Ach, wie schön, dass niemand weiß …

Jetzt schnell noch eine letzte Zeile ins Personal Intelligence Book eintragen: „§ 1: Bestaune die Lächerlichkeit des Lebens. § 2: Feiere den Dreiklang neuen Wohllebens. Absatz 1: Nimm entlegene Lügengeschichten ernst. Absatz 2: Flechte hochwachsend Bizarres zusammen und Absatz 3: Bestäube den aufdringlichen Sinn des Lebens.“ Nie war er so wertvoll, dieser Sommer. Kein Gespenst geht um. Wir drücken auf die Selbstbewusstseinshupe, umarmen Hintergründiges so lange, bis es nach Luft japst. Jede Mutlosigkeit wird ins Kissen gedrückt. Nasse Strandtücher bleiben flauschig.

Ach, wie herrlich ist dieser Sommer. Jetzt und in Ewigkeit. Amen. Alles wieder auf 0. Die Aufräumarbeiten können später beginnen.

Peter Felixberger, Montagsblock /386

03. August 2026