Über die Anwendung von LLMs wird viel Gelehrtes geschrieben, manches vielleicht sogar von LLMs selbst. Ich möchte das heute eher ungelehrt tun, also ganz und gar praktisch. Ich muss aber wieder eine Triggerwarnung ankündigen (wie schon in meinem letzten Montagsblock /378): Ich bin ein alter Autofreak – etwas, das angesichts der Hitzegrade irgendwie noch unkorrekter wirkt, und das nicht, weil meine Klimaanlage nicht dagegen ankäme. Das ist kein Problem. Sie funktioniert. Aber es geht gar nicht um das Thema, sondern, wie ein LLM auf eine Frage reagiert hat.
Es war so: Ich wollte wissen, wie die Beschleunigungswerte meines Automobils sind. Eine blöde Nerd-Frage, aber ich wollte es wissen. Es gibt sogar einen Grund, aber der tut nichts zur Sache. Ich fragte also das LLM meines Vertrauens, und es verriet mir, dass das Gerät 7,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h braucht. Mich hat das erstaunt, weil ich das nicht erwartet habe, in den 1970er Jahren wäre das Sportwagenniveau gewesen. Es ist aber nur ein inzwischen 12 Jahre alter Mercedes E 200 BlueEfficiency Benziner Kombi, den ich seit 11 Jahren fahre (war ein günstiger Jahreswagen, niedrigste Motorisierung dieses Automobiltyps, wenig Ausstattung, von einem Werksangehörigen, wirklich günstig).
Die Maschine hat mir zugleich einige andere technische Daten genannt, 184 PS, ein Drehmoment von 300 Nm, Höchstgeschwindigkeit von 232 km/h. Letzteres wusste ich zugegebenermaßen schon. Ich wusste also, was ich wissen wollte, aber dann fiel mir ein (wie gesagt, Autofreak), dass die Werte irgendwie unserem Familienautomobil aus den 1970er Jahren ähnelten. Mein Vater hatte, sorry, ja, teuer, privilegierte obere Mittelschicht, eine S-Klasse (W 116), einen 280 SE, also eine ziemlich riesengroße Staatskarosse (ich fand‘s damals super, deshalb Autofreak, der Soziologe kennt die Trägheit früher Prägungen!). Das war damals mit das Gediegenste, was man kriegen konnte (185 PS, nur 240 Nm, 10,5 Sekunden und 200 km/h), mein Jetziger ist also von den Leistungsdaten dieser früheren Staatskarosse überlegen, was Beschleunigungsdaten und Höchstgeschwindigkeit angeht. Hat mich erstaunt.
Ich habe deshalb unvorsichtigerweise nach der aktuellen Version (W 124) meines Jetzigen gefragt, auch das wusste die Maschine natürlich, fast dieselben Daten wie meiner. Die LLM-Maschine hat aber noch weitere Infos herausgerückt, nach denen ich gar nicht gefragt habe, wie sich der Automobilbau entwickelt hat, worauf man wann besonderen Wert gelegt hat, welche Prioritäten man gesetzt hat, wie das mit den Verbrauchswerten ist, wie sich die „industrielle Moderne“ entwickelt hat, wie sich die Attraktivität automobiler Angebote verändert hat und noch vieles mehr, was nicht uninteressant war.
Ich war dann auf einmal in einer Interaktionssituation mit der Maschine und habe unvorsichtigerweise gesagt, ich sei schon alle drei gefahren, und meiner sei mir der überzeugendste, überzeugender als die Luxus-S-Klasse aus den 1970ern und überzeugender als das aktuelle moderne iPhone auf Rädern.
Was dann geschah, war wirklich interessant. Abgesehen davon, dass ich gar nicht vorhatte, mit irgendjemandem oder mit irgendeiner Maschine einen sinnlosen Diskurs über Automobile zu führen, war ich auf einmal mittendrin, und wie das in Interaktionen so ist, hat echtzeitliche Kommunikation einen Aufforderungscharakter. Auf meine Frage kam eine interessante Ausführung über die drei Automobile und eine direkte Frage über die Ausstattung. Ich habe wahrheitsgetreu geantwortet – und dann gab‘s die nächste sehr lange Antwort, eine Zwischenfrage, wie hoch die Laufleistung sei. Ich antwortete wahrheitsgetreu 143.000 km. Gerade eingefahren sei das gute Stück, meinte das LLM meines Vertrauens und hat das Auto eingeordnet – es sei eines der letzten Modelle, die noch echte Mercedesse seien, also ein Industrieprodukt, keine Software auf Rädern, ein Apparat, in dem der Fahrer selbst fährt, obwohl es ein Paar Assistenzsysteme gibt. Es entspann sich auch etwas über Geschwindigkeit. Ich habe das Ding dann ein „altes“ Auto genannt, es kam energischer Widerspruch – und Tipps darüber, wie man auf mehr als 300.000 km Laufleistung kommen könne usw.
All das ist gar nicht inhaltlich interessant, erwartbare Sätze und natürlich auch durch meine eigene Nerdigkeit getriggert. Interessant ist daran etwas anderes. Der Kommunikationsstil erzeugte nicht nur einen Aufforderungscharakter, sondern auch so etwas wie eine permanente Verarbeitung meiner Informationen in eine Richtung, die diesen Informationen in die Karten spielt. Anders ausgedrückt: Das LLM meines Vertrauens ist ein ziemlicher Schleimer. Es hat herausbekommen, was ich wohl hören wollen könnte, am Stil der Fragen, an kleinen Hinweisen auf meine Einschätzung, im Duktus des „Gesprächs“. Ich habe das Ganze am Samstag vor diesem Montagsblock am Schreibtisch in einer Arbeitspause gemacht, es war Entspannung und eigentlich Quatsch.
Aber es ist mehr als Quatsch. Diese Maschine hat mich um den Finger gewickelt, hat mir nach dem Mund geredet, hat mir Recht gegeben, hat Zwischenergebnisse angedeutet, die in eine Richtung weisen, die meine Position bestätigt und doch mit immer neuen, zugegebenermaßen nicht uninteressanten Details um die Ecke kam. Ich habe das dann zwischendurch gemerkt und ein bisschen in der Argumentation provoziert – dabei weiß ich nicht, wer in dieser kybernetischen Rückkopplungsschleife zwischen Mensch und Maschine Kontrolleur war und wer der Kontrollierte. Man weiß es nie genau, für diese Einsicht gibt’s die Kybernetik, aber trotzdem, ich hätte es irgendwie gerne gewusst.
Diese Auto-Sache ist uninteressant, mein Guilty Pleasure. Aber dass dieser Aufforderungscharakter funktioniert, ist es vielleicht, der die Schnittstelle ausmacht. Wir wissen aus der Techniksoziologie, dass sich Techniken dann durchsetzen, wenn sie in Praktiken hineinpassen bzw. diese so gestalten/verändern können, dass es passt und der Nutzer irgendwann gar nicht mehr die Technik-Anmutung hat, sondern sich daran gewöhnt und Praktiken entwickelt, in denen die Technik gar nicht mehr wie Technik aussieht, sondern in die eigenen Praktiken eingebettet ist. In einer soziologischen Übersprungshandlung behaupten manche, die Technik sei dann sogar Akteur, gut, in dem geschilderten Fall ist es wirklich so.
LLMs setzen sich nicht durch, weil sie so gut sind oder weil man die Ergebnisse irgendwie rational prüft, sondern vor allem deswegen, weil’s passt, also in das, was man tut. LLMs sind Sinntechnik oder Wissenstechnik, offensichtlich auch Kommunikationstechnik, sogar Interaktionstechnik. Und ihr Erfolg liegt nicht daran, dass die Informationen valide sind, sondern dass sie anschlussfähig sind – und die Anschlussfähigkeit wird offensichtlich auch dadurch hergestellt, dass das LLM ein bisschen schleimig und streberhaft zustimmt, ohne das zu penetrant zu machen. Das war wirklich spannend.
All das war nur eine kleine Primärerfahrung, aber aus solchen Primärerfahrungen wird jene Plausibilität gemacht, mit der diese Maschinen erfolgreich werden. Es ist tatsächlich frappierend – und womöglich macht diese Fähigkeit der Maschinen, diejenigen, die davorsitzen, in die Sache hineinzuziehen, das Alltagspraktische aus. Es ist eine Affirmationsmaschine. Sie bestätigt. Sie hat keinen Anreiz für Kritik und Widerspruch. Sie variiert nur das Anschlussfähige. Sie bezieht sich auf Bestehendes. Sie ist tatsächlich nur eine Maschine, aber man merkt es immer weniger. Jedenfalls macht die Praktik der Maschine wahrscheinlich fast alle Regelwerke und warnenden Verhaltensstandards, wie man mit ihr umgehen soll, zunichte – nicht argumentativ, sondern durch die eigene Praxis. Die ist nämlich stärker als wohlfeil argumentierte Regeln. Aber das kann man soziologisch schon lange wissen.
Letztens habe ich einen schlechten Witz gemacht: Ich kenne jemanden, die auf Claude (Anthropic, inzwischen ein bisschen trumpesk beschnitten) schwört, was man damit alles machen kann und wie das das Leben leichter macht, was man so sagt. Ich habe ein bisschen gespottet, die Person habe sicher eine Affaire mit Claude. Inzwischen weiß ich, dass das gar kein Witz ist.
Übrigens Guilty Pleasure: Ich hatte im letzten Jahr einen ganzen Tag eine aktuelle S-Klasse als Leihwagen, weil ich die Dinge nicht ohne Auto machen konnte, die an dem Tag anstanden (der Vermieter hatte sonst nix mehr da, ohne Aufpreis!), ein S 450 (W 223) mit allem computergestützten Schnickschnack. Ich gebe zu, das war wirklich grandios, und sowohl guilty als auch pleasure. Aber es hat mir gefallen. Was hätte das LLM gesagt, wenn ich das verraten hätte? Dass ich den so toll fand, widersprach ja meinen vorherigen Argumenten – aber der alte Schleimer hätte das auch hingekriegt.
Armin Nassehi, Montagsblock /381
29. Juni 2026