Montagsblock /399

Nein, ich will nichts zu den Jugendprotesten vom Wochenende schreiben – vielleicht nur so viel: Die üblichen Verdächtigen, am Ende gewaltbereiten und in Zerstörungsfantasien aufgelösten jungen Leute (gegen die die „Härte des Gesetzes“ zumeist nur angekündigt wird) überlagern in der Aufmerksamkeitsökonomie den Anlass von Unbehagen und Protest: Jugendliche, die das Gefühl haben, dass ihnen derzeit niemand ein Angebot macht, nicht mal symbolische Formen, die sie ernst nehmen. Mehr legitimen Anlass für Protest gibt es kaum – und dass Protestformen selten die Form eines Hauptseminars annehmen, sondern überspitzen, ungerecht sind, übertreiben, Schmarrn erzählen, geschenkt. Darüber kann man viel nachlesen.* Aber sie protestieren schon länger. Erstwähler haben bei der letzten Bundestagswahl zu fast der Hälfte AfD und Linke gewählt. Sie sind es, die derzeit Versprechungen machen – die einen völkisch und mit maximaler Provokation, die anderen in stupender Simplizität und pathetisch. Aber sie versprechen etwas – Zukunft, wenn man so will. Das macht sonst niemand. Nein, ich schreibe dazu jetzt keine längliche Boomer-Analyse oder sowas. Nur eine Erinnerung an ausbleibende Zukunft. Eine solidarische Erinnerung, wenn man so will.

Dass es so etwas wie Zukunftsskepsis gab, ist mir biografisch nicht fremd. Anfang der 1980er Jahre waren es Themen, die gar nicht so weit von heute entfernt sind: Der NATO-Doppelbeschluss (der sich im Nachhinein als richtig herausgestellt hat), die erwartete ökologische Katastrophe, Jugendarbeitslosigkeit, Misstrauen gegenüber gesellschaftlichen Institutionen über viele Milieus hinweg – all das ist etwas, das ich als junger Student gut kannte. Ich habe 1979 mit dem Studium begonnen, bis Mitte der 80er war es eine Zeit, deren Lebensgefühl als No Future geframed wurde – das bezog sich auf eine Liedzeile aus God Save the Queen von den „Sex Pistols“.

All das ist von den symbolischen Formen her der heutigen Situation nicht unähnlich – und es geht bei Protest auch keineswegs darum, ob die Vorwürfe alle stimmen, es geht darum, dass sie sich in eine Form bringen lassen, die das Erleben der Protestierenden trifft, sogar miterzeugt. Ich kann mich gut daran erinnern, was ich selbst damals, 18, 19, 20, 21-jährig so geredet habe. Gottlob konnte man es später in keinem sozialen Medium nachlesen, weil es das noch nicht gab. Es würde sich zum Teil wie ziemlich verqueres Zeug anhören – und doch stimmte Vieles davon. Vor allem stimmte das Gefühl, dass eigentlich nichts geht und die Welt nicht in Ordnung erschien. Hand aufs Herz: Den meisten Altersgenossinnen und -genossen dürfte es mit mehr oder weniger Intensität auch so gehen. Das Gefühl war real, manchmal nur protestkulturell real, der Alltag bot dann viele Kompensationsmöglichkeiten, popkulturell, es öffneten sich Fenster, und sogar ich wurde dann erwachsen.

Und doch hilft es vielleicht weiter, die Verklärung der eigenen Vergangenheit ein wenig beiseite zu schieben. Es ist ein merkwürdiger Erinnerungseffekt, dass wir uns immer mit den Kategorien der späteren Gegenwart erinnern, statt damit zu rechnen, dass das erinnerte Ich ein ganz anderes sein könnte als das erinnernde. Nur das möchte ich in diesem kleinen Montagsblock anregen – sich weder von den Chaoten blenden zu lassen, denen zu viel Toleranz widerfährt, noch jene Jugendlichen misszuverstehen, denen damit zu wenig Toleranz widerführe.

Wer sich Sorgen um die Demokratie macht, muss diese jungen Leute ansprechen können – und zwar positiv, nicht einfach mit dem Hinweis, es werde schon nicht so schlimm werden. Was derzeit tatsächlich kippt, ist die Erfahrung, dass es nicht mehr die demokratische Mitte ist, der es gelingt, Zukunftskonzepte zu formulieren, Veränderungsdimensionen aufzuzeigen oder symbolische Formen für die Lösung von Problemen zu finden. Dem muss man begegnen. Mit Bildungsoffensiven von der Kita an, mit ehrlichen Prognosen darüber, für was für eine Welt wir junge Leute ausbilden, mit Reformen, die die ökonomische und die symbolische Basis für Prosperität herstellen. Was gar nicht hilft, ist die Perpetuierung und kleinteilige Optimierung des Bewährten. Das sind schöne Sätze – aber vielleicht helfen sie. Der Anfang ist das, was ich hier in ungewohntem Pathos solidarisches Erinnern nenne.

Armin Nassehi, Montagsblock /399

02. November 2026

* Armin Nassehi: Das große Nein. Eigendynamik und Tragik des gesellschaftlichen Protests, Hamburg 2020.