Gestern fand unser Interviewmarathon in München statt. Ein Privileg, mit neun Zeitgenossen jeweils eine knappe Stunde über die Frage: „Wie geht’s weiter?“ reden zu dürfen. Zwei Blickwinkel haben mich über den Tag besonders beeindruckt. Einmal, wie bereichernd es ist, ein Gespräch fließen zu lassen, ohne sofort bewerten zu wollen, was der oder die andere sagt. Und gleichzeitig, wie wohl man sich fühlen kann, wenn andere Menschen ausführlich mäandernd über persönliche, berufliche und gesellschaftliche Wirklichkeiten und Erfahrungen coram publico nachdenken. Ist auch irgendwie Wohlstand, Zeit, Raum und Geschwindigkeit sich frei und verschwenderisch, ohne Eingriff und Kontrolle, ausbreiten zu lassen.
Wie komme ich jetzt auf Wohlstand? Blick zurück nach vorne: Vor 21 Jahren hatte ich gerade mit meinen KollegInnen Dagmar Deckstein (SZ), Wolf Lotter (brand eins) und Michael Gleich ein Buch mit dem Titel „Wir kündigen“ vorgelegt. Wir wollten die wichtigsten Schlüsselbegriffe in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft neu interpretieren – von A wie Arbeit bis Z wie Zukunft. Und irgendwie fühlten wir uns als Teil von etwas Neuem. Begriffe purzelten in neue Ausstaffierungsdiskurse. Aufbruchsongs überall, nach dem Motto: Die Zukunft gehört uns. Geld und Wirtschaft waren kurz nicht mehr die exklusiven Wohlstandstreiber. Wanted: Neuer Sound, neuer Evergreen für den Aufbruch in eine bessere Gesellschaft von morgen.
Einer dieser Begriffe im „Wir kündigen“-Buch war wie gesagt der Wohlstand. Im Fokus stand zunächst die betonharte Wohlstandsprägung der alten Bundesrepublik. „Als die Bundesrepublik nämlich in ihren pubertären 1950er Jahren darüber nachdachte, wie man den Volksakku wieder mit Zuversicht aufladen könnte, zogen die Verantwortlichen den ewig jungen Joker aus dem bürgerlichen Schatzkästchen königlicher Belohnungen: Wohlstand! Besserer Lebensstandard und größeres Vermögen wurden kollektiv versprochen, wenn alle mit ganzer Kraft am Wiederaufbau mitwirken würden. Das ließen sich die Leute nicht zweimal sagen. Sie hörten gerne den neuen Klang der Fanfaren und begannen mit unglaublichem Fleiß und klagloser Disziplin die Trümmer des Tausendjährigen Reiches beiseitezuschieben. Und weil man sich am Feierabend gerne die Frage stellte, wofür das Ganze, versprach Adenauer nicht nur Wohlstand für alle, sondern gleich auch noch Ruhe – politisch und im Alter. Die Zukunft sollte möglichst risikoarm vorkonfiguriert werden. Mit den weiteren Aussichten: Ein Leben lang für den Wohlstand arbeiten. Dann ruhen in Frieden! … Applaus, denn dieser lineare Pfad des Wohlstands überdauerte Jahrzehnte. Jede Bundesregierung hielt sich eng an Adenauers Versprechen und diente dem Volk als staatlicher Rückversicherer: Ihr schuftet, wir sichern ab.“
Doch der Wohlstand hat sich im weiteren Verlauf inidividuell-biografisch als unsteter Geselle entpuppt. Er basierte nicht mehr lange nur auf staatlicher Sicherheit inklusive Rente ab 65. Der Wohlstand hat sich neue Aufladungen und Extensions gesucht und dabei immer stärker die Sehnsucht geweckt, die eigene Selbstentfaltungslinie zeichnen zu dürfen, ohne sie von außen vorgezeichnet zu bekommen. Nicht mehr basierend auf einem paternalistischen Menschenbild. Eine Frage rückte in den Blickpunkt. Wer will schon von dem, was er nicht bestimmen kann, gezeichnet sein?
Der Text aus dem Jahre 2005 vermerkt dazu:
„Nehmen wir, um die Wohlstandsdiversität besser zu verstehen, eine Kuh. Sie steht im günstigsten Fall auf der Weide, frisst Gras, kaut wieder und lässt Verdautes auf dem Acker zurück. Ihre Grundbedürfnisse sind leicht zu befriedigen. Die Kuh weiß, was ihr guttut. Ein Leben lang. Fressen und Scheißen sorgen für das richtige Maß an Wohlbefinden, Wohlbehagen und Wohlergehen. Glückliche Kühe, sagt man, wenn man an einer Weide vorbeiradelt.
Der Mensch im ersten Lebensjahr tickt überwiegend ähnlich, wie Generationen von Müttern und Vätern auf Anfrage bestätigen können. Dann aber beginnt für jeden Erdling das Lernen, was gut für ihn ist. Was dummerweise ein ganzes Leben dauert. Die Fragen des Lebens beginnen uns fortan mehr oder weniger heftig zu bedrängen. Was tut mir gut, was will ich werden, was nehme ich mir vor? Mit diesen Fragen grenzen wir uns von der Kuh ab. Denn nun feilen wir am Gelingen unseres Lebens. Wir selbst können und dürfen das so lange, wie uns keiner daran hindert. Selbstentfaltung eben.
Wohlstand bedeutet heute eher, dass jedem sein Leben besser gelingen mag. Und zwar auf seine eigene, ganz spezielle Art und Weise. Nehmen wir, um es besser zu verstehen, deshalb noch ein Schwein dazu. Es ist dem Menschen sehr ähnlich. Als Jungtier ist es bewegungsfreudig, im Alter eher träge. Es braucht viel Auslauf und Abkühlung, und es ist – Tendenz steigend – fremdenfeindlich. Trifft es einen Fremden, kann dieser übel malträtiert und gebissen werden. Keiner aber fragt ein Schwein, ob es sich auf den von der EU zugelassenen 0,15 bis einem Quadratmeter (je nach Gewicht; ein Quadratmeter nur bei einem Gewicht über 110 Kilogramm) in der Schweinezucht wohlfühlt. Wir wissen es als Schweinemitfühler*innen: Tut es nicht. Nur wenigen Schweinen gelingt noch ein gutes Leben. Arme Schweine, sagt man, wenn man eine Mastmaschine betritt.
Es würde an dieser Stelle natürlich zu weit gehen, unsere Gesellschaft mit einer Schweinezucht zu vergleichen. Auch wenn wir unsere Schulkinder auf 0,7 Quadratmeter großen Holzstühlen aufs Leben vorbereiten. Auch wenn wir jeden Abend drei Stunden auf unserem 0,7 Quadratmeter großen Fernsehsessel vor der Glotze hocken. Es geht vielmehr darum, ob wir überhaupt noch selbstbestimmt tun können, was für uns gut ist. Sprich: unser individuelles Bedürfnisprofil entdecken. Authentisch und so! Wohlstand bedeutet nämlich auch, diese, unsere eigenen Bedürfnisse zu entdecken und zu befriedigen. Von einer derart freien Gesellschaft sind wir allerdings genauso weit entfernt wie ein glückliches Schwein von einer armen Kuh.“
Kurz innehalten. Genügend Raum und Freiheitsgrade ermöglichen Wohlstand. Check. Hinzu kommt die Zeit. Gemeint als die feudalbourgeoise Freiheit, über seine Zeit so zu verfügen, wie man will. Das kann sehr unterschiedliche Züge annehmen. Nehmen wir beispielsweise zwei Büromenschen: Person A jagt von einer Besprechung zur nächsten. Kurze Mittagspause. Am Abend der erste Blick auf die Uhr. »Oh, schon 17 Uhr. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen.« Person B hatte in der gleichen Zeit kaum etwas zu tun, hat sehnsüchtig die Mittagspause herbeigesehnt und die Sekunden gezählt, dass sie um 17 Uhr nach Hause gehen kann. Beide haben gleich viel Zeit verbraucht, aber unterschiedlich wahrgenommen. A hat etwas Interessantes erlebt, die Zeit verging rasch. B hat nichts erlebt, die Zeit wurde ihr ewig lang. In der Psychologie bezeichnet man dies als subjektives Zeitparadoxon: Ist die erfahrene Zeit kurzweilig, wird die Zeit der Erinnerung lang, ist sie dagegen langweilig, schrumpft die Erinnerungszeit.
Wohlstand bedeutet, kurzweilig Zeit zu verbringen und sich daran lange zu erinnern.
Betrachten wir in diesem Zusammenhang die vermeintlich schlimmsten Zeitdiebe moderner Gesellschaften: die KI und Social Media. Oft hat das, was wir dort wahrnehmen, nichts mit unserem Leben unmittelbar zu tun. Mit dem Handy in der Hand vergeht die Zeit im Fluge, ohne etwas zu hinterlassen. Trotzdem schauen die Deutschen immer länger rein. Sie sehen teilnahmslos zu, wie eine Gleichgültigkeit nach der anderen passiert. Dabei ist der Aus-Knopf nahe. Und Wohlstand ist, ihn zu drücken. Es würde manchem natürlich zu weit gehen, unsere Gesellschaft mit einer Verblödungskultur zu vergleichen. Auch wenn wir mittlerweile täglich drei Stunden vor dem dem Handy hocken.
Stellt sich die Mutter aller Fragen an den Spiegel: Entfalten wir uns eigentlich noch oder werden wir entfaltet? Frage ich mich auch, wenn ich in selbigen blicke. Und gleichzeitig bewundere ich den robusten Optimismus, wie etwa von SZ Think Tank-Chef Dirk von Gehlen, der gestern auf unserem Interviewmarathon betont hat: „Soziale Medien machen Stimmen hörbar, die früher ungehört waren. Soziale Medien machen Wissen zugänglich. Soziale Medien machen dich schlauer.“ Kurzum: Soziale Medien helfen bei der Selbstentfaltung. Steile These. Kluger Kopf.
Womit wir beim dritten Wohlstandsfaktor nach Raum und Zeit angekommen sind: dem Lebenstempo. Der Traum vom Paradies: Jeder sucht sich das Tempo, das er will. Denn wie intensiv man leben und arbeiten will, geht nur einen selbst etwas an. Eine freie Gesellschaft muss auf allen Geschwindigkeitsstufen sinnvolle Möglichkeitsräume anbieten, in denen man sich entfalten kann. Davon sind wir Lichtjahre entfernt. Langsamkeit darf hierzulande immer noch nur der entdecken, dem Wohlstand und Reichtum flankierend zur Seite stehen. Und Schnelligkeit wird noch immer voreilig mit Erfolg und Flexibilität gleichgesetzt. Oft genug steckt man dann in Lebensentwürfen fest, die man vorher nie und nimmer führen wollte. Das Leben der Reichen und Erfolgreichen als Etikettenschwindel?
Womit wir die aktualisierten Dominosteine einer Definition von Wohlstand zusammen haben. Wohlstand könnte die selbstbestimmte Idee, Konzeption und Realisierung eines gelungenen Lebens sein. Die Vielfalt, die man dabei entdeckt, könnte über den materiellen Wohlstand hinausgehen. Vielfalt wahrnehmen und sich lange daran erinnern zu können, ist mehr wert als ein Bett im Geldfeld. Sagt sich so leicht. Denn knapp bei Kasse zu sein, bleibt weiterhin nicht vereinbar mit diesem souveränen Zeit-Raum-Tempo-Wohlstand. Weiß ich. Es bleibt trotzdem ein Evergreen, auch über 20 Jahre später. Und irgendwann kommt vielleicht doch eine Zeit des Weges, in dem der Wohlstand träumt,
… nie zu landen;
… mehr Zeit zu verschwenden;
… langsam langsamer zu werden;
… nur noch seinen Atem zu spüren.
Genau diese kleinen Momente durften wir gestern erleben. Alles war erschwinglich. Welch Wohlstand!
Peter Felixberger, Montagsblock /398
26. Oktober 2026