Montagsblock /367

Manchmal, wenn ich vor einem weißen Blatt sitze und zu tippen beginne, frage ich mich: Bin ich sicher, dass ich das jetzt Kommende noch nie geschrieben habe? Bei rund 75 bereits geschriebenen Montagsblöcken kann man da schon einmal unsicher werden. Ziemlich sicher ausschließen könnte ich das nur, wenn meine Arbeitsweise den Affen aus dem Infinite-Monkey-Theorem entspräche: Wenn ich also so lang völlig zufällig auf der Tastatur herumhacken würde, bis ein lesbarer Montagsblock entstanden ist. Die Tatsache, dass sich das Geschriebene immer an meinen eigenen Erfahrungen orientiert, die sich bei aller lebensweltlichen Vielfalt dann doch immer in einem erwartbaren Rahmen bewegen, macht Wiederholungen im Vergleich dazu deutlich wahrscheinlicher.

Tatsächlich könnte es aber sein, dass es irgendwo eine Variante von mir gibt, die mit genau dieser Zufallsmethode Montagsblöcke erstellt, und sich nach 75 Montagsblöcken keine Sorgen über Wiederholungen machen muss. In einem Paralleluniversum, irgendwo da draußen. Dann gäbe es allerdings auch noch eine andere Variante, die genau diesen Montagsblock bereits in der letzten Ausgabe verfasst hat. Und eine, in der sich die Herausgeber des Kursbuchs ganz grundsätzlich gegen die Verfassung zusätzlicher Montagsblöcke entschieden haben.

In der vergangenen Woche habe ich mich mal wieder mit Unendlichkeit und Multiversen beschäftigt. Ich war in einer Fernsehsendung zu diesem Thema eingeladen und hatte daher das ansonsten eher seltene Vergnügen, mit fachlicher Ernsthaftigkeit darüber zu diskutierten, warum man davon ausgehen sollte, dass es alles unendlich oft geben könnte, und was das genau heißen soll.

Die Minimalvariante eines Multiversums ist dabei vergleichsweise einfach zu haben: Sie folgt einfach daraus, dass unser Universum allem Anschein nach unendlich groß ist und die Materie darin homogen und isotrop verteilt zu sein scheint. Unser beobachtbares Universum, die Region also aus der uns seit kurz nach dem Urknall das Licht mit seiner endlichen Geschwindigkeit erreichen konnte, hat einen Radius von rund 46 Milliarden Lichtjahren. Wenn sich das Universum hinter der Grenze des Beobachtbaren aber genauso und unendlich fortsetzt, kann man anhand einfacher Statistik ausrechnen, wann sich die hiesige Materieverteilung wiederholen muss, weil man alle Möglichkeiten durchgespielt hat. Zugegeben, das ist so weit entfernt, dass es wenig sinnvoll ist, hier irgendwelche Zahlen anzugeben. Aber faszinierenderweise bedeutet es, dass es alles irgendwo noch einmal geben müsste.

Die unendliche Größe wiederum folgt daraus, dass unser Universum auf großen Skalen geometrisch flach zu sein scheint. Mit einer gekrümmten Geometrie – wie zum Beispiel der Oberfläche einer Kugel – hätte man sich andernfalls einen endlichen Kosmos denken können. Das wird aber durch unsere aktuellen Messungen, und insbesondere die Daten der 2009 gestarteten Planck-Mission, ausgeschlossen. Diese Daten legen auch nahe, dass die Materie tatsächlich auf großen Skalen gleichförmig verteilt ist. Wobei es hier noch eine letzte Unsicherheit gibt, weil es wider Erwarten doch Strukturen zu geben scheint, die größer sind, als sie dieser Annahme gemäß sein dürften. Die jüngsten Beobachtungen in dieser Richtung sind ebenfalls erst einige Jahre alt.

Es ist also noch Bewegung in der Frage, ob es diese Art von Paralleluniversen tatsächlich geben muss. Ich finde das überaus faszinierend. Umso mehr, als ich mich noch daran erinnern kann, wie erleichtert ich im Studium über die Option war, dass unser Universum doch gekrümmt sein könnte, um der Unendlichkeit zu entgehen. Physiker haben ein schwieriges Verhältnis zur Unendlichkeit. Einerseits brauchen sie sie, nicht zuletzt um Infinitesimalrechnung zu praktizieren, zum Berechnen von Geschwindigkeiten und Beschleunigungen und Grenzwerten aller Art. Andererseits sind unendliche Werte in Berechnungen meist ein untrügliches Anzeichen dafür, dass irgendetwas schiefgelaufen ist. Auch mir ist Unendlichkeit nicht geheuer. Ich erinnere mich, dass mir schon als Kind diese Vorstellung (damals als religiös motivierte Ewigkeit) große Angst einjagte.

Vergangene Woche musste ich aber mal wieder feststellen: Ich finde das Nachdenken über Multiversen unglaublich interessant und anregend (die anderen Varianten, in denen Multiversen mit anderen Naturkonstanten oder Naturgesetzen auftauchen, oder wo die Quantenmechanik ein unendlich verzweigtes Netz verzweigter Realitäten erzeugt, würden diesen Rahmen hier leider sprengen). Vorstellen kann ich mir all das trotzdem nicht. Nicht annähernd. Ich finde daher die Idee, dass jetzt irgendwo eine Parallelsibylle genauso tippend sitzt, weder verstörend noch faszinierend. Sie sprengt einfach die Grenzen meiner Vorstellungskraft.

Und dann denke ich mir: Was für ein unglaubliches Selbstbewusstsein haben wir Menschen, dass wir es nicht einfach bei dem Wunder belassen, dass wir mit unserem für ganz andere Zwecke entwickelten Geist den Kosmos um uns herum begreifen können. Stattdessen wollen wir diese Theorien noch über das Beobachtbare hinaus extrapolieren. Und wundern uns dann über die merkwürdigen Konsequenzen. Dann aber tippt mir eine Parallelsibylle in meinem eigenen Hirn gewissermaßen auf die Schulter und gibt zu bedenken, dass manche Vorstellungen einfach Zeit brauchen und wir in einigen Jahrzehnten die Idee von Paralleluniversen vielleicht völlig normal finden. Könnte es so kommen? Und werde ich mich dann noch an diesen Montagsblock erinnern?

Sibylle Anderl, Montagsblock /367

23. März 2026