Montagsblock /362

Wahrnehmung und Dafürhalten sind schon merkwürdige Dinge. Ist man ganz naiv, denkt man, gelungene Wahrnehmung sei eine, die die Realität abbildet, die da wahrgenommen wird. Nicht ganz so naiv ist die Annahme, dass es stets zu Verzerrungen kommt, weil Wahrnehmung und Dafürhalten ja stets ein eigensinniger und selektiver Prozess ist und Erwartungen und Wahrnehmungsschemata die Wahrnehmung stark prägen. Ganze Erkenntnis- und Wissenschaftstheorien sind darauf aufgebaut – und je nach dem, ob sie eher realistisch eine asymptotische Annäherung der Wahrnehmung an das Wahrgenommene für möglich halten oder ob sie eher konstruktivistisch die Aufmerksamkeit auf den Wahrnehmungsprozess selbst legen – geprägt sind sie von der Bewirtschaftung der Differenz von Erkenntnis und (Real-)Gegenstand.

Darüber hinaus kommt es bisweilen vor, dass Wahrnehmungen fast nur noch als Wille und Vorstellung fungieren. Ein schönes Beispiel sind die Reaktionen des Publikums und der veröffentlichten Meinung auf die Rede des US-amerikanischen Außenministers Marco Rubio auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Anders als weiland der US-Vize J.D. Vance fanden sich in dieser Rede versöhnliche Töne. „Kinder Europas“ seien die Amerikaner, die Partnerschaft zwischen den USA und Europa sei unverbrüchlich, mit allen kulturellen und militärischen Konsequenzen. Wie Balsam muss das gewirkt haben. Die Vance-Rede hatte offensichtlich deutlichen Einfluss auf das Erwartungsmanagement der Anwesenden. Sie dankten mit standing ovations, auch gerührt vielleicht von der biografischen Tatsache, dass Rubio als Sohn kubanischer Exilanten in der zweiten europäischen Weltsprache sozialisiert wurde, die auf dem amerikanischen Kontinent gesprochen wird – wahrlich ein Kind Europas.

So eingestimmt wurde fast unsichtbar, dass Rubio am Ende dieselben Kategorien wie Vance verwendete, um Europa zu charakterisieren. Eine „zivilisatorische Auslöschung“ sieht Rubio als Gefahr, der Europa nur im Schulterschluss mit den USA entgehen könne, im Kulturkampfmodus beklagte er einen „Klimakult“, die zivilisatorische Gefahr durch Migration und kurioserweise eine Ideologie des „Freihandels“, den antiamerikanische europäische Kulturkämpfer gerne eher denen jenseits des Atlantiks vorwarfen.

Einen großen Unterschied zu Vance vermag man hier kaum zu sehen – außer einer etwas netteren Verpackung, die am Ende alle Vorurteile gegenüber Europa etwas unsichtbarer werden ließ – zumindest für die, die es nicht sehen wollten. Nun wäre man selbst naiv, hätte man etwas anderes erwartet, denn was soll Trumps Außenminister sonst verkünden als Trumps MAGA-Ansatz? Aber wie sehr Kategorien fehlen, mit der neuen (und bisweilen gar nicht so neuen) transatlantischen Differenz umzugehen, zeigt sich doch in standing ovations, die schlicht leugnen, was unmittelbar zuvor gehört werden konnte.

Vielleicht ist das die eigentliche Gefahr, die gerade herrscht: dass die Beobachter des Geschehens in ihrem Erwartungsmanagement an ihren trägen Kategorien festhalten und eine Übereinstimmung beschwören, die längst nicht mehr da ist. Wie gesagt, die Rede war so erwartbar, und Rubio bearbeitet damit womöglich auch innenpolitische Fragen einer möglichen Konkurrenz mit Vance um die Kandidatur für die Trump-Nachfolge. Da ist solcherart Kosmetik vielleicht ganz hilfreich. Aber sie kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Trump-Administration in wesentlichen Fragen geradezu anti-europäisch ist und davon profitiert, wenn der kulturkämpferische Keil in Europa größer wird.

Nun soll dies hier kein politischer Kommentar sein. Davon werden gerade viele geschrieben – von denen, die es sehen können, auch von denen, die hierzulande die kulturkämpferische Perspektive dieser Kritik von Europas Kindern an ihren Vorgängern bewirtschaften und zum publizistischen Geschäftsmodell aufbauen. Das ist alles business as usual. Bemerkenswert ist eher, wie groß das Bedürfnis nach der Wiederherstellung von Nähe zwischen diesen weltgeschichtlichen „Generationen“ ist (standing ovations) und wie klein die Bereitschaft, genauer hinzusehen. Denn diese Rede ist kein Freundschaftsangebot, sondern eine passiv-aggressive Form der latenten Erpressung: wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, können wir nichts mehr für Euch tun.

Vor diesem Hintergrund erscheint die Rede des Bundeskanzlers auf der Sicherheitskonferenz in einem noch günstigeren Licht. Sie hat auf die ovations verzichtet und den Blick darauf gelenkt, dass am Erwartungsmanagement zu arbeiten ist. So gesehen, hängt Wahrnehmung tatsächlich mehr von den eigenen Erwartungen ab und vom Willen, anders und anderes sehen zu lernen als immer schon. Schon kleine Verschiebungen können viel bewegen.

Armin Nassehi, Montagsblock /362

16. Februar 2026