Montagsblock /351

Advent, Advent, der Schädel brennt! Kleine Exkursion ins Nichts.

Fast ein viertel Jahrhundert im neuen Jahrtausend ist geschafft. Schlamasselitis, wohin man blickt. Putins perverses Kriegsgeschäft. Trumps aufgeblasene Idiotie. Rechte Nationalzündlerei. Schweine&Klima-Rap. Das Rentenhöhenpalliativ. Die Bahnzotenverknotung. Kein Ende in Sicht. Die Superachttrudelmaschine von Plüm Pelzki fliegt weiter. Zieht ihre Kreise, beobachtet von Drohnen, ihrerseits getrackt von den Drohnenbeobachtern zweiter Ordnung im Weltall. Alle schauen auf alles mit allem, was sie haben. Neue Folgen grotesker und bizarrer Weltwahrnehmung, Overkill&Schädelweh im grauen Dezember.

Doch beginnt nicht das eigentliche Schlamassel bei uns selbst? Wenn wir am Morgen in den Spiegel schauen. Am Hemd oder Pullover zupfen, über Gesichtsfalten streichen, lästige Haare aus der Stirn schieben. Der Spiegel zeigt uns, was wir sehen möchten. Einerseits erfolgreich, schön und glücklich, wir haben das Leben fest im Griff. Andererseits meiden wir den Anblick dessen, was zu sehen uns ängstigt. Wir haben womöglich Existenzangst, fürchten uns vor dem Älterwerden und sind nicht mehr Herr oder Frau unseres Lebens.

Im Spiegelbild treffen sich zwei Kräfte: die narzisstische Omnipotenz und die Realität. Das Gefühl, alles, inklusive sich selbst, im Griff zu haben, trifft auf das Gefühl nagender Selbstzweifel. Im Spiegelbild erkennen wir die Grenzen unseres Selbst. Dieser Prozess fängt bereits im Kindesalter an. Im Spiel lassen Kinder ihr Spiegelbild ständig verschwinden und wieder auftauchen. Sie tasten sich fortwährend an ihr Selbst heran. Die Gratwanderung zwischen Allmachtsfantasie und Realität dauert indes ein Leben lang. Verzerrte Spiegelbilder verzücken und erschrecken uns gleichermaßen.

Um das auszuhalten, möchten wir dem Spiegel ein Schnippchen schlagen. Wir schauspielern vor der Schlammasselitis der Weltlage. Aktuell gibt es drei Rollen, die aufgeführt werden.

1: Als Hochstapler stellt der Mensch eine Fassade seiner selbst zur Schau und führt damit sein Publikum in die Irre. In der gesteigerten Form legt er sich eine falsche Identität zu und gibt sich für jemanden anderen aus. Vor allem glauben Hochstapler, mit Hilfe der Fantasie der Realität ein Schnippchen schlagen zu können. 2: Als Narr spielt der Mensch den Unwissenden und stellt absichtlich naive Fragen. Er ist das Gegengewicht zur Macht, die er zu entlarven versucht. 3: Als Machtgierling häuft man Macht an, bis die Wahrnehmung nicht mehr trügt und die eigene Bedeutung schwerer ist als jeder mögliche Zweifel.

Hochstapler, Narren und Machtgierlinge sind die Spiegelbildhauer der Neuzeit. Sie profitieren davon, dass es den einen Blick auf die eine homogene Gesellschaft nicht mehr gibt. Deutschland ist längst ein Land der ungezählten Rollen, Perspektiven und Blickwinkel. Der Grund liegt im Phänomen des Spiegelbeobachtens. Ein kluger Meisterdenker hat einmal geschrieben: „Wer auch immer beobachtet, kann, ob er will oder nicht, beobachtet werden und setzt sich damit dem Risiko aus, anders gesehen zu werden, als er selbst sich und die Welt sieht.“ Dadurch zerfällt die Welt in Ideen, Begriffe, Gedanken, Vorstellungen, Erzählungen, Bildern und Metaphern.

Was uns grandios überfordert und überwältigt. Deshalb steigen wir ins Abklingbecken und überlassen der KI-Stewardess die Auswahl aus dem Bordmenü der Zukunft. 2055. Digitale Begleiter sind die neue Normalität. Die Menschen kommunizieren über digitale Interfaces und Schnittstellen mit Beratern und Coaches aller Art. Selbst entscheiden macht Angst. Zu viele Schwachstellen, zu viele Fehlerquellen. Der neue Handlungsdreiklang lautet: Ausgangsposition abwägen, Optionen abschätzen, Entscheidungen treffen. So gelangen sie in die Hände persönlicher Berater. Eine 30-jährige Werbegrafikerin (geboren im Dezember 2025) schreibt auf Rammazon über das KI-Begleitpersonal: „Sie wissen es besser, da sie mich kennen und mir in Bruchteilen von Sekunden den entscheidenden Impuls übermitteln.“

Translizer ist einer dieser großen neuen Alltagsbegleiter. Es ist ein digitaler Persönlichkeitstest mit angeflanschter Empfehlungsplattform für Entscheidungen im beruflichen Alltag. Wie es funktioniert? Nach 66 Interface-Fragen erhält der User eine digitale Auswertung auf eine von sechs Tieranalogien. Im Begleitbuch kann er oder sie sich in seinen Persönlichkeitstyp vertiefen. Über ein Interface werden schließlich Alltagserfahrungen und Jobsituationen eingespeist, für die man persönlichkeitstypbezogene Ratschläge erhält. Mit jeder Empfehlung wächst die Personal Intelligence (PI). Sie wird zur digitalen Translizer Personality Box, mit der man ständig kommunizieren kann.

Translizer ist das Anti-Schädelweh-Programm aus der Zukunft. Als Aufladestation kann man sie in drei Richtungen nutzen. Erstens, wenn man sein schwaches Selbstbewusstsein aufmöbeln und überhaupt erst einmal Schwung kriegen möchte. Zweitens, wenn man eine Blockade überwinden und wieder Schwung kriegen möchte. Und drittens, wenn man seinen Weg konsequent weitergehen und den Schwung noch verstärken möchte. Das Translizer-Programm ist die multimediale Persönlichkeitsberatung mit Spiegelbildtechnik zur spontanen Entscheidungsfindung. Ultimativer Weihnachtstipp für 2055.

Advent, Advent, nur die KI mich kennt! Kleine Inklusion aus dem Nichts.

Peter Felixberger, Montagsblock /351

01. Dezember 2025