Unsere Montagblocks atmen oft die Schwere der Weltprobleme, führen sie uns mit Sibylle in Sternenwelten und die Geheimnisse der Natur, mit Peter oft auf historische Pfade, die auch in der Zukunft liegen können, und von dem Dritten wollen wir gar nicht erst anfangen. Da könnte es ja schön sein, sich auf kleinere Alltagskapriolen zu besinnen – etwas, das ich am vergangenen Freitag erlebt habe, als ich mit dem Zug von Berlin nach München gefahren bin. Freitags. Nachmittags. Das kann gar nicht gut gehen. Um es vorwegzunehmen: Es ging gut. Aber doch war es irgendwie bemerkenswert.
Es folgt jetzt nicht das übliche Bahnbashing, an das man sich ebenso gewöhnt hat wie an Verspätungen. Es ist in Deutschland ja fast ein Thema wie das Wetter – man kann es risikofrei ansprechen, weil man es nun wirklich niemandem zurechnen kann, auch wenn das in Zeiten des Klimawandels manchmal auch nicht ganz stimmt. Wie die kommunikative Funktion des Wetters aber üblicherweise darin besteht, dass man einerseits Informationen mitteilen kann, also durchaus Geltungsansprüche formulieren kann und eine gewisse Variationsbreite hat, andererseits aber fast risikofrei auch mit Leuten reden kann, die man nicht kennt, ist das mit Hinweisen auf die Insuffizienz der Bahn ganz ähnlich. Solche risikoarmen Themen zeichnen sich dadurch aus, dass man kaum befürchten muss, jemanden aufgrund seines Glaubens, seiner Essgewohnheiten, seiner Herkunft, seines Aussehens, seiner Sexualität, seines BMI, seiner Pronomen oder sonstiger Merkmale zu behelligen. Wenn´s regnet, werden alle gleich nass – es sei denn sie haben Friesennerz oder Regenschirm.
So isses auch mit der Bahn. Man kann es thematisieren, und jeder kann daran anschließen, jede auch. Man kann dann schimpfen oder humorvoll sein oder beides zusammen, fatalistisch oder die schönsten Bahnerlebnisse zum Besten geben. Selbst dem größten Dussel fällt es schwer, hier an der Disziplin der geschmeidigen Alltagskommunikation zu scheitern. Oder so: Wer selbst das nicht kann, kommt eh überall zu spät, selbst wenn der Zug pünktlich ist.
Aber warum erzähle ich das? Letzten Freitag jedenfalls ist alles gut gegangen. Der Zug fuhr pünktlich in Berlin los und kam sagenhafte neun Minuten zu früh in Erfurt an. Da es auch noch andere Züge gibt, musste er diese Zeit in Erfurt warten, um dann pünktlich weiterzufahren. Tat er aber nicht – etwa vier Minuten nach der eigentlich geplanten Abfahrtszeit kam eine Durchsage. Es seien zwischen Bamberg und Nürnberg Personen im Gleis – was, das weiß der geübte Bahnfahrer, zur Folge hat, dass die Polizei den gesamten Streckenabschnitt aufwändig kontrollieren muss, bevor weitergefahren werden kann. Immerhin ist das eine Störung, für die die Bahn wenig kann. Vielleicht kann man sagen, dass Personen im Gleis das Wetter unter den Bahnstörungen sind. Aber das ist nicht die Geschichte, die ich erzählen will.
Es wurde uns bedeutet, dass wir zunächst unbestimmte Zeit warten müssten, dann einen veritablen Umweg machen sollten. Die Verspätung wurde auf zwei bis zweieinhalb Stunden taxiert. Der Umweg sollte irgendwann, glaube ich, über Fulda gehen, irgendwelche Nebenstrecken, jedenfalls langwierig. Es entspann sich die übliche Form der Kommentierung – zwischen Ärger, Humorigem, Fatalismus, Zynismus und Gleichgültigkeit. Einer aus dem Abteil, in dem ich saß, holte sich schnell noch ein Bier aus dem Speisewagen, Versorgungsengpässe in abendlich verspäteten Zügen gewöhnt offensichtlich.
Nach wenigen Minuten, alle hatten sich mit ihrem Schicksal inzwischen abgefunden, kam eine weitere Durchsage. Ich hatte inzwischen zu Hause angerufen und angekündigt, dass ich erst sehr spät am Abend zu Hause sein werde – und dann hieß es: Die Störung existiere nicht mehr, es gehe fast pünktlich auf der ursprünglichen Strecke weiter, und schon setzte sich der Zug wieder in Bewegung, in die richtige Richtung, und kam mit geringer Verspätung in München an.
Das Interessanteste daran war nicht die Überraschung, sondern die merkwürdige kommunikative Verunsicherung der Mitreisenden. Man merkte genau, dass es einfacher gewesen wäre, noch zweieinhalb Stunden zu murren, zu schimpfen oder zynische Witze zu machen. Aber für diese merkwürdige Wendung standen keine Kommunikationsmuster zur Verfügung. Manchem war fast so etwas wie Enttäuschung ins Gesicht geschrieben, weil man es sich in der erwarteten Abweichung schon so schön eingerichtet hatte. Aufgelöst hat sich die komische Stimmung erst in dem Moment, als einer meinte, das sei typisch für die Bahn, man könne sich nicht mal auf ne angekündigte Verspätungskatastrophe verlassen.
Oft wird gesagt, der Zustand der Bahn sei nicht nur ein Indikator für den Zustand des Landes. Die Bahn mache die Leute auch mürbe, weil sie daran sehen, dass nichts wirklich funktioniert. Das stimmt sicher, aber die Szene vom letzten Freitag zeigt auch, wie sich das Unregelmäßige in die Erwartungsstruktur der Menschen einbaut und eine kommode Sicherheit verbreitet. Bei nichts fühlt man sich so wohl wie in Situationen, in denen Skripte für authentische Rede zur Verfügung stehen – authentische Rede meint: zu reden, ohne darüber nachdenken zu müssen. Die marode Bahn ist nicht nur marode, sie ist Teil der Erwartungsstruktur, sie hilft bei der Alltagskommunikation – wie das Wetter. Sie entlastet von Reflexion, sie macht in ihrer Unberechenbarkeit die Welt berechenbar.
Deshalb war dieses Freitagsereignis auch so außergewöhnlich, weil es mit der gestörten Erwartung von Störungen Normalität gestört hat. Man wusste nicht, wie man es bewältigen soll, dass die heimelige Störung jäh durch Planmäßigkeit unterbrochen wurde. Was man daraus lernen kann? Eigentlich nichts, außer vielleicht, wie banal der Alltag ist. Vielleicht wäre die Welt besser, wenn man die Banalität des Alltags mehr zu schätzen wüsste und auch die Reparaturstrategien, mit denen man einen schrägen Alltag begradigen kann. Das Alltagsgeschimpfe über die kleinen Katastrophen hat dabei eine katalysatorische Funktion. Es macht aus einer kaum erreichbaren Welt ungeplanter Widerfahrnisse eine kalkulierbare Lebenswelt, die unglaublich nervt, aber noch mehr nerven würde, wenn alles funktionieren würde. Denn worüber soll man dann reden? Übers Wetter? Das funktioniert vielleicht weniger, weil das Wetter ohnehin unerreichbar ist. Bei der Bahn aber läuft im Hintergrund die Idee der Kontrollierbarkeit mit, die aber durch jenen Alltag korrumpiert wird, der vorführt, dass alles irgendwie funktioniert, auch wenn´s nicht funktioniert. Dafür ist das Wetter zu banal.
Armin Nassehi, Montagsblock /349
17. November 2025