Montagsblock /339

Es gibt ein hübsches Kommunikationsmärchen von Antoine de Saint-Exupery. Ein sechs Jahre altes Kind erkennt im Urwald eine Riesenschlange, die ein Wildtier als Ganzes, ohne es zu zerbeißen, verschlingt und sich dann sechs Monate schlafen legt, um es zu verdauen. Das Kind malt nach der Lektüre das folgende Bild:

Danach fragt das Kind die Erwachsenen, ob ihnen das Bild Angst mache. „Warum sollen wir vor einem Hut Angst haben?“ antworten sie. Das Kind ist verwirrt und zeichnet ein genaueres Bild mit einer Riesenschlange, die einen Elefanten verdaut, mit dem Hinweis, dass es sich hier keineswegs um einen Hut handle.

In der Montagsblockerei nennen wir es das Hut-Elefant-Problem. Im Inneren jeden Hutes verbergen sich weitere Details und Fakten. Das würde prinzipiell auch für den Dschungel der Social Media-Kommunikationswelt gelten. Dort haben unterdessen die Hüte das Zepter übernommen. Ungefähre Meiningitis schlägt genaue Faktizität. Die Hüte beherrschen das subjektive Meinungsgewusel am planetaren Stammtisch, schlürfen ihre Vorurteilscocktails und palavern. Die Elefanten als Metapher für wissenschaftliche Ausdifferenzierung sowie logischer Konsistenz auf Basis begrifflicher Kohärenz haben dahinter Platz genommen.

Social Media ist ein elektronischer Stammtisch, an dem permanent und vor allem ungestört über Hutformen gesprochen wird. Jeder will seine Meinung sagen, und weil er auch allen anderen deren Meinung sagen lässt, kommt es fast nie zum Streit, weil er Zeit kosten würde, die beim Aufsagen der Meinung fehlen würde. „Das ist meine Meinung“ wird zum dominierenden Mantra des Sich-Abschottens von einer profunden, wissenschaftlichen Welt, die nur noch als eines unter vielen geistigen Abenteuern betrachtet wird.

An der Kneipentheke kann jeder seine Meinung äußern, ohne Fakten und Informationen ins Spiel zu bringen. Fakten müssten erst entdeckt und ihrem Kontext entrissen werden. Das ist mühsam, weshalb es weniger Aufwand bedeutet, über Meinungen die anderen Thekengäste zu informieren und zu unterhalten. Langsam werden aus Meinungen Bausteine der Welt. Der Hut regiert.

Ich erinnere mich an eine Moderation, die ich vor vielen Jahren mit einer Gruppe von Neonazis durchführen sollte. Im Vorgespräch kamen wir überein, dass ich beim ersten Leugnen des Judenmordes den Dialog abbrechen würde. Der erste Abend war ein Sich-Beschnuppern. Ich war im freundlichen Coachingmodus. Im Glauben an irgendeine Verständigung. Am zweiten Abend meldete sich ein Springerstiefel zu Wort: „Komm, Peter, das mit den KZs und dem Vergasen hat doch gar nicht stattgefunden. Ich meine, du hast deine Meinung und ich meine.“ Ich war schockiert, überfordert und brach die Sitzung ab. Auf Nimmerwiedersehen!

Da fällt mir ein. Bei ihrem ersten Besuch in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg fiel der Philosophin Hannah Arendt auf, dass die Leute „mit Tatsachen umgehen, als handle es sich um bloße Meinungen“. Auf die Frage, wer denn den Krieg begonnen hätte, antworteten ihre deutschen Gesprächspartner mit einer Fülle von Meinungen. Die Realität als Gesamtsumme harter, unausweichlicher Fakten zu betrachten, war ihnen, so Arendt, offenbar abhandengekommen. Gewichen einer Parolen- und Meinungsvielfalt, bei der „heute wahr sein kann, was morgen falsch ist“. Unter dem Vorwand der freien Meinungsäußerung kann jeder sein Recht auf Unwissenheit wahrnehmen und einem nihilistischen Relativismus gegenüber den Tatsachen frönen. So kam es, wie Arendt damals feststellte, zur „Unfähigkeit, zwischen Tatsache und Meinung zu unterscheiden“.

Ein paar Jahre später, im Jahr 1960, hat dann Theodor Adorno (kennt den noch jemand?) das Meinungspferd von der anderen Seite aufgezäumt. Als Philosoph hatte Adorno von der Meinung zunächst keine gute Meinung. Sie war für ihn Ersatz für die Erkenntnis, die zu kurz greift, sowie Ausdruck eines Mangels an Subjektivität: „Wo das Subjekt die Kraft zur vernünftigen Synthesis nicht mehr hat oder sie, verzweifelnd vor Übermacht, verleugnet, dort nistet Meinung sich ein.“ Von Meinungen sollte man besser die Finger lassen. Aber genau das, so Adorno, ginge nicht, sonst sei man zur Bewegungslosigkeit verurteilt. „Ohne Hypostatis eines nicht ganz erkannten, ohne Hinnahme von etwas als Wahrheit, von dem man gar nicht weiß, ob es die Wahrheit sei, ist die Erfahrung, ja die Erhaltung des Lebens kaum möglich.

Konsequenz: Wir sind im modernen Kauderwelsch gezwungen, mit Meinungen zu operieren, die sich nicht überprüfen lassen, und neigen deshalb dazu, den Unterschied zwischen Meinung und Einsicht eher zu verwischen. An der Social Media-Theke hat man das längst kapiert und es sich zunutze gemacht. Mit dem Satz: „Das ist meine Meinung“ wird den Stammtischbrüdern und -schwestern zu verstehen gegeben, dass man voll und ganz hinter dieser, seiner/ihrer Meinung steht. Jeder Einwand entkräfte sich von selbst. Die besessene Meinung fürchtet sich nur vor ihrer Vergesellschaftung und Überprüfung. Alles wird zur bloßen Meinung. Dabei gilt das Mantra: Meine Meinung lasse ich mir von niemandem nehmen.

Was ist denn jetzt los? Orson Welles hat im Traum neben mir Platz genommen. Wir befinden uns in einem Studio in einem Radiosender. In den USA, back to the 1950s! Orson spricht in den Äther: „This is the end now. Smoke comes out … black smoke, drifting over the city.“ Die Menschen draußen knien nieder und beten. Frauen weinen, Männer denken an ihr Auto in der Garage. Viele Leute rennen auf die Straße. Aber es ist gar kein Weltuntergang. Es ist nur ein Medienexperiment. Orson, das Schlitzohr. Doch nicht alle gehen ihm auf den Leim. Ein Zuhörer meldet sich: „Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass Gott und dieser Radiomoderator gemeinsame Sache machen könnten.“ Ich stupse Orson an. „Come on“, sagt der Unvergleichliche, „ich wollte nur zeigen, wie manipulierbar die Menschen sind.“ „Interessant“, lächle ich zurück, „mit der Schrotflinte herumballern, irgendwen trifft’s immer.“ Meine Meinung.

Peter Felixberger, Montagsblock /339

01. September 2025