Wolfgang Schmidbauer 
- Fremd bleiben dürfen

Bei der ersten Begegnung mit dem Thema fiel mir eine Leuchtschrift ein, die ich vor Jahren an dem Bordell »Leierkasten« im Münchner Norden im Vorbeifahren gelesen habe: Du kommst als Fremder und gehst als Freund. Und ich dachte, für den therapeutischen Beruf müsste man sie abwandeln in: Du kommst als Fremder, und du darfst als Fremder bleiben, bis du gehst.
Auf den ersten Blick wirkt das Fremde oft nah – als sei es nur einen Schritt weit entfernt, einen mühevollen Schritt, zugegeben, aber doch nur einen Schritt. Und wenn wir diesen Schritt getan haben, erkennen wir, wie fremd es wirklich ist und wie viel uns noch zur Verständigung fehlt. Das liegt daran, dass wir oft dazu neigen, die Fremdheit zu leugnen, sie durch eine Projektion einer Idealvorstellung auszulöschen. Zunächst ein selbst erlebtes Beispiel.

Als im Alter von 25 Jahren frisch diplomierter Psychologe zweifelte ich sehr an meiner Fähigkeit, den Beruf des Psychotherapeuten auszuüben. Das Schreiben, mit dem ich mein Studium finanziert hatte, traute ich mir problemlos zu, schließlich ist der Leser ebenso verantwortlich für das, was er liest, wie der Autor für das, was er schreibt.
So fasste ich zusammen mit meiner Verlobten den verliebten Entschluss, ein dem Verfall ausgeliefertes Steinhaus in den Hügeln des Mugello zu kaufen, es bewohnbar zu machen und dort von meinen Artikeln zu leben. Ich liebte Italien, die Landschaft, die Kunst, meine Verlobte war Kunsthistorikerin und hatte in Florenz studiert. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 185)

Wolfgang Schmidbauer, geb. 1941, studierte Psychologie und promovierte 1968 über Mythos und Psychologie. Er lebt und arbeitet in München als Lehranalytiker und Paartherapeut. Zuletzt erschien Enzyklopädie der dummen Dinge.

Literatur:
Akhtar, Salman: Immigration und Identität. Gießen 2007
Feldmann, Robert E.; Seidler, Günter H. (Hrsg.): Traum(a) Migration. Gießen 2013
Freud, Sigmund: Bemerkungen über die Übertragungsliebe. Gesammelte Werke Band X. Frankfurt am Main 1950
Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Gesammelte Werke Band XIV. Frankfurt am Main 1950
Freud, Sigmund: Die endliche und die unendliche Analyse. Gesammelte Werke Band XVI. Frankfurt am Main 1950
Kogan, Ilany: »Supervisor, Therapeut und Patient. Eine psychoanalytische Annäherung an therapeutisches Arbeiten mit Flüchtlingen«. In: Utari-Witt, Hediaty; Kogan, Ilany (Hrsg.): Unterwegs in der Fremde. Psychoanalytische Erkundungen zur Migration. Gießen 2015, S. 101–113
Schmidbauer, Wolfgang: »Der Psychoanalytiker und das Irrationale«. In: Duerr, Hans-Peter: Der Wissenschaftler und das Irrationale. Zweiter Band. Frankfurt am Main 1981, S. 629–649
Schmidbauer, Wolfgang: Die deutsche Ehe. Liebe im Schatten der Geschichte. Zürich 2015
Schmidbauer, Wolfgang: Narzisstische Störungen. Plädoyer für eine Therapie »on demand«. Edel.eBooks 2013

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