Wolfgang Schmidbauer – Eine Burg voller Narren

Googles Irrwege in eine bessere Welt

Auf der Tech-Website The Verge hat Google jüngst ein internes Video veröffentlicht. Der Titel ist eine Anspielung auf Richard Dawkins’ Buch „Das egoistische Gen“, das 1976 erschienen ist und eine neue Sicht auf die Evolution begründete; Kenner rechnen es zu den einflussreichsten Sachbüchern, die jemals publiziert wurden. Wo Dawkins vom »selfish gene« spricht, titelt Google »The Selfish Ledger« und rühmt Datensammelei und Datenkonservierung, verbunden mit KI, als Mittel, Individuum und Gesellschaft auf ein höheres Entwicklungsniveau zu führen.

Ledger ist ein altes englisches Wort aus der Zeit, in der Kaufleute noch die tiefsten Geheimnisse ihres Geschäfts in ein Hauptbuch eintrugen, das nur dem Inhaber zugänglich war. Gustav Freytag hat in seinem großen Roman Soll und Haben beschrieben, wie ein Kaufmann als Zeichen höchsten Vertrauens dem künftigen Schwager Einblick in dieses geheime Rückgrat seiner Geschäfte erlaubt.

Google beschäftigt sich nun mit der Frage, ob sich die Kernaussagen über das egoistische Gen in die digitale Sphäre übertragen lassen. Das digitale Hauptbuch repräsentiert, wie der genetische Code, eine Version unseres Selbst, konstruiert und optimiert aus allem, was wir bisher wussten und wissen, tun und planen, aus unseren Aktionen und Entscheidungen. Google hilft, gesünder zu leben, den passenden Partner zu finden, sich beruflich zu verbessern. Was ich je gut gemacht habe – mein digitales Hauptbuch hält es fest, hindert, dass ich jemals unter das erreichte Niveau absinke, sichert eine Kopie meines besseren Selbst.

Je mehr Wissen gespeichert wurde, desto treffsicherer kann das Hauptbuch gute Entscheidungen empfehlen und schlechte verhindern. Und wäre es am Ende nicht wunderbar, wenn die im Ledger gespeicherten Daten wie genetische Eigenschaften von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden könnten? Hier greift Google einen umstrittenen Gedanken von Dawkins auf. Auch Dawkins hat spekuliert, dass es etwas wie kulturelle Gene gibt (und nennt sie »meme«), die von den Individuen kombiniert und weitergegeben werden. Im Prinzip ist es laut Dawkins gleichgültig, ob eine Information genetisch codiert, als Gedanke im Gehirn gespeichert ist, ob sie als Kombination von Zeichen in einem Buch steht oder als gesprochenes Wort von Mensch zu Mensch wandert. Informationen vermehren sich durch Zellteilung wie durch Kommunikation. Die Übertragung der Meme ist weniger eine Kopie von Gehirn zu Gehirn, eher ein Rezept zur Zubereitung des Kerns einer Botschaft. So wird der Darwinismus universell. (…)

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Wolfgang Schmidbauer, geb. 1941, praktiziert als Psychoanalytiker sowie Gruppen- und Paartherapeut. Zuletzt erschien „Raubbau an der Seele. Psychogramm einer überforderten Gesellschaft“.

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