Wolfgang Schmidbauer – Der entgrenzte Suizid

Narzisstische Kränkung im kalten Frieden

Die meisten gewissenhaften Selbstbeobachter werden zugeben, dass ihnen Mordimpulse nicht gänzlich fremd sind. Kaum einer hat das in einer so schönen Mischung von Idylle und Schauder vorgetragen wie Heinrich Heine: »Ich habe die friedlichste Gesinnung. Meine Wünsche sind: eine bescheidene Hütte, ein Strohdach, aber ein gutes Bett, gutes Essen, Milch und Butter, sehr frisch, vor dem Fenster Blumen, vor der Tür einige schöne Bäume, und wenn der liebe Gott mich ganz glücklich machen will, läßt er mich die Freude erleben, daß an diesen Bäumen etwa sechs bis sieben meiner Feinde aufgehängt werden. Mit gerührtem Her­zen werde ich ihnen vor ihrem Tode alle Unbill verzeihen, die sie mir im Leben zugefügt – ja man muß seinen Feinden verzeihen, aber nicht früher, als bis sie gehenkt werden.« (Heinrich Heine, Gedanken und Einfälle)

Der Dichter bekennt sich zu seiner Mordlust gegen jene, die ihn gekränkt haben. Aber er nimmt die Tat nicht selbst in die Hand, er wünscht sich, es möge ihm jemand die Henkersarbeit abnehmen. In der bürgerlichen Schicht hatte man damals noch Personal.

In Heines Notiz fällt der Zusammenhang zwischen Vereinfachung und Todeswunsch auf. Dem Dichter ist das städtische Leben mit seinen verletzenden Rivalitäten und seiner Unübersichtlichkeit zu kompliziert, er will es einfach haben. Und in der Tat ist der Tod der größte Vereinfacher und Kränkungslinderer von allen – einmal abgesehen davon, dass die Endlichkeit des Lebens selbst eine tiefe Kränkung darstellt. (…)

(weiterlesen im Kursbuch 188)

Wolfgang Schmidbauer, geb. 1941, lebt und arbeitet in München als Lehranaly­tiker und Paartherapeut. Zuletzt erschien „Die Seele des Psychologen“.

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