Wolfgang Coy – METH – EMETH

In der Rubrik Kursbuch-Classics findet sich in Kursbuch 199 „METH-EMETH. Abenteuer der künstlichen Intelligenz“ aus Kursbuch 75, aus dem Jahr 1984. Darin beschreibt Wolfgang Coy den Verlauf der Entwicklung künstlicher Intelligenzen unter Zuhilfenahme der jüdischen Golem-Legende. Für die 1980er Jahre muss er den Verlauf der technologischen Entwicklung tatsächlich analog zur Legende, nämlich von EMETH zu METH, von Wahrheit zu Tod, konstatieren. Was gilt für 2019?

Wolfgang Coy, geb. 1947, ist Professor emeritus für Informatik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Promoviert wurde er mit einer Arbeit über die Komplexität von Hardwaretests und veröffentliche zahlreiche Bücher zu Themen an der Schnittstelle zwischen menschlicher und künstlicher Intelligenz.

Textauszug

1. Der Golem als androider Helfer und Beschützer des Menschen ist eine Legende, die seit dem 10. Jahrhundert in allen jüdischen Gemeinden auftaucht. Die Übertragung der Golem-Legende auf den Rabbi Löw ist eine späte literarische Verneigung vor der Bedeutung der jüdischen Ghettos im Prag des Alchimisten-Kaisers Rudolf II. Kern dieser Legende ist der Traum vom Sprengen der Herrschaftsfesseln – zeigt sie auch kein Sprengen der politischen Fesseln, so doch die Beseitigung der unmittelbaren Fron des Menschen, der erzwungenen Arbeit. Sie ist darin den kühnen Träumen der Wissenschaft nach der Kopernikanischen (und vor allem Galileischen) Wende verpflichtet. Die Suche nach der Wahrheit ist nicht länger eine religiöse oder philosophische Aufgabe, sie soll der praktischen Veränderung der Welt dienen – selbst wenn das Erkennen der Wahrheit dabei auf der Strecke bleibt. Die Legende benennt die Spannungspole dieses Denkens deutlich: Der aus Lehm geschaffene Golem hat das Wort EMETH auf die Stirn geschrieben, das heißt »Wahrheit«. Und die Suche nach dieser, der befreienden Wahrheit endet damit, daß der Rabbi Löw seine nicht mehr zu bändigende Schöpfung auslöschen muß: Er wischt das E aus, es bleibt das Wort METH, und das heißt »Tod«. Damit ist diese Geschichte schon das ganze Lied der neuen, befreiten und als befreiend gedachten Wissenschaft: WAHRHEIT – TOD.

2. Die Golem-Legende berührt einen Kern menschlichen Denkens, einen Mythos: den Mythos der zweiten, der besseren Schöpfung, die Hoffnung auf das Überschreiten von Grenzen, deren Natur uns nicht bekannt ist (und vielleicht nicht bekannt sein kann). Da ist zunächst der Traum, die Sehnsucht nach der Befreiung von der Last der Arbeit und dahinter, wie es der Golem zuerst verheißt, die Befreiung von der Arbeit als Herrschaftsinstrument, als Peitsche der Unterdrückung, ob als Sklavenarbeit oder als Lohnarbeit oder als Arbeitslosigkeit. In seiner ersten Form nimmt dieser Traum die Gestalt des Märchens, der Legende an – kollektiver Gestaltungsprozeß gegen die herrschende Macht: gesellschaftliche Konstruktion einer neuen, besseren Wirklichkeit. In dieser Neugestaltung grenzt sich der Golem-Mythos vom Prometheus-Mythos ab; letzterer besingt die Unterordnung der Natur, ersterer die Verbesserung der Natur. Seit der Renaissance wird das Märchen verdrängt durch die wissenschaftliche Hypothese und ihre technische Realisierung: Stand des gesellschaftlichen Bewußtseins der industriellen Gesellschaften. Doch dahinter erscheint – im Spiegelbild, als verkehrtes Abbild, Neues und anderes zeigend – die Entfaltung des Mythos durch die Kunst. Dies ist der andere Weg zur Schöpfung der neuen Wirklichkeit. Traum – Wahrheit – Schöpfung sind die drei Bestimmenden dieser Utopie, die drei verschiedene, voneinander nicht unabhängige Wirklichkeiten konstruieren, drei Möglichkeiten menschlicher Arbeit also.